Erinnerungen
Von
speedygonzalez
Samstag 12.06.2021, 23:57
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speedygonzalez
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Semana Santa, Venezuela
Einmal haben wir entgegen der Gepflogenheiten der Venezolanos die Semana Santa, die Kar-woche, nicht an der Playa zugebracht, denn diese wäre hoffnungslos überlaufen gewesen. Wir sind stattdessen in die entgegengesetzte Richtung ins Landesinnere, hinunter zum Orinoco, unterhalb dessen, weiter in den „Oriente“ nach Osten nach Ciudad Bolivar, anschließend hinunter zum Erz-berg „Zerro Bolivar“, wieder hoch nach Puerto Ordaz, über den Orinoco zurück nach Caracas.
Von Caracas, die Stadt liegt 1000m hoch in einem langen Tal zwischen den Bergen der Küstenkor-dilliere, fährt man hinab ins Tal des Rio Yare.
Danach wird das Land flach, offen und leer, man kommt in die Llanos, eine Tiefebene, die sich vom Atlantik bis zu den Abhängen der Cordillera, den Anden erstreckt. Da mir echte Daten fehlen, schätze ich sie auf 800km vom Atlantik bis zu den Anden. Sie wird von einigen Flüssen durchquert, im Süden vom Orinoco begrenzt. Dahinter erstreckt sich östlich die Sabana Grande, berühmt durch ihre Tepuis. Direkt südlich und westlich liegen die Urwaldgebiete bis zu den Anden hinüber, die bis heute noch ziemlich viele weiße Flecken auf der Landkarte haben. Gebe es Gott, dass das noch lange so bleibt, damit die dort lebenden Waikas weiterhin ihre Ruhe und Abgeschiedenheit zum Überleben haben.
Wir fuhren dann vom Rio Yare 150km exakt nach Süden zum Orinoco, kamen durch ein oder zwei verschlafene Örtchen, deren Hauptaufgabe es war, die in dieser Weite verstreut liegenden Hatos zu versorgen.
Rechts und links im Sonnenglanz nichts als fast ausgetrocknete Wasserlachen mit Babas, den klei-neren Krokodilen am Ufer. Jetzt war die besondere Fettlebe aller Fleisch-und Aas-fresser. Das Wasser wurde immer weniger, die Fische und Amphibien kämpften mit dem Wassermangel und ge-gen die Raubtiere. Letzten Endes konnten dem dann auch die Pirañas, Babas, Anacondas zum Opfer fallen, wenn der Regen zu spät. Brutales Land.
Auch der majestätische Orinoco hatte nichts mehr von diesem Titel an sich. Von Cabruta, am nörd-lichen Ufer bis hinüber nach Caicara del Orinoco waren es mit der Fähre ca. 1000m, wenn der Fluss normales Niveau hatte, dann hatte die Fähre sich aber auch gegen eine Strömung hinüber zu kämpfen. Jetzt bei Niedrigstwasser mußten Sandbänke, die hoch aus der Flußmitte aufragten um-fahren werden.
Wie auch immer und bei welchem Wasserstand; die Überfahrt dauerte mehr als eine Stunde. Diese Chalanas waren nichts anderes als Pontons mit Rampen vorn und hinten, die per Flaschenzug auf das entsprechende Niveau gesenkt werden konnten. An der Längsseite war ein Hafenschlepper festgemacht, der die Chalana ächzend über den Fluss schob.
Wie man im Vorbeifahren sehen konnte, gab es auch hier Schiffsführer, die sich mit der Tücke des Stromes nicht auskannten und deren rostende Wracks an den Ufern eine makabre rote Karte zeig-ten. Kapitän und Steuermann unserer Chalana schienen sich aber prächtig auszukennen, denn die meiste Zeit saßen sie im Gespräch, vertieft vor dem Ruderhaus und ließen das Gefährt von alleine dahin gondeln.
Ein oder zweimal sah man eine Piroga, einen Einbaum, mit Außenborder, hochbepackt mit allem möglichen flussaufwärts ziehen. Das sind dann schon Einbäume, die je nach dem 6-9m lang sein können. Ab hier womöglich auch die einzige Möglichkeit, weiter flussaufwärts alles lebensnot-wendige heranschaffen zu können. Auch Alexander von Humboldt, der in Venezuela hoch ange-sehene Forschungsreisende, ist mit solchen Pirogas den Orinoco hinauf gefahren. Nur gab es damals noch keine Außenborder, sondern nur Paddel.
Auf der Südseite des Orinoco ging es dann weiter nach Osten. Zu sagen ist, dass wir im Wagen im-mer eine 30Ltr. Glasflasche mit Trinkwasser, einen weiteren Kanister mit Brauchwasser, sowie dies-mal unsere Hängematten dabei hatten. Mit den Hasmakas konnte man hier sehr wohl die Siesta zwischen den Bäumen aushalten.
