Archibald, eine kurze, schmerzliche Freundschaft
Von
optik
Samstag 16.04.2022, 12:34
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optik
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Kinder, besonders kleine Jungs finden ja alles was in der Natur kreucht und fleucht ungeheuer interessant und spannend. Max war auch so ein kleiner Bube. Jeder Käfer, jeder Wurm wurde genauer unter die Lupe genommen um zu erkunden, wie er fraß, wie er schlief oder einfach nur, auf welche Weise er sich bewegte.
Wir besuchten wieder einmal Tante Grete im Bergischen Land. In ihrem Garten zwischen den Sträuchern und Büschen eröffnete sich für Max ein Eldorado mit zig eigenartigen Lebewesen. Ganz besonders hatte es ihm ein flacher Tümpel angetan, in dem sich Sicker-und Regenwasser sammelte. Obwohl ihm das Spielen rund um die Wasserstelle jedes Mal untersagt wurde, der Reiz war einfach zu groß!
So saß an jenem Sonntag die Familie im Sonnenschein bei Kaffee und Kuchen als Max aufgeregt aus dem Strauchwerk gestürmt kam. Es war unschwer zu erkennen: Er war am Wasser gewesen und "guck mal was ich gefunden hab". In seinen matschig verschmierten Händchen zappelte ein schwärzliches Etwas. Oma geriet außer sich. "Junge was schleppst du jetzt wieder ran! Schmeiß das sofort wieder in das Dreckloch".
Geschockt und enttäuscht, den Tränen nahe, blickte der Knirps von einem zum anderen. "Aber es ist doch ein besonderes Tier", kam es kläglich zurück. "Lass mal sehen", Papa und Mama blickten ebenfalls auf das zappelnde Etwas und Tante Grete stellte fest, "das ist ein Molch". "Kann ich ihn mitnehmen", fragte Max.
"Aber was willste mit dem Viech und denn auch noch mitnehmen?" entrüstete sich Oma weiter, "kommt ja gar nicht in Frage". Max war total geknickt und schniefte jämmerlich. Tante Grete erkannte die Situation. „Komm mal mit“ zogen sie sich beide zurück.
In der einen Hand ein Schraubglas, in der anderen den Büchsenöffner und beide bohrten Löcher in den Deckel. Papa riet leise und klammheimlich, "füll Wasser aus dem Tümpel rein".
Max war selig. Während der Heimfahrt hielt er das Glas ganz fest und vor Omas Blicken geschützt zwischen seinen Knieen fest.
Zuhause wurde das Tier ins Aquarium gesetzt und zwischen den anderen Fischen in der neuen Umgebung fühlte er sich scheinbar recht wohl. Feierlich wurde er auf den Namen Archibald getauft.
Jeden Tag bevor Max in den Kindergarten marschierte, begrüßte er Archibald. Mittags sah er nach ihm und jeden Abend wünschte er dem glitschigen Freund eine gute Nacht. So ging es bis zum Donnerstag, da ertönte mittags ein entsetzlicher Schrei. "Archibald ist weg". Sofort setzte eine Suche ein und wirklich, unter der Couch lag -sich mühsam windend, der arme Archibald. Wir schoben ihn vorsichtig auf einen Suppenlöffel und setzten ihn wieder ins Aquarium. Sollte er einen rettenden Sprung aus dem neuen Gefängnis gewagt haben?
Für Max hieß es, auch zwischendurch nach Archibald zu schauen.
Doch das nächste Unglück nahte. Es war wieder Wochenende, als Max jammerte: "Archibald ist schon wieder weg!" In der Wohnstube krabbelten eine Mama, ein Papa und ein Kind auf dem Boden rum und suchten, leider vergebens. "Jetzt wird ihn der Hund gefressen haben", sagte Papa und löste mit den Worten bei Max ein mitfühlendes schmerzliches Wehklagen aus.
Am Nachmittag, Max schluchzte immer noch, stellte er fest, "das Aquarium blubbert auch nicht mehr"."Das muss an der Pumpe liegen" mutmaßte Papa und sah nach. In der Ansaugleitung hing leblos der arme Archibald. Er war in den Sog der Pumpe geraten.
In einer ausgeschmückten kleinen Pappschachtel fand Archibald eine würdige letzte Ruhestätte. „Er sei nun im Himmel", tröstete sich Max in seiner Trauer und pflückte drei Tage mittags auf dem Heimweg Löwenzahnblüten. Die Sträuße ließen sich kaum in den Händen halten. Ja, selbst Mamas Muttertags Strauß stand plötzlich nur noch als blütenloses Stilgebilde auf dem Tisch.
Nach der Trauer wurde Max dann doch allzu sehr von der Neugier gepackt! Das Schicksal nahm seinen Lauf.
Vier Tage nach dem Begräbnis wollte er der Sache auf den Grund gehen. Regelrecht verärgert und zornig stellte er fest: "Eigentlich sollte der Archibald doch längst im Himmel sein! Das stimmt gar nicht! Der liegt noch in der Schachtel und ..... er stinkt auch schon! ..... Versteh ich nicht", sinnierte er weiter und ging wieder spielend zu seinen Freunden.
Mama nutzte den Augenblick. Sie buddelte die Schachtel aus, entsorgte Archibald in einem Salatblatt auf dem Kompost und versengte die leere Schachtel wieder in der Erde.
Max und Archibald fanden endgültig ihren Frieden.