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Mal so - mal so!

Von Feierabend-Mitglied Freitag 14.05.2021, 09:19

Mal so - mal so!

Am 11.11.1918 endete der 1. Weltkrieg. Für viele Saarländer ein besonderes Datum, haben wir doch der Gefallenen eines heutigen deutschen Bundeslandes auf beiden Seiten des Krieges zu gedenken, sind doch die Toten der deutsch-französischen Kriege auf beiden Seiten unsere Brüder, Söhne, Väter, Onkel und Cousins gewesen.
Alle meine Vorfahren sind geboren und lebten nachweislich seit 1630 im gleichen Ort im heutigen Saarland. Auch ich bin dort geboren.
Mein Urgroßvater Johann, geboren 1841 wurde unter napoleonischer Herrschaft und unter französischer Verwaltung geboren. Sein Geburtsort gehörte zum Departement Lorraine mit Verwaltungssitz Metz – Woippy . Er war Landwirt und Bergmann und arbeitete in dem lothringische Bergwerk de Wendel-Vuillemin (heute Kleinrosseln) für die Houillères du Bassin Lorrain. Dort lernte er in der Kantine die 22-jährige Küchenhilfe Marie-Claire kennen und lieben und heiratete sie. 1870 wurde er zur französischen Grande Armee eingezogen und kämpfte als französischer Soldat 1870/71 gegen Deutschland. Nachdem der Krieg von Deutschland gewonnen wurde, wurden Teile von Elsaß - Lothringen und das heutige Saarland deutsch.

So wurde mein Großvater 1880 als Deutscher geboren. 1914 wurde er eingezogen und lag in Verdun, 16 km vom Heimatort seiner Mama deren Neffen, seinen Cousins gegenüber, die in der französischen Armee dienen mussten. So erging es tausenden von Männern, die in eine Armee gezwungen wurden in die sie nicht wollten und die gegen Menschen ins Feld zogen, mit denen sie verwandt und verbrüdert waren.
Als dann, am 11.11.1918 Deutschland kapitulierte, wurde unser Heimatort wieder französisch. Und die zentralistisch auf Paris ausgerichteten Verwaltungen verstanden diese Problematik nie und gingen gegen alle, die in der deutschen Armee gekämpft hatten, mit enormer Härte vor. Sie mussten über Jahre für einen Hungerlohn in den lothringischen Bergwerken schuften.
1935 kam es dann unter Hitler mit dem Slogan „Deutsch ist die Saar, deutsch immerdar“ zur Saarabstimmung. Und die Mehrheit der Saarländer stimmten dieser „heim ins Reich“ Propaganda zu, weil sie die teilweise miserable Behandlung durch die französische Administration satt hatte.

Die Saarländer wurden also wieder deutsch und mein 1921 geborener Vater wurde gleich 1939 als 18-jähriger zur Wehrmacht eingezogen und marschierte 1940 als feindlicher Soldat durch das Dorf seiner Oma wo er als Schüler seine Ferien verbracht hatte und die Hälfte unserer Verwandten lebte. Fünf Jahre später, nach dem verlorenen 2. Weltkrieg wurde unser Dorf wieder französisch.

Ich wurde 1948 also als Franzose geboren, 1954 in die l'école primeur eingeschult und habe dann die Saarabstimmung 1957 live miterlebt. Die Saarländer stimmten wieder für die Angliederung an Deutschland. Die Gründe dafür sind eindeutig das „deutsche Wirtschaftswunder“ direkt vor der Haustüre und das Verhalten der französischen Administration noch fast 12 Jahre nach dem Krieg. Das Saarland lag zu diesem Zeitpunkt noch an vielen Stellen in Trümmern, für die Zentralregierung in Paris war das Land der billige Lieferant für Kohle und Stahl, investiert wurde nichts, nur genommen. Deshalb war das Ergebnis der Abstimmung auch nicht überraschend.
Der 5.7.1959 geht als "Tag X" in die saarländische Geschichte ein. An diesem Tag stand ich mit meinen Eltern an der Grenze „ins Reich“, wie man bei uns sagte, 4 km vor unserem Dorf und sah zu, wie um Mitternacht der Schlagbaum demontiert wurde. Neben uns stand mein Onkel Robert aus Saaregemünd mit seiner Familie und als sie nach Hause fuhren, mussten sie zum ersten Mal über eine Grenze nach Frankreich einreisen.
1970 lernte ich meine Frau kennen. Sie kommt aus Veaudrevange und da ich von Kind auf französisch wie deutsch sprach, war ich bei ihrer Familie, wo die jungen kein deutsch mehr sprachen, schnell akzeptiert. Unser Sohn ist auch zweisprachig aufgewachsen und es ist für ihn selbstverständlich, mit Grande-Mère et Grande-Père und seinen Cousins und Cousinen französisch zu sprechen.
Ich habe Gott sei Dank keinen Krieg erleben müssen und ich erhoffe es auch für meinen Sohn und meine Enkel. Und ich hoffe, dass ein vereinigtes Europa nie mehr untereinander Krieg erleben muß. Und ich hoffe, dass wir nie mehr einen Ausweis vorzeigen müssen, wenn wir unsere französischen Verwandten besuchen.

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