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4800 Meter

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 11.05.2021, 08:19 – geändert Dienstag 11.05.2021, 08:21

4800 Meter

Flugtag auf dem Verkehrsflughafen Vilshofen. Das sind nur ein paar Kilometer von meinem Haus entfernt. Es ist strahlend blauer Himmel, schön warm, da fahren wir hin, das sehen wir uns an. Man kann ein- und zweimotorige Flugzeuge, Sportmaschinen, Doppeldecker, Kunstflieger und sogar ein Düsenflugzeug, den Learjet 35 eines Bauunternehmers besichtigen. Während die Kunstflieger am Himmel ihre Kunststückchen vorführen, sitzen meine Frau und ich an einem Biertisch und verputzen eine Currywurst. Ein Junge mit einem kleinen blauen Plastikeimerchen kommt an den Tisch. Er verkauft Lose. Nimm halt eins, sagt meine Frau. Ich hab noch ein 2 - Eurostück vom Wechselgeld in der Tasche. Das gibt zwei Lose. Ich stecke sie in die Tasche. Die Flugschau geht langsam zu Ende, ich hab Kaffeedurst und will nach Hause.
Drei Tage später kommt meine Frau mit der Tageszeitung. Du hast doch die Lose gekauft. Hast du die noch irgendwo? Hier sind die Gewinnzahlen in der Zeitung. Ich durchsuche die Jackentaschen. Da sind die beiden Lose. 407 und 1725 sage ich zu meiner Frau. Sie fährt mit dem Finger über die Reihe mit den Zahlen. Vierhundertwas fragt sie? 407. Du hast gewonnen, sagt sie. Laß sehen. Tatsächlich, da steht es: 407. Und was hab ich gewonnen, steht das auch da. Ja, sagt sie, weiter unten im Text. Ich lese weiter. Da. Die Losnummern 293, 407 und 1053 je ein Tandem - Fallschirmsprung. Das kannst du vergessen, sag ich zu meiner Frau, das mach ich nicht. Ruf doch mal an, wann das ist, informieren können wir uns ja mal, vielleicht will unser Sohn, wenn du nicht magst. Ich rufe an. Sonntag vormittag 10 Uhr ist Einweisung und Trockenübung.
Wir fahren hin. Acht Leute sind da, alle wesentlich jünger als ich, so zwischen 20 und 35 Jahre alt, drei Frauen und fünf Männer.
Sie sind einer der Gewinner? werde ich gefragt. Ja, hier ist das Los. Na, dann kommen sie mit auf die Wiese. Die anderen sehen mich neugierig an. Ich will nicht kneifen, mache auf ganz cool und geh mit. Meine Frau schaut irritiert hinterher.
Wir bekommen ein Hosenträgergeschir hingehalten, in das wir mit den Füßen einsteigen. Die Hosenträger über die Schulter und vorne quer verbunden. An den Schultern und am Becken sind rechts und links große, kräftige Karabinerhaken. Die werden am Geschirr des "Jumpmasters", so heißt der Springer, festgemacht. Dann wird gezeigt, wie man die Arme hält, wie die Beine bei der Landung angewinkelt werden, wie der Kopf bei der Landung mit dem Kinn auf die Brust gedrückt wird. Es folgt ein Fragebogen mit Gesundheitscheck. Alles gut. Sie können mit. Sonntag 10 Uhr geht‘s los, falls das Wetter es zulässt. Es gibt drei Ausweichtermine. Ich kann und will nicht mehr zurück. Kneifen gibt‘s nicht, zumal meine Frau schon Nachbarn und Bekannten erzählt hat, daß ich Fallschirm springen will.
Am nächsten Sonntag kurz nach neun fahren wir los. Ich habe nichts gefrühstückt. Im Magen flattern tausend Schmetterlinge. Kurz vor halb zehn sind wir da. Am Rollfeld steht eine zweimotorige Propellermaschine mit Bundeswehr- Tarnanstrich. Alle acht Deliquenten sind da.
