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1962 - 1968

Von Feierabend-Mitglied 30.05.2021, 01:44

1962 - 1968

Als ich in Pension ging, bestand meine Frau darauf, daß ich einmal mein Büro aufräume und alle Uraltunterlagen wegschmeiße. Ich bin ein pedantischer Aufheber und habe jede Rechnung, jeden je erhaltenen Beleg immer aufgehoben und in unzähligen Ordnern abgeheftet. Zudem stand noch eine große Kiste Fotos und alte Belege in der Ecke. Ich habe meine ältesten Papiere herausgekramt und nach alten Fotos gesucht. Dabei fielen mir Abrechnungszettel vom Großmarkt in Paris in die Hände. das war noch der alte Großmarkt, der Bauch von Paris. Diese Zettel bekamen die Hilfsarbeiter ohne feste Anstellung als Arbeitsnachweis. Sie hatten an jedem Tag eine andere Farbe. In der Mitte war der Stempel der Firma, bei der man gearbeitet hatte, daneben stand die Stundenzahl und quer über dem Stempel die Unterschrift. Der Stundenlohn betrug 1800 alte oder 12 neue Franc, etwa 3,oo DM.

Am 1. April 1962, ich war gerade 14 Jahre und 2 Monate alt, stieg ich in Paris im Gare de l'Est aus dem Zug. Ich ging schon in der nächsten Nacht zum Großmarkt und suchte Arbeit. Die ersten 4 Monate mußte ich mich am Tor in die Schar der arbeitssuchenden einreihen. Ich war 14 Jahre jung , kräftig und von Kind an arbeiten gewohnt. So hatte ich keine Mühe, genommen zu werden. Nachdem mich der Vorarbeiter der Fa. Olivier Meurzec, Alphonse Roth, einige Male ausgewählt und mir beim Arbeiten zugeschaut hatte, mußte ich eines Nachts ins Büro. An einem Stehpult, an dem er mit einem Tintenfüller die Orders schrieb, stand der Patron, Monsieur Meurzec." Wie mir Alphonse sagt, bist du zuverlässig. Du brauchst nicht mehr am Tor zu stehen. Du bekommst einen Ausweis, dann kannst du, wenn du möchtest, fest bei uns arbeiten!"

Ich bedankte mich höflichst und von da an arbeitete ich jede Nacht von 11.30 Uhr bis morgens um 06.30 Uhr in der „Halle des fruits et légumes“. Kühlhäuser putzen, LKW beladen, den Stand aufbauen helfen, das war nun meine tägliche Arbeit. Nach der Arbeit in der Halle konnte ich im Keller duschen.

Jeden Morgen nach Feierabend ging ich zum Bistro der Halle, klopfte ans Fenster und der Koch füllte für 2 neue Franc meinen Henkelmann, indem er aus den riesigen Töpfen auf dem Herd vom Rest im Topf etwas abschöpfte. Ich brauche nicht zu sagen, dass das Essen in den Bistros der Hallen topfrisch und exzellent war. Dort habe ich Produkte kennen gelernt, die ich noch nie vorher gesehen, geschweige gegessen hatte. Das hat meinen Geschmack geprägt bis heute.

Dann lief ich die zweieinhalb km über die Rue du Louvre am Louvre vorbei, zur Rue Montmartre, diese bis zur Place Pigalle am Boulevard de Clichy und dann noch die wenigen Schritte zu meinem Zimmer in der Rue Piemontesi Nr.6. Ich brauchte eine knappe halbe Stunde und brachte Mme. Barzies, die Hausbesitzerin und gleichzeitig Portière war, frische Croissants mit. Im 5. Stock hatte ich ein winziges Zimmer. Ein Waschbecken gab es im Treppenhaus, ein Plumpsklo unten im Hof. Ich zog mich um und lief ins Lycee Francais in den Schulunterricht. Um 14 Uhr war Unterrichtsende. Ich lief nach Hause, machte Hausaufgaben und fiel wie tot ins Bett. Um halb elf stand ich auf und ging zur Arbeit.
Sechs Jahre lang, 6 Tage die Woche.
Absoluter Höhepunkt der Woche war der späte Samstagabend. Da ging ich zum L’Elysée Montmartre, wo berühmte und vollkommen unbekannte Sängerinnen und Sänger auftraten und die typischen französischen Chansons sangen. Einmal, unvergessen sah und hörte ich Edith Piaf. Es war ein unglaublicher Kontrast zwischen dieser voluminösen, kraftvollen Stimme und dem kleinen, zierlichen Persönchen, das da auf der Bühne stand.

Nach dem Konzert saß sie, umringt von Freunden und Fans 200 Meter weiter im Restaurant „Chez Grisette“ und trank Champagner aus der Flasche. Ich hatte mich hineingezwängt und stand seitlich am Kleiderständer und schaute fasziniert dem Treiben zu. Die Piaf war enorm laut, tyrannisierte die Kellner und war unglaublich ordinär. Ich trank ein Bock, das ist ein kleines Bier, das billigste Getränk das zu haben war, und niemand scherte sich darum, dass da ein 16-jähriger Junge um Mitternacht biertrinkend im Restaurant stand.

1966 machte ich am Lycee Francais mein Abitur und blieb noch 2 Semester an der Sorbonne im Pariser Quartier Latin. Im Mai 1968 ging ich nach sechs Jahren wieder nach Deutschland zurück. So habe ich seit meinem 14. Lebensjahr selbst für meinen Lebensunterhalt gesorgt. Man war gezwungen, rasch erwachsen zu werden.
Für das kleine Dorf im saarländischen Hochwald war ich für immer verloren. Ich bin nie wieder dahin zurückgegangen. Und trotzdem hatten mir die ersten 14 Jahre der Kindheit in der Geborgenheit einer Großfamilie das Rüstzeug und Selbstvertrauen mitgegeben, das mich mit Mut und Zuversicht in eine riesige fremde Stadt gehen ließ.

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