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Erinnerungen

Von speedygonzalez 06.06.2021, 09:21

Puerto Ordaz, Venezuela

Diese Stadt am Orinoco liegt ungefähr 100km weiter flussabwärts von Ciudad Bolivar. Bis hier ist der Orinoco auch für Hochseeschiffe passier-bar. Wegen der alljährlichen Regenzeit, den damit steigenden Pegeln und immer neuen Sandbänken nur mit Lotsen versteht sich.
Hier bin ich immer gelandet, wenn ich die Eisenhütte besuchen mußte. Weiter unten im Süden, erreichbar nur über e i n e Straße und die Erzbahn gab es einen Höhenzug, der aus dem Boden herausragte, wie ein Walrü-cken, etwa 3km lang und 400m hoch. Dieser Berg war von der Oberfläche bis in eine Tiefe von 200m reines Eisenerz.
Darüber mehr in einer anderen Geschichte, Semana Santa, bei der ich mit der Familie dort unten war.

Als ich auf der ersten Reise allein ins Landesinnere bei der Siderurgica del Orinoco, einem Hüttenbetrieb, war, konnte ich noch nicht einmal richtig Spanisch, hatte auch noch echte Probleme mit der Aussprache des Cri-ollo, wie sie es drüben nannten. Denn die Venezolanos machen den Mund ja nicht auf und so klang alles ziemlich „gekaut“, was sie hervorbrachten. So mußte ich noch ziemlich viel mit Englisch nachhelfen. Ein Jahr später war ich wieder in diesem Werkslabor und das Einzige, was dann auf Eng-lisch gesprochen wurde, war die Begrüßung durch den Laborleiter, als er lächelnd sagte: „Aha, made in Germany.“
Später wurde mir dann klar, dass ich im Criollo, dem Andalusischen und dem Kanarischen sehr ähnlich, drin war.

Puerto Ordaz war eine Trabantenstadt, am Zusammenfluss von Caroní und Orinoco wegen der Eisenverschiffung aus dem Boden gestampft worden und hatte sich so um das rechtwinklig angelegte Stadtzentrum herum einen urbanen Armengürtel zugelegt.

Ich wohnte dort immer in dem Hotel Guayana Sheraton. Es lag am Rande eines Parks „La Llovisna“. Die Llovisna ist Wasserdunst, der durch fallen-des Wasser erzeugt wird und in diesem Park befand sich solch ein Was-serfall. Hier in diesem Park gab es Katarakte des Rio Caroní, vielleicht 40-50m hoch, aber tief gestaffelt auf eine Fläche von 300m und vorne im Park ca. 400m breit. Davor, bis zum diesseitigen Ufer war der Fluss ziem-lich tief und floss nach links um eine Biegung herum, um dort die Wässer der Llovisna wieder aufzunehmen.
Der Caroní gehört zu den Schwarzwasserflüssen. Er ist hoch tanninhaltig und kristallklar. Von Mai bis Januar rauscht das Wasser die 300m tief gestaffelten Katarakte stufenweise herunter und fließt schaumig gelb-weiß gefärbt nach links fort und endlich dem Orinoco zu, wo er eine lange Strecke als dunkler Streifen neben dem lehmigen Wasser des Orinoco herließt, bis beide sich endlich einigen und eine gemeinsame Färbung an-nehmen.
Ähnlich übrigens, wie der Rio Negro und der Amazonas. Rio Negro, wie Caroní sind Schwarzwasserflüsse, während der Orinoco, wie der Amazo-nas Lehmwasser führen. Bei San Felipe, 30km flussabwärts kann man diese Farbstreifen immer noch sehen.

Der Caroní ist einer der Flüsse, die am Oberlauf Diamanten führen. Wenn die armen Schlucker nichts fanden, lebten sie in relativer Sicherheit. Fan-den sie jedoch etwas, ev. etwas mehr, so lebten sie sehr gefährlich. Auch jetzt noch. Das kann man in der Romantrilogie von Alberto Vásquez Figue-roa besser nachlesen, als ich es zu beschreiben vermag.
Nur eines wollte mir nicht aus dem Kopf. Ich dachte, wenn es am Oberlauf Diamanten gibt, ist nicht ausgeschlossen, dass diese durch die Wassermengen auch flussabwärts gespült werden können.
Und dann hatte ich bei einem Besuch am Ende der Trockenzeit das Glück, dass dieser 400m breite Katarakt nur noch ein Rinnsal von 1,5m war. Ich hätte mühelos drüber springen können. Was mir aber besonders auffiel, waren die trockenliegenden Sandbänke am Grunde des Flussbettes. Also wenn, dann hier! Und ein paar