Erinnerungen
Von
speedygonzalez
Freitag 18.06.2021, 17:05
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Semana Santa, Venezuela
Wir überquerten dann noch den Rio Ara und sahen ein Hinweisschild, das auf ein Freibad hinwies. Genau das hätte uns jetzt gefehlt. Als wir dann aber sahen, dass die ganzen Besucher sich im Flusswasser befanden, haben wir verzichtet. Nicht, wegen der Einheimischen, sondern wegen der Bilharziose, sie man sich dabei einfangen kann. Dabei handelt es sich um Miniorganismen, die eine Wasserschnecke als Hauptwirt haben und als kleinste Maden den Menschen bevorzugen. Sie fressen sich durch die Haut, gelangen in den Darm, vermehren sich dort und werden als Eier wieder ausgeschieden. Lassen einen geschädigten Darm zurück. Und das brauchten wir nicht.
Später am Nachmittag bekam ich dann noch einen mordmäßigen Schock. Quer über die Straße gefällt lag ein Baum. Sofort kamen mir die Warnun-gen meiner Kollegen in den Sinn, dass es eine Falle sein könnte. Heiß wallte es in mir auf, ich wollte schon den Rückwärtsgang reinknüppeln und rückwärts abhauen, als ich beim zweiten Blick sah, dass er nicht gefällt, sondern umgestürzt und an einer Seite schon andere Fahrzeuge über das Geäst gerollt waren. Wegräumen? Warum? Hanna und Georg hatten von meinem Schock und der würgenden Angst gar nichts mitbekommen. Ein-mal tief durchatmen, machte auch noch eine Aufnahme davon und wir kamen ohne weitere Probleme in Ciudad Bolivar an.
Da es schon Feierabend war, konnte ich erwarten, dass mein Gesprächs-partner aus der Uni schon zuhause sein könnte. War er und wir verbrach-ten mit seiner Familie einen angenehmen Abend. Am nächsten Tag schenkte er Georg noch eine kleine Landschildkröte, die wir heil mit nach Caracas brachten.
Aber so etwas von blöde, wie Schildkröten gibt es nicht noch einmal. Einer wissenschaftlichen Studie von Prof. E. Kleiss zufolge, haben Schildkröten, vor den Hühnern und zwei weiteren Tieren, die ich nicht mehr benennen kann, das kleinste Gehirn. Das haben wir zu Hause immer wieder beob-achten können.
In einer flachen Holzkiste mit eingebautem Hügel in einer Ecke und einem Wasserbecken wohnte sie und bekam von uns alles, was sie brauchte. Aber anscheinend fühlte sie sich nicht besonders wohl, denn fast aus-schließlich stand sie in der Ecke und wollte partout aus der Kiste raus, was nicht ging, dafür war der Rand zu hoch. Und jedesmal kippte sie dabei um, wir merkten es immer früh genug.
Es war Gründonnerstag und wir genossen den Abend auf dem Paseo am Orinoco. Besonders das Bild der untergehenden Sonne hinter der Puente Angostura und quartierten uns im Hotel Táchira ein. Wie sonst mußte ich mich auch diesmal, nach der Dusche vor der Klimaanlage abtrocknen und auf Knien rasieren, es gab keinen anderen Weg.
Von Ciudad Bolivar fuhren wir nach Süden zum Zerro Bolivar, dem Erz-berg. Dabei kommt man an eine Straßengabelung, die „Km 65“ oder „Matanzas“, genannt wird. Letztere Bezeichnung ist die ältere und geht auf das Schlachtfeld bei den Kämpfen gegen die Spanier zurück. Den Aus-druck hört man nur noch von den Anwohnern, die Landkarte zeigt nur den Rastplatz km 65. Hier kann man nach links, in Richtung „Puerto Ordaz“, oder nach rechts hinunter nach „Ciudad Piar“ zum Erzberg.
All diese Namen, wie Páez, Piar, Ordaz, Miranda, Urdaneta uvam. sind Männer um Simón Bolivar, die sich bei den Befreiungskriegen einen Namen gemacht haben. Páez zum Beispiel war ein Caudillo auf den fast der ganze Llano hörte und der es fertig brachte, ein Reiterheer von Llaneros auf die Beine zu stellen, welches letzten Endes zum Sieg über die Spanier in der Schlacht bei Carabobo die Wende und den Sieg brachte.
Das Land, am Ende der Trockenzeit, sah trostlos aus, verdorrt, gelbbraun verfärbt und heiß. Hin und wieder ragten Felsvormationen, nackt und schwarz aus dem Boden, die weiße Spuren von Wasserfällen haben. Das waren artesische Brunnen, die jetzt aber auch versiegt waren. Das Abhol-zen hat dem Land nichts Gutes getan.
