1. Mai – Tag der Arbeit
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Feierabend-Mitglied
02.05.2021, 14:49
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1. Mai – Tag der Arbeit
Ich war zehn Jahre und stand maulend und quengelnd in der Stube. In der Hand ein Fähnchen mit dem Aufdruck „DGB“. Mein Papa kam ins Zimmer und hatte seine Bergmanns Gala Uniform und den Hut mit dem weißen Federbusch als Vorsitzender des Berg- und Hüttenarbeitervereins auf dem Kopf. Wir sollten zur zentralen Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes nach Neunkirchen fahren. Dazu hatte ich so gar keine Lust und hätte den schulfreien Feiertag lieber zuhause mit meinen Freunden gespielt. Aber mein Bruder und ich mußten mit. Von den Reden, die dort gehalten wurden, haben wir Inhaltlich nichts verstanden und uns elend gelangweilt.
Einige Zeit danach nahm uns unser Papa mit zu seiner Arbeit. Er arbeitete seit 1947 bei den Röchling Stahlwerken in Völklingen. Was genau er da machte, davon hatten wir keine Vorstellung. Ich arbeite am Roheisenkanal, sagte er, wenn wir ihn einmal danach fragten, was er arbeitet.
Wir kamen in Völklingen an und standen mit ein paar anderen Besuchern auf einer Art Bühne, vor uns eine große Glasscheibe und wir schauten auf einen riesigen Hochofen. Auf dem Boden waren mit Schamottsteinen ausgemauerte Kanäle, die wir aber zuerst garnicht wahrnahmen. Von Hochofen und den Kanälen waren wir gut 50 Meter entfernt. Vor der Seite kamen gut 20 Männer in silbrig glänzenden Asbestanzügen mit ebensolchen Helmen auf dem Kopf, die vorne schwarze Gläser wie Schweißerbrillen hatten. Unseren Papa haben wir darunter nicht erkannt.
Mit einem ohrenbetäubenden Knall hatte sich ein Verschlußpfropfen aus dem Hochofen gelöst und weiß weißer, gleißender Strahl flüssiger Stahl schoß heraus und ergoß sich in die Kanäle. Die Männer hatten lange Stangen in den Handschuh geschützten Händen und stieße Schlacke, die sich an der Oberfläche bildete zurück in den Kanal. Unmittelbar an den Kanälen herrschte eine Temperatur von 200°Grad , in der Halle permanent 60 – 70°Grad. Die Männer mußten in jeder Schicht sechs Liter Mineralwasser trinken, damit sie nicht dehydrierten. In diesem Wahnsinnsklima arbeiteten diese Männer acht Stunden lang im 3 Schicht System. 10 Tage Frühschicht, zwei Tage frei, zehn Tage Mittagschicht, zwei Tage frei, zehn Tage Nachtschicht, drei Tage frei, das ganze Jahr hindurch, auch Sonn- und Feiertags, egal ob Weihnachten oder Ostern oder was auch immer privat geschah.
Daß wir diese Arbeit machen können unter Bedingungen, die einigermaßen erträglich sind, daß wir angemessene Urlaubstage, Sicherheitsstandards, Arbeits- und Pausen- und Ruhezeiten haben, das verdanken wir den Gewerkschaften und Kundgebungen wie am 1. Mai. Deshalb habe ich euch Jungen mitgenommen. Vergesst das nie.
42 Jahre hat Papa „beim Röchling“ gearbeitet, die letzen 14 Jahre an der Roheisenwaage in einem klimatisierten Raum. Heute, am 1. Mai 2021 denke ich an ihn und alle, die wie er schuften mußten
und auch daran, daß Männer wie er durch ihre Zugehörigkeit zu den Gewerkschaften mit beigetragen haben, daß es heute gute Arbeitsstandards gibt, aber auch noch zu viele Menschen diese nicht haben. Kämpfen lohnt sich also, auch heute noch, am 1. Mai 2021