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Als die Rentiere streikten (Endkapitel)

Von tastifix Mittwoch 06.12.2023, 06:42

Niedergeschlagen verziehen sich die Vier in ihren Stall.
„Noch gemeiner hätten wir gar nicht sein können!"
„Immerhin haben wir es freiwillig zugegeben!“, will Goldi die Kameraden aufmuntern.
Doch vergeblich. Sie verkriechen sich in eine Ecke und finden in der Nacht kaum Schlaf.

Am nächsten Morgen bullert jemand mit den Fäusten dröhnend gegen die Stalltür. Erschrocken schnellen die Rentiere hoch.
„Bestimmt Nikolaus ...“
Kalli schielt auf die Vorderlaufuhr, ein Geschenk von Nikolaus an ihn als Zeichen der Anerkennung seiner treuen Dienste.
´Halb 6 Uhr. Ist der verrückt geworden!?`
„In spätestens fünf Minuten sehe ich Euch hier draußen. Ist das klar!?“
Die Stimme verrät Unheil. Hastig schlappen die Rentiere einen Schluck Wasser, mümmeln einen Haferhalm und stolpern auf wackeligen Beinen in die Kälte hinaus.
„Morgen!“
Nikolaus durchbohrt die Vierbeiner mit stahlharten Blicken und bombardiert sie mit einer Strafpredigt.
„So: Weihnachten ist vorbei. Die Wolkenburg der Engel ähnelt einem Schlachtfeld. Und das werdet Ihr so lange schrubben, bis ich selbst mit einer Lupe kein Staubkorn mehr entdecken kann. Verstanden!??“
„Aber ... ,“ muckt Kalli auf.
Seine Kameraden ducken sich sicherheitshalber.
´Dass Kalli sich das jetzt noch wagt …`
Goldi versetzt dem Freund heimlich einen Tritt.
„Au!“, quietscht der.
„Sscht! Du machst alles nur noch schlimmer!“
„Abeeer … ?“, brüllt Nikolaus Kalli an.
„Neihein, nichts!“
„Ist auch Dein Glück!“

Wirklich hat dann Klein-Fränzi die rettende Idee, hebt zögerlich den Kopf und guckt Nikolaus bettelnd an.
„Was ist!!?“, reagiert der sehr unwirsch.
„Nikolaus, uns tut es doch so leid und wir haben alles von uns aus zugegeben. Bei den Menschen fällt die Strafe dann etwas weniger hart aus. Könntest Du denn nicht auch ... ?“
Demütig scharrt Fränzi mit den Hufen. Die Anderen dann ebenfalls. Nikolaus schaut zwar noch setwas sauer, aber die Vierbeiner kennen ihn gut genug und schöpfen Hoffnung.
„Sag doch endlich etwas, Nikolaus!“
Der marschiert grübelnd auf und ab.
„Verdient habt Ihr es eigentlich nicht. Doch eine solche Frechheit habt Ihr Euch ja noch nie erlaubt und werdet es hoffentlich auch ...“
„Niemals mehr wieder!!“
„Gut. Denn will ich mal Gnade vor Recht ergehen lassen!“, entscheidet Nikolaus. „Und nun: Augen zu!“
Kalli und seine Kameraden gehorchen.
´Was hat er nur vor?`
Sie spüren ein heftiges Kribbeln in den Schaufeln und an den Mäulern. Dann ist es vorbei.
„Augen auf!“
Zögerlich blinzeln die Rentiere ins Helle. Vor ihnen steht Nikolaus` prächtiger Himmelsspiegel. Kalli lugt hinein und ist entsetzt.
„Wie sehe ich denn aus?“
Sein Geweih streckt sich nicht wie bei jedem anständigen Rentier nach oben, sondern ist gebogen wie die Schaufel eines Baggers. Den Kameraden ergeht es ähnlich. Goldis Maul sieht aus wie ein Staubsaugerrohr, Schnubi schleppt einen Schrubber, An Knapps` und Braunchens Mäulern hängen Mikrofaserstaubtücher und Fränzi trägt ein Kehrblech in der Schnauze.
„Jetzt verschwindet und wehe, wenn Ihr Eure Arbeit nicht bestens erledigt!!“

„Wie konnte er nur ... ? - Die Engel kriegen ´nen Schreikrampf vor lachen!"
Die Sechs fühlen sich rentierelend. Von Gewissensbissen geplagt, eilen sie zu deren Wolkenburg und schellen. Nichts passiert.
„Uund was jeetzt?“
Ratlos blicken sie sich an. Noch während sie überlegen, ob sie es wagen dürfen, unverrichteter Dinge bei Nikolaus wieder vorzusprechen, öffnet sich denn doch wie von Geisterhand die Tür. Die Rentiere traben hinein.
„Ach, du Sch... !“, entfährt es Braunchen.
„Biste verrückt, jetzt zu fluchen?“, weisen ihn die Anderen ängstlich zurecht.
An den Wänden und auf den Möbeln pappen grässliche Klebeschmierereien, auf dem Teppich stapeln sich Unmengen Papier- und Geschenkbandschnipsel und das edle weiße Parkett verunzieren grauenhafte Plackafarb- und Tintenkleckse. Zudem wirbeln überall Federn umher.

„Die haben sich die Engel garantiert beim Geschenke schleppen ausgerissen!“, murmeln die Rentiere mitleidig.
Aber noch nicht mal für das Mitleid haben bleibt ihnen Zeit. Jetzt müssen sie schuften. Kalli betätigt sich als Baggerschaufel und schaufelt den Papierkram zusammen. Goldi saugt währenddessen eifrig Federn auf. Knabbs und Braunchen machen Jagd auf jedes noch so winzige Staubkorn. Schnubi schrubbt das Parkett. Fränzi saust mit dem Kehrblech hinterher und entsorgt den ganzen Weihnachts-Abfallmist in die Himmelsbiotonne neben dem Eingang.
Hausarbeit ist kein Zuckerschlecken. Stunde um Stunde mühen sie sich ab und dennoch ist kein Ende abzusehen. Kalli schmerzt mittlerweile vom Schaufeln das Geweih. Goldi fühlt sich wie vollgesaugt. Schnubi spürt die Knochen kaum noch. Knapps und Braunchen verzweifeln an den immer neuen Staubflockenbergen und Fränzi würde das Kehrblech am liebsten zur Erde pfeffern, weil ihm vom Bücken der Rücken schrecklich weh tut.

Erst am späten Nachmittag dürfen sie aufatmen. Alles blinkt und blitzt wie vor den Festtagen. Völlig groggy von der Putzstrapaze hocken die Vierbeiner auf dem Teppich und stöhnen sich ausgiebig etwas vor.
„Nie wieder ärgere ich Nikolaus!“, jammert Kalli.
„Nie, niiee wieder!!“, klagen seine Kameraden.
Kaum haben sie es ausgesprochen, trägt Kalli erneut sein stolzes Geweih. Goldis Rüssel bildet sich zu einem hübschen Maul zurück und Schnubis Schrubber, Knabbs` und Braunchens Staubtücher wie auch Fränzis Kehrblech verschwinden in den wolkenburgischen Hauswirtschaftsraum.

Und die Rentiere werden nicht länger von Schmerzen geplagt. Glücklich galoppieren sie in übermütigen Sprüngen zum Stall zurück. Im Himmel ist wieder alles okay.

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