Am ersten Tag im eigenen Haus
Von
tastifix
Dienstag 14.06.2022, 16:50
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tastifix
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Als wir nach Düsseldorf umzogen, waren unsere Töchter 7 ½, 5 und 2xknapp 2 1/2Jahre alt.
Im neuen Haus marschierten die Vier stolz die Treppe rauf und runter. Von dann an sollte ihnen eine ganze Etage allein gehören. Für die beiden Älteren wars noch wichtiger, dass sie jede ein eigenes Zimmer bekommen würden. Doch auch die Zwillinge waren total aufgedreht und standen uns dann überall dort im Weg herum, wo man Kleinkinder, räumt man Umzugskisten aus, so gar nicht gebrauchen kann.
„S.!", baten wir die Älteste: „Spielst Du bitte mit den Kleinen? Sieh mal, wir haben noch so viel zu tun!"
´Die wissen, wie tüchtig ich bin. Ich bin ja auch schon groß!`
„Hört mal, ich hab ´ne Idee!", hieß es dann lautstark in Richtung der Geschwister.
Vor Neugierde weit aufgerissene Kulleraugen, denn die große Schwester hatte immer wieder so tolle Einfälle.
„Kompanie, im Laufschritt marsch, alle wieder nach oben!"
Dem Alter nach trippelten sie im Gänsemarsch die Treppe hoch, die Zwillinge überwanden stolz Stufe für Stufe. Denn wer dies schaffte, war ja auch schon fast groß. Es war ein Bild für die Götter, aber wir verkniffen uns tunlich das Lachen. Andernfalls wäre der Nachwuchs beleidigt und der Frieden vorbei gewesen.
Oben rumpelte es. Eindeutig genoss S. die Rolle der Kompaniechefin:
„Nein, wartet, der Tisch kommt hierhin, noch ein bisschen mehr zur Tür. Soo ... !"
Wir schielten um die Ecke. Das wollten wir uns nicht entgehen lassen. Die blöden 104 Kartons liefen ja nicht weg.
„Jetzt hol das Brett von dahinten!"
S. hatte N., Schwester Zwei, auf dem Kicker und schickte sie von Pontius nach Pilatus.
„Und mach schnell!"
N. gehorchte mit hochroten Wangen, die Ältere nahm sie ernst. Keuchend schleifte sie das schwere Holzbrett durch die lange Diele. Die Kleinen wollten ebenfalls beweisen, was sie konnten und hielten das Brett jeweils an einer Ecke fest. Wahrscheinlich aber hielten sie sich eher am Brett fest.
„Was wihird das?", fragten sie, bewundernd zur Ältesten aufschauend.
„Das Brett lehnen wir an den Tisch. Dann ist das eine Rutsche. Wer rutschen will, muss vorher ein Lied singen."
„Au ja!", machten die Kleinen und sich vor Begeisterung fast in die Hose.
Gleich darauf rumpelte es noch mehr. Anscheinend gar nicht mehr so froh piepte die Jüngste los. Die Zweite war so wahrlich nett gewesen und hatte - solch Brett ist schwer - ihr dieses in schwesterlicher Zärtlichkeit auf den Fuß gestellt.
„Mensch, wie kannste denn? Das tut doch weh!", empörte sich Kompaniechefin S., angelte ihr Tempo aus der Jogginghosentasche und trocknete Klein-K. die Tränen.
„Abaa, das is so schwer!“, verteidigte sich N. kleinlaut.
K. beruhigte sich auffallend schnell. Es war ja die Große gewesen, die sie tröstete.
Inzwischen war die Rutsche fertig, zwar ein bisschen instabil, aber na ja. Gespannt standen die Vier davor. Jetzt ging es darum: Wer durfte als Erste? Da zeigte sich S. Fürsorglichkeit den Jüngsten gegenüber.
„Du, N., wir machen es denen vor. Die sind ja noch so klein!"
Geschmeichelt nickte N. eifrig. Allzu oft würde ihre ältere Schwester sie bestimmt nicht zu den Großen zählen! S. stellte sich also in Positur:
„Ein Jäger aus Kurpfalz, der reitet durch den ... "
„Donnerwetter, sie trifft jeden Ton!", flüsterte ich dem Papa meiner Kinder zu.
Dann war das Lied zu ende. Der Rest der Kinderschar applaudierte donnernd und trampelte begeistert mit den Füßen.
Aufgeregt wartete N. auf ihr Kommando.
„So, jetzt Du!"
Gespannt sah S. die Jüngere an.
´Ob die das wohl hin kriegt? `- „Irgend ´nen Lied. Welches, ist egal!“
Verlegen nestelte N. an ihrem Kleid herum und drehte dessen Schleifen zu Miniwürsten. Dann glitt plötzlich ein Leuchten über ihr Gesicht. Sie holte laut hörbar tief Luft und schmetterte los:
„Hääschen in der Gruube, sahaaß uand slieef ... "
Doch plötzlich wusste sie nicht weiter und verstummte. Vielleicht wollte sie aber auch das Häschen nur nicht wecken.
„Macht nix!", meinte unsere Älteste und N. durfte rutschen.
Die Kleinen quietschten vor Vergnügen, alle Angst schien vergessen zu sein. Nun waren sie ja an der Reihe.
„Los, T., Du kennst doch bestimmt auch schon was."
„Waas denn ... ?"
„Na, was singt denn Mama so oft mit Euch?"
Kurzes Stirnrunzeln. Dann fing T. an:
„Häänsen kein, giang aalein in weite Wealt hihineeiin, Stoch und Huat ... "
Stille.
„Das war gaanz toll! Komm, rutsch!“
Wegen des großem Lobes aus dem Mund der ältesten Schwester nun recht übermütig, erklomm Klein-T. den ach so hohen Tisch, guckte um Beachtung heischend ringsum und setzte sich wirklich hin. Sicherheitshalber hielt S. sie aber doch am Hosenbein fest, damit die Kleine bloß nicht sofort runter fiel. Und schon landete Schwester Drei fröhlichster Miene auf dem Po.
Nun wurde es spannend. K., die Jüngste, stand jetzt im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Ihr älterer Zwilling hatte wegen der toll absolvierten Kür Oberwasser, strich der etwas unsicher drein schauenden Schwester mit einem Gesicht wie vorher S. aufmunternd über die Wange und versuchte, ihre andere Häflte aufzumutern:
„Teine Angst haben! Guck mal, hab ich doch auch nüch!"
„Genau, Kleines. Du singst doch so gerne!", redete S. ihr gut zu.
Unsere Jüngste dachte konzentriert nach und bohrte sich dabei noch konzentrierter ausgiebig in der Nase. Es hätte ja sein können, dass dann die nötige Idee schneller kam. Ihre drei Geschwister hielten den Atem an. Für einen Moment herrschte Stille. Anscheinend hatte das Nasebohren den gewünschten Erfolg gebracht. Denn K. stand auf, stellte sich vor die Anderen hin und trompetete:
„Der Moand is ausgejangen, die geelben Ternlein dangen aam Hihimmel hell un daar ... "
Draußen brannte sengend die Mittagssonne.