Von ferne sieht man schon den Zerro Bolivar, als gezackten Höhenzug aus der Ebene aufragen. Er wird rigoros von oben nach unten abgebaut. Wie wir dann in einer Führung, alle mit Schutzhelm ausgestattet, zu hören be-kamen, ist dieser Berg von oben bis in eine Tiefe von 200m aus reinem Eisenerz, mit Mangan, Kobalt, Nickel und einigen anderen Erzen. Das geht vom reinen pulverförmigen, schwarzen Hämatit, 99%igem Fe, bekannt für die schwarzen kugelförmigen Schmuckperlen, bis runter zum 62%igem Levatit von dunkelbraun über rostrot bis zum gelb.
Die Erzbahn von Puerto Ordaz geht halbwegs bis auf den Höhenzug hinauf. Dort sind Radlader von immensen Ausmaßen dabei, das abge-baute Erz zur Verladerampe zu bringen. Diese Giganten sind so breit, dass sie Rechtssteuer haben, damit sie sich besser an den Rändern des Fahrstreifens oder am Abhang orientieren können. Die Reifen sind übermannshoch und mit einer Ladung können sie einen Eisenbahnwagon füllen.
Die Führung lag sachkundig in Händen von zwei jungen Geologie Studen-ten der Uni Ciudad Bolivar, die sich hier in den Semesterferien ein Zubrot verdienen.
Einmal mußten wir uns auf Anweisung per Funktelefon hinter einen Berg-rücken zurückziehen. Es würden zwei Brocken gesprengt, die zu groß zum Transport waren. Unten sahen wir die zwei Brocken liegen, behängt mit Dynamit.
Dem Sprengmeister waren wir noch nicht weit genug fort und unsere Füh-rer wurden angewiesen, sich mit uns noch ein Stück weiter zurückzu-ziehen. Der nachfolgende Bums ging einem dennoch bis in die Knochen und die kleineren Brocken flogen tatsächlich weiter, als bis da, wo wir ge-standen hatten. Eine Probe dieses Erzes hat die vielen Umzüge über-standen, aber ich kann nicht sagen, wo er jetzt ist.
In Puerto Ordaz wohnten wir - klar - im Guayana Sheraton, diesmal an einer anderen Seite und so sah ich den Salto „La Llovisna“ zum ersten Mal.
Hier fällt der Caroní ca. 15m über eine Gesteinswand und fließt mit den Wässern, die weiter rechts über die langen Katarakte kommt, weiter dem Orinoco zu.
Diesmal führte der Caroní mehr Wasser und ein Buddeln nach Diamanten, wie ich es schon beschrieben habe, gab es nicht.
Wir saßen am Wasser in Nachbarschaft einer Familie, die hier Picnic machte und angelte. An einer dünnen Schnur hatten sie eine Raya festge-bunden. Es ist ein kleiner Stachelrochen, der sich gerne im Flachwasser im Sand vergraben auf die Lauer legt und seine Beute mit einem Schlag seines Stachels am Schwanz erlegt. Die Wunden sind viel schmerzhafter als ein Biss eines Pirañas und heilen meist erst nach 9 Monaten.
Wie groß Pirañas werden können, sah ich dann auch. Ein Angler näher bei den Saltos hob seine Beute mit beiden Händen hoch. Das Exemplar war größer, als ein Karpfen.
Am nächsten Tag überquerten wir den Caroní und fuhren auf der Südseite des Orinoco flussabwärts. In San Felipe sollten noch alte Castillos aus dem 17. Jahrhundert stehen. Auf halber Strecke ging ein junger Mann in diegleiche Richtung, die wir auch hatten. Wir nahmen ihn mit und so erfuh-ren wir, dass er in Puerto Ordaz beim Arzt gewesen sei. Dazu war er bei Sonnenaufgang, 6 Uhr, aufgebrochen. Gegessen hatte er seit dem noch nichts. Hanna sagte unserem Sohn, er solle ihm doch eine Dose Cola aus unserer Eisbox geben. Mein Gott, war die schnell leer. Er führte uns dann zu den Castillos. Natürlich waren die verfallen, aber so wie sie angelegt waren, hatten sie den Orinoco in bestem Schussfeld. Sie lagen auf einem hohen Rücken direkt oberhalb des Orinoco.
Hier oben hatte man eine wunderschöne Aussicht über das Gebiet und die unendliche Weite der Llanos und da und dort am Horizont Flächenbrände, wie sie hier immer wieder entstehen.
Bei der Weiterfahrt sind wir zusammen über die „Puente Angostura“ gefahren. Sie ist vierspurig, wovon die zwei inneren Spuren aus einem kräftigen Gitterrost bestehen. Fährt man mit 60km/h darüber verschwinden die Gitter in der Geschwindigkeit und man schaut direkt ins Wasser tief unter einem hinunter. Hanna wollte keinen Blick riskieren.