Es erwies sich als sehr gute Idee, sie mitzunehmen, wie wir an diesem Abend noch merken sollten. Links zum Orinoco hin eine offene Baumsavane, rechts in weitem Abstand bergige Waldlandschaft, die Selva, von der man wußte, dass hier das zivilisierte Leben definitif aufhörte. In diesen Wäldern käme man mit einer Machete wohl noch ein paar hundert Meter weiter, wäre aber dann so dicht von einer undurchdringlichen Vegetation umgeben, selbst nach oben hin, dass man sich unwiederbrin-glich verirren würde. Sonne dringt nicht mehr bis zum Boden durch.
Wir passierten den Cuchivero auf einer ähnlichen noch etwas erbärmlicheren Chalana und hörten von einem mitfahrenden LKW-Fahrer, dass es mit der Fähre am Rio Caura Probleme geben würde. Jetzt um fünf Uhr und einer Strecke von 100km auf reiner Sand-und Schotterpiste wäre es wohl ausgeschlossen, dass wir sie noch erreichen könnten. Nach kurzem Rundumblick, der mir zeigte, dass ich den schnellsten PKW, einen 1600 VW Variant hatte, schlug ich vor, mich vorausfahren zu lassen, damit ich die Chalana nötigenfalls noch aufhalten könnte. OK.
So düste ich los, manchmal mit einer Staubfahne von 300m hinter mir, driftete durch Sandbetten und gewann die Fahrt. 100Km auf so einer Piste in einer Stunde, Dios mio, heute würde ich es nicht mehr tun. Um 18 Uhr war ich an der Anlegestelle am Rio Caura, aber da war keine Fähre. Nur eine Holzhütte und ein Schild davor, ansonsten; nada. Wir waren alleine.
Der große Irrtum war, dass ich ein winziges Pappschildchen übersehen hatte, welches darüber in-formierte, dass die Anlegestelle bei Niedrigwasser links weiter unten sei, 300m vor der Hochwas-seranlegestelle. Alle anderen fanden diesen Platz und fragten, ob der „Aleman“ nicht gekommen sei?
Doch ja, der stände oben am normalen Anlegeplatz. Und so warteten sie, bis zum Einbruch der Dunkelheit und dann mussten ablegen. Wir hörten, wie die Motorenansprangen, sahen die Posi-tionslampen weiter unten den Fluss überqueren, bis sie hinter einer Insel verschwunden waren. Typisch für die Venezolaner, dass sie sich nichts dabei dachten. Es kam keiner auf die Idee, zu uns herüber zu kommen und zu sagen, hört mal, wir warten auf euch.
Also standen wir dort im Dunklen und hatten nichts für die Nacht, als das, was wir mitführten. So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Aber nun.
Zuerst machte ich ein Riesenfeuer auf dem Gelände, um schon mal einen Großteil der Mücken zu grillen. Umso weniger würden uns in der Nacht piesacken. Zum Abendbrot gab es ein Stück Melo-ne und reichlich Wasser. Wir hängten im Lichte der Scheinwerfer unsere Hamkas und Moskito-netze in der Hütte auf. Die Wände waren nur ca. 1,70 hoch und offen bis auf 2,50m. So konnte der Rauch der Öfen abziehen, wenn hier wieder Betrieb wäre. Sicherheitshalber hängte ich meine Machete in Reichweite auf.
Nachts um vier Uhr wurde ich durch das Geschrei der Tiere im Wald geweckt. Über dem schwarzen Wald hing blutrot ein Mond so nahe und so groß, dass er ein Viertel des Himmels bedeckte. Vollmond, Blutmond. Ich weckte Hanna und wir sahen in stiller Bewunderung zu. Im kommenden Monat würde die Regenzeit beginnen.
Am nächsten Morgen wurde das Frühstück durch stramme Haltung und einen Schluck Wasser er-gänzt, die Hängematten eingerollt und wir fuhren die 300m zurück. Aus der Gegend flussabwärts dröhnte ein Geräusch herüber, welches ich zu allererst mit Düsenmotoren in Verbindung gebracht hätte. Aber als mein Sohn dann Brüllaffen in den Bäumen sah, war klar, wer hier so lauthals das Sagen hatte.
Zum Anlegeplatz bogen wir nach rechts auch eine Reifenspur ab und standen nach zwei Minuten am Anlegeplatz. Wir konnten nur den Kopf schütteln, wurden dann aber von der Besatzung der Chalana freundlich gefragt, wie wir die Nacht verbracht hätten. Denn es hatte sich ja schon im Dörf-chen herumgesprochen, dass „estos Alemanes“ die Nacht drüben in Hängematten geschlafen hatten. Das hob uns dann doch von den Turistas ab.