Erinnerungen Venezuela
Von
speedygonzalez
Dienstag 17.08.2021, 00:20
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speedygonzalez
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In Venezuela geht man nicht zu Fuß, auch nicht die kürzeste Strecke. Dafür gibt es Autos, Taxis und die „Por Puestos". Diese Sitzplatztaxis fahren ihre Routen permanent ab. Man winkt, sie scheren aus dem Verkehrsstrom aus, häufig mit Hupen, Bremsenkreischen der Nachfolger und nehmen dich auf. Man zahlt einen Bolívar und sagt, wo er wieder halten soll. So kann man für 5 Bs auch den Flughafen Maiquetía, 15 km, an der Küste unten erreichen. Allerdings gehen diese Taxis nur von Cata, am Westrand der Stadt ab. Durch die Stadt nimmt man sich dann ein Por Puesto. Bei einem normalen Taxi ist man gut beraten, wenn man vorher den Preis fragt und dann sofort nur die Hälfte als Antwort gibt. Man muss halt handeln.
Auch mit den Polizisten. Mit meiner Statur und den blonden Haaren sah ich einem Gringo immer ähnlich, bis ich dann aufgeklärt wurde und sofort durchblicken ließ, dass ich „Musiú“, also Europäer bin. Das Klima war dann sofort wie ausgewechselt. Wenn ich angehalten wurde, häufig einfach nur, weil ich so aussah, durfte man auf keinen Fall dem Caballero einfach einen Geldschein hinhalten. Da wären sie verdammt ärgerlich geworden, denn bestechen lassen sie sich nicht. Der feine Unterschied war, dass ich dem letzten, der mich angehalten hatte, etwas für einen Blumenstrauß auf das Grab seiner Tochter gegeben habe. Ist doch reines Mitgefühl für den immensen Verlust, oder?
Nach 3 Jahren erst lernte ich, dass es bei Bußgeldern, für den Beamten gar keine Handhabe gibt, mich einzubuchten, wie sie es immer andeuteten. Ich hätte immer nur darauf bestehen müssen, dass sie mich aufschreiben und mir den Bescheid zusenden. Es war ihnen ja nicht einmal gestattet, meine Cédula, die ID-Karte festzuhalten. Die steckten sie gerne erst einmal in ihren Gürtel, bevor sie mit der Verhandlung begannen. Nein, sofort darauf bestehen, dass die sich alles notieren und die Cédula zurückgeben. Natürlich habe ich mir selber auch gleich seine Nummer und Namen auf der Hemdenbrust notiert. Da wurden sie dann schon sehr viel leiser.
Nur wenn bei einem Unfall Blut geflossen ist, werden ausnahmslos alle erst mal eingebuchtet, bis die Schuldfrage geklärt ist. Das hört sich dramatisch an, ist es im Allgemeinen aber nicht. Dort wird gefahren, wie man eben kann. Wer abbiegt zeigt mit der Linken, die sowieso immer zum Fenster heraushängt die Richtung an und zeigt auch, wenn er bremst. Und ich finde ein mehr oder weniger deutliches Abwinken zeigt weitaus besser, ob ich anbremse oder in die Eisen steigen muss. Ferner kann man auch mit der Linken sehr subtil den Autofahrern rundum die Meinung sagen, was man von ihrem Fahrstil (und ihrer Verwandtschaft, spez. der Mutter) hält.
Aber es soll keiner versuchen, irgendeiner Respektsperson pampig zu kommen. So habe ich einmal erlebt, dass eine Stewardess einen Fluggast, der wegen einer zusätzlichen Passagierkontrolle gemotzt hatte, mit Hilfe des Piloten und der Polizei hinaussetzen ließ. Die Maschine war schon im Anrollen, doch dann hielt sie wieder, die Treppe kam und der Kerl wurde abgeführt. Ich wollte schon Luftholen, um meiner Meinung dazu Ausdruck zu geben, doch ein ganz leises ‚Sssst, Señor‘, meines Arbeitskollegen, ließ mich dann doch ruhig bleiben.
Da es während der Regenzeit und auch sonst regelmäßig sehr heftig regnet, sind Kanäle am Straßenrand, wie wir sie kennen unmöglich. Die würden die Wassermassen gar nicht fassen können. Deshalb sind es häufig als ca. 80cm breite oben offene, mit starken Gitterstäben versehene Kanäle, schräg über die Straße laufend. Aber dadurch sind sie dann wieder so weit offen, dass auch kleinere Äste und Cola Dosen drin steckenbleiben können und das Wasser, dem es sowieso egal ist, schießt die Avenidas hinunter. Gelangt aber ausreichend Wasser in diese Kanäle so baut sich ein Staudruck darin auf, der hoch genug ist, die weiter unten liegenden Kanaldeckel anzuheben und beiseite zu schwemmen. Dann steht eine solide gedrungene Wassersäule auf der Straße. Je nach Regenmenge 1 – 1,5 m hoch. Senkt sich eine Calle rechts oder links der Bergflanke entlang dann etwas, so geht die ganze Drecksflut den abschüssigeren Weg. So oder so, zum Schluss landet alles im Tal auf der Autopista, bis es sich einen Weg zum Guaire, dem kleinen "Hausbach" von Caracas gesucht hat. Häufig genug steht dann Auto an Auto und wartet halt bis alles vorbei ist.
Neuling, der ich war, konnte ich natürlich alles besser und schob mich, quer durch den stillstehenden Verkehr wuselnd, an den phlegmatisch wartenden Caraqueños vorbei. Wurde dann jedoch von einem Widerstand sanft aber unmissverständlich zum Stehen gebracht. Braune Brühe bis an die Türe - nee, aussteigen lieber nicht. So wartete ich und alle, die dann, als es endlich weiterging, an mir vorbeikamen, sagten mir, dass ich einen „Arbol“ vor dem Wagen hätte. Da ich keine Ahnung hatte, was ein Arbol ist und der Motor außerdem abgesoffen war, nickte ich nur - und wartete. Als ich dann endlich aus dem Wagen konnte, sah ich, dass quer vor dem Kühler ein Stück Baumstamm lag. OH, Mann. Mit Anschleppen bzw. Anschieben kam mein Auto dann doch wieder flott und ich konnte nach Hause. Bei solchem Anschieben, auch das habe ich dort gelernt, setzt sich ein anderes Auto, Stoßstange an Stoßstange, dahinter und schiebt das vordere in Gang.
Bei denen ist ein Auto halt auch nur ein Auto und hat einen von hier nach da zu bringen. Kein "heiligs Blächle" wie in Deutschland