Erinnerungen
Von
speedygonzalez
Freitag 09.07.2021, 16:35
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Ciudad Bolivar
Sehr häufig war ich in dieser, nach dem Befreier Südamerikas benannten Stadt. Sie hat eine große Uni.-Klinik und eine Uni mit einem naturwissenschaftlichen Zweig, auf den es mir besonders ankam. Als Repräsentant von Laborgeräten, waren mir die „Kreideverbraucher“ relativ egal. Bergbaukunde war im Zusammenhang des tief im südlichen Hinterland liegenden „Zerro Bolivar“ obligatorisch.
Ein Höhenzug, wie dieser ist ziemlich selten in der Welt. Einen Berg, der von der Oberfläche bis in eine Tiefe von 200m aus reinem Eisenerz besteht, findet man nur ein weiteres Mal im Urwald am oberen Orinoco, noch etwas größer und meines Wissens gab es so etwas nur in Österreich, aber ich kann mich täuschen.
Die Stadt „Ciudad Bolivar“ verdankt sein Entstehen mit Sicherheit seiner Lage am hohen Ufer des Orinoco. Jedes Jahr in der Regenzeit überschwemmt dieser Fluss die Llanos kilometerweit und strömt, eingeengt durch ein paar Höhenzüge bei Ciudad Bolivar vorbei. Dabei kann er eine Höhe vom 18-20m über Normalniveau spielend erreichen.
Der Orinoco ist auch durch das weltweit einzigartige Phänomen bekannt, dass er mit dem Rio Venturari und dem Rio Negro einen Zusammenfluss mit dem Amazonas bildet. Auch hier steht die Selva, wie man hier den Urwald nennt, monatelang ca 15m unter Wasser. Pflanzen und Tiere sind es gewöhnt. Geologen haben inzwischen herausgefunden, dass der ganze Orinoco über den Amazonas abfließen würde, wenn sich der Untergrund an seinem Oberlauf um 1-2m heben würde.
Die Überschwemmungen hören sich in den Medien in Caracas immer sehr verheerend an; zigtausend Quadratkilometer überflutet, Tausende aus ihren Häusern vertrieben, Tausende Tiere ersoffen usw.
Da ich zu diesem Zeitpunkt wieder einmal dort unten war, fragte ich einen der Biologen, wie es denn nun wirklich aussähe, vom Flugzeug aus sei das gar nicht so schlimm gewesen. Er sagte mir, dass es, wie üblich, von den Medien stark übertrieben würde.
Die Llanos sind flach, wie eine Tenne und erstrecken sich von der Mündung des Orinoco am Atlantik bis an den Fuß der Anden im Westen des Landes. Geschätzt eine Strecke von 1300km. Nur hin und wieder ein Höhenrücken, der nicht überflutet wird. Im Westen mehr eine Baumsa-vanne, im Osten mehr eine Steppe.
Die Llanos werden Jahr für Jahr von der Regenzeit, entweder heimge-sucht, oder gerettet. Und das geschieht schon länger, als Menschen dort leben. Wer sich also in dieser Baumsavanne niederlässt, hat seinen Hato, den Hof, auf einem dieser Hügelchen, 10-20m oberhalb der Flut angelegt und sitzt auf dem Trockenen, allerdings monatelang von Wasser umgeben.
Für die Viehzucht nicht unproblematisch, denn die Kälber sind vor der Regenzeit zu mickerig und diejenigen, die die Regenzeit überstehen, nicht ersaufen oder verhungern, gute Jagd für Jaguar und Anaconda, müssen ein halbes Jahr aufgepäppelt werden, um verkauft werden zu können.
Der Biologe bot mir an, mir am Abend die Situation am Fluss deutlicher zu zeigen. Dort standen dann am Ufer Fischer mit Wurfnetzen, um einen besonderen Fisch zu fangen, der nun stromauf zog. Er war monatelang in den Lagunen vom Strom getrennt und durch das versiegende Wasser gefangen gewesen. Nun zog er flussaufwärts, um zu laichen.
Oberhalb von Ciudad Bolivar spannt sich majestätisch eine Brücke über den Fluss, die „Puente Angostura“. Im Bau identisch mit der Golden Gate hat sie 1600m Spannweite. An den zwei Brückenpfeilern kann man sehr deutlich die Flutmarken vergangener Regenzeiten erkennen.
