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Erinnerungen

Von speedygonzalez Montag 12.07.2021, 01:50

Colonia Tovar und andere Fahrten, Venezuela

60 km landeinwärts hoch in den Bergen über Caracas liegt eine Ortschaft mit dem Namen „Colonia Tovar“. Wenn man in dieses Örtchen, auf 1600m über NN, hineinfährt, könnte man meinen, man sei im südlichen Schwarzwald. Stimmt soweit.
Anfang des neunzehnten Jahrhunderts hat Sr. Tovar fast die gesamten Einwohner eines Örtchens aus dem Südschwarzwald eingeladen zu emigrieren und sie hier oben angesiedelt. Der Baustil wurde von den Siedlern von zu Hause übernommen, auch das Brotbacken und das Fleischerhandwerk. Roggenbrot gibt es in ganz Venezuela nur hier in diesem Ort und so finden sich an jedem Wochenende Deutsche aus Caracas, Maracay und Valencia ein, um einmal wieder Sauerkraut und andere deutsche Schmankerl zu genießen. Brot wird natürlich mit hinunter genommen, Blut-und Leberwurst auch.
Wir sind gerne hinauf gefahren, denn mit 600 Höhenmetern mehr als Caracas ist die Luft sehr viel angenehmer, als in Caracas mit seinen 1000m über NN. Immer fanden wir ein Plätzchen, wo wir Picknick machen konnten. Auf dem Heimweg wieder deftiges Brot eingekauft und wir waren zufrieden.
Bei einem gemeinsamen Ausflug mit den Freunden nach Tovar waren wir alle in meinem Wagen, einem VW 1600 Combi, etwas abseits der Touristenströme auf den Seitenstraßen (Sträßchen wäre besser gesagt) abwärts gefahren. Nach dem Picknick wollten wir wieder ins Dorf hinauf. Doch auf halber Strecke schaffte der Wagen es mit vier Erwachsenen und vier Kindern auf dieser extremen Steigung nicht mehr und begann trotz durchgetretener Bremse wieder rückwärts zurückzurollen. Ich konnte ihn grade noch auf einem ebenen Ende von 20-30m zum Stehen bringen. Dann kam nur noch Monte. Auweia.
Alle mussten aussteigen und ich hatte, außer Hilfe durch ein Allradfahr-zeug zu suchen, keine andere Wahl, als den Wagen die Steigung hinaufzujagen. Aber mit nur 30m Anlauf verzweifelt wenig. Auf halber Streck wollte er wieder zurückrollen. Es hat mir niemand beigebracht, aber mit halbwegs getretener Kupplung und heulendem Motor schaffte ich es bis hinauf. Mein Gott, was hat die Kupplung gequalmt und was flatterten mir die Knie.

Ein anderes Erlebnis hätte auch übel enden können. Bei einem Ausflug an die Playa hinunter, erschien uns der kleine Ort „Los Caracas“ nicht besonders einladend. Zurück wollten wir nicht und so fuhr ich am Ende der Straße auf einen kaum sichtbaren Feldweg weiter. Sofort waren wir aus der Zivilisation heraus, aber wirklich. Es ging ein paar hundert Meter die Berge hinauf und wieder hinunter. Hier gab es nichts und niemand. Nach einer interessanten Stunde weiter durch den steilen Wald, den Nordhang des Naigautá, an der Küste entlang. Die Gegend war wirklich pittoresk und einmal mußte ich mit dem Wagen durch eine Furt, um letztendlich an den Strand zu kommen. Mitten im Flussbett blieb der Wagen liegen. Motorschaden. Mit Wasser bis fast an die Tür wollte die Familie nicht aussteigen und Gott sei Dank fiel mir etwas ein, wie ich den Wagen aus dem Fluss herausbekäme.
Irgendjemand hatte mir das einmal erzählt. Also den 2. Gang einlegen, keine Kupplung treten und den Schlüssel bis zum Anlasser weiter-drehen und dort eisern festhalten. Mit dem Batteriestrom über den Anlasser direkt auf den Motor kam der Wagen aus dem Flussbett und noch das Ufer hinauf. Dann war Ebbe. Dort konnte ich die Verteiler-kappe abnehmen und wieder trocken legen. Da es zum Strand etwas abschüssig war, konnte der Wagen auch ohne Anlasser starten.
Das war knapp. Der Weg zu Fuß zurück bis nach „Los Caracas“ hätte 6-8 Stunden gedauert. Auf der Rückfahrt bin ich sehr langsam durch den Fluss gefahren und alles ging gut.
An der winzigen Bucht unten standen ein paar solide gebaute Strand häuser. Alle waren verschlossen und wir hängten unsere Hängematten auf einer Veranda im Schatten auf.
Später am Nachmittag machte Hanna mich mit leisen Worten auf ein paar dunkelhäutige Burschen aufmerksam, die - einer hier, ein anderer dort, wieder einer weiter drüben standen und uns beobachteten. Das sah nicht gut aus. Hanna hatte dann die gute Idee, Georg ein paar Dosen Cola in die Hand zu geben und sie den Jungs zu bringen. Sie kamen dann herbei und wir unterhielten uns noch recht nett. Doch an-fänglich sah es sehr krumm aus und ich suchte schon, wo ich meine Machete hingelegt hatte.

Etwas anderes in Sachen Pannenhilfe habe ich auch hier gelernt. Bei einem anderen Playabesuch, blieb mein Wagen bis über die Achsen im Sand stecken. Also aussteigen und mit dem Schäufelchen des Sohnes des Sand wegschippen. Auf einmal standen einige der Jungens bei mir und zeigten mir ganz bestimmt, wie es besser geht. Ich sollte einsteigen und im 2. Gang mit wenig Gas losfahren. Die Jungens postierten sich um den Kofferraum und wippten gemeinsam den Wagen auf und ab. Und ohne weiteres kam der Wagen mit jedem Wippen ein Stückchen mehr aus dem Sand. Erst viel später ging mir die Mechanik dieses Ver-haltens auf. Gibt man Gas, so rutscht der Reifen durch den losen Sand und schiebt ihn nach hinten. Wippt man jedoch nur, so wird der Reifen jedes Mal ein wenig angehoben und Sand rieselt direkt unter, nicht hinter das Rad, bis man den Widerstand überwunden hat.

Mit dieser verblüffenden Möglichkeit habe ich später nach meiner Heim-kehr den Mercedes eines Kollegen, der im Schnee von der Straße abgekommen war und im Graben hing, wieder flott gekriegt. Desgleichen ein Auto, das im Schlamm versackt war. Einfach auf den angetriebenen Achsen des Fahrzeugs wippen – und tschüss.

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