Ich bekomme einen bordeauxfarbenen Overall verpaßt und ziehe weisungsgemäß Turnschuhe an. Die Schnürsenkel werden einmal unter der Sohle hindurch geführt und dann gebunden. Ich bekomme einen rot-weißen Lederhelm. Seitlich baumelt eine Brille, die aussieht wie eine Taucherbrille. Sie soll gegen den scharfen Wind schützen und ermöglichen, daß man auch etwas sieht. Das Gurtgeschirr wird angelegt und festgezurrt. Es wird von drei Springern kontrolliert, ob alle die Gurte korrekt angelegt haben. Dann geht es im Gänsemarsch zur Maschine. Eine der Frauen hat einen hysterischen Lachanfall und ihr Freund sagt ihr etwas, worauf sie sofort verstummt.
Ich bin der Bernd, hat mein "Jumpmaster" zu mir gesagt und nochmal an die Haltung der Arme und Beine erinnert.
In der Maschine sitzen wir auf dem Boden. Zwei Reihen zu je acht Leuten. Ich sitze als dritter auf der rechten Seite, da wo die Tür ist. Bernd hinter mir. Er hat die Hände auf meinen Schultern und tätschelt beruhigend. Der Aufstieg dauert 35 Minuten. Am Bauch hängt ein runder Höhenmesser, auf dem man die aktuelle Höhe sehen kann. Bei 4200 Meter schiebt mein Vordermann die breite Flügeltüre auf. Augenblicklich erfüllt ein lautes Luftgeräusch die Maschine. Der Vordermann setzt sich hinter seinen Sprungpartner, klickt die Karabinerhaken ein und beide rutschen auf dem Hosenboden zur Tür. Der Höhenmesser zeigte 4800 Meter. Der erste Springer stellte die Füße auf einen Holm außen am Flugzeug, klopfte seinem Gast auf die Schulter und schwupps, waren die beiden verschwunden. Bernd schob mich zur Tür. Unter mir fühlte ich mit den Füßen den Holm. Die Brille aufgesetzt. Die Arme hatte ich ausgestreckt und links und rechts die Hände am Türrahmen. Mein Herz schlug bis zum Hals und ich schaute auf einige kleine Wolken unter mir. In dem Moment gab es einen Schubs nach vorne und ich fiel ins Leere. Wir überschlugen uns zwei oder dreimal und Bernd faßte an meine Hände und zog die Arme auseinander. Ich erinnerte mich an das Gelernte, winkelte die Beine an und hielt die Arme ausgebreitet. Wir stabilisierten uns und ich hing unter Bernd an den Haken. Man spürt sein eigenes Gewicht nicht. Tief unter uns sah ich wie einen riesigen Flickenteppich die Felder, das glitzernde Band der Donau und wie mit dem Lineal gezogen die Autobahn. So fielen wir mit etwa 300 Stundenkilometern gut eine Minute im freien Fall. Dann gab es einen schmerzhaften Ruck. Der Hauptfallschirm hatte sich geöffnet und schwebte wie ein riesiges blaues Kissen über uns.
Langsam, gegenüber dem freien Fall gaaaanz langsam schwebten wir Richtung Erde. Jetzt konnte ich auch wieder richtig atmen. Ich hatte die ganze Zeit die Luft angehalten. Neun Minuten dauerte das langsame Schweben zur Erde. Es war unbeschreiblich schön. Etwa hundert Meter über dem Boden winkelte ich die Beine an, Bernd zog kurz über der Erde den Schirm nochmals etwas hoch und landete sanft auf den Füßen. Ich lief etwa vier, fünf Schritte mit und stand sicher, wenn auch mit etwas wackeligen Beinen auf der Erde.

Immer, wenn ich heute zu den Wolken hochschaue, denke ich, da oben, da war ich schon mal.

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