Dann wies Dr. Bonoli auf die Straße links am hohen Ufer Flusses, die einen kleinen Durchstich hatte, um die dahinter liegende Lagune zu entwässern. Wenn das Hochwasser nur 17,5m anstieg und nicht durch diese Öffnung in die Lagune und die dahinter liegenden Ranchos der Armen floss, gab es kein Geld. Stieg es aber höher und floss in die Hütten, so gab es 500Bs Entschädigung, somit die Jahreshaupteinnahme der Anwohner. Dabei machte es denen wirklich nicht viel aus, die Hängematten 30cm höher zu hängen, aber wegziehen? Niemals
Die Sonne, die hier genau im Western unterging, streifte dabei jedes Mal die Puente Angostura und gestaltete damit ein sehr imposantes Bild. Jeden Abend. Und es gab nichts Erholsameres, als in der leichten kühlenden Abendbrise auf der Uferpromenade unter Palmen und leiser Crillolomusik auf-und abzuschlendern, oder sich einen Cubalibre zu gönnen, oder auch zwei.
Am Oberlauf des Cuchivero wird Gold gefunden und am Rio Caroní in der Selva Richtung Brasilien, oder wie es hier immer heiß, am oberen Orinoco, liegen Diamantenfelder, die in privater Regie ausgebeutet werden können.
Das sind alles verdammt arme Habenichtse, so lange sie nichts gefunden haben. Ab dann, wenn sie etwas gefunden haben und keine Sicherheit, welcher Art auch immer im Rücken haben, leben sie sehr sehr gefährlich.
Eines Mittags, als ich alles erledigt und genug Zeit hatte, war ich schon früh am Flughafen von Ciudad Bolivar und wartete draußen auf meine Maschine. Dieses „draußen“ ist so zu verstehen, dass das Flugfeld mal eben durch etwas wie ein platt getrampeltes Vorgärtchen und ein kleines Mäuerchen von der Abfertigung getrennt war. Kam eine Maschine, rollte sie in der Nähe aus, der Polizist der Guardia Civil, sorgte dafür, dass die Aussteigenden erst draußen waren, bevor die anderen an Bord gingen, während das Gepäck aus-und eingeladen wurde.
Unsere Maschine hatte noch Zeit, zuerst sollte eine andere kommen. Wie - was? Ja, eine aus „den Campos“. Aha.
Also wartete ich und wollte müßig den Anblick genießen. Es kam eine DC3 langsam mit gedrosselten Motoren hereingeschwebt und rollte 40m vor dem Gebäude aus.
Zufällig sah ich zu dem Polizist hinüber, wie er mit einer ganz unauffälligen lässigen Bewegung die Sicherungsschlaufe von seinem Colt aufmachte.
Auf einmal brannte die Luft. Irgendwie sah er plötzlich gespannt aus und von der Plauderei der anderen Zuschauer hörte man nichts mehr. Die Tür an dem Flieger schwang auf, ein abgerissener Typ erschien im Eingang, schaute erst nach rechts und links und kam dann langsam die Treppe herunter auf uns zu, eine Hand in der Tasche, die andere pendelnd über seinem tiefhängenden Revolver und verschwand im Eingang, gefolgt von 5 oder 6 weiteren Typen. Der Polizist machte seinen Colt wieder fest, ein Aufatmen ging durch die Zuschauer und alles war wieder friedlich. So deutlich, wie da, habe ich nie wieder Gefahr gespürt.
Plátanos und Caraotas negras. Das ist das meist bekannte und beliebte Mahl der Venezolanos. Bananen, große und so hart, dass man jemand damit umbringen könnte. Ich habe LKW-Ladungen, 4m hoch gesehen, ohne dass die untersten Früchte gelitten hätten. Sie werden auch erst gebraten, wenn die Schale ziemlich schwarz ist. Erst dann sind sie reif und schmecken köstlich. Sie werden, fast glasig, der länge nach halbiert und in Öl gebraten. Mit den Caraotas negras, den schwarzen Bohnen ergeben sie Siamesische Zwillinge. Kommt dann noch ein Stück Fleisch, meist kurzgebratenes, hinzu, ist die Mahlzeit komplett. Dazu gibt es Reis, der hier angebaut wird. Serviert man diese Plátanos gebraten mit etwas Honig und abgelöscht mit einem Spritzer Rum, so ist auch der Nachtisch perfekt. Zu dem venezolanischen Rum kann ich nur sagen, dass er jeden internationalen Vergleich mitmacht. Er ist im Abgang weniger scharf, wie die bekannten Rumsorten von den Inseln.
Im Hotel Táchira, wo ich immer abstieg, hing unter jedem Fenster eine rumpelnde Klimaanlage. Ohne die ging es nicht. Für die Heizung des Duschwassers brauchte man hier kaum Geld auszugeben. Die Wasser-tanks auf dem Dach wurden vom ersten Sonnenstrahl geküsst und verabschiedeten auch den letzten. Auch wenn man das kalte Wasser aufdrehte, hatte man den Eindruck, es würde einem jemand in den Nacken p... . In Maracaibo war es übrigens dasselbe. Zum Abtrocknen nach der Dusche und zum Rasieren bitte hinknien und den Kopf ganz dich vor der Klimaanlage halten.
Ist das nicht ein herrliches Land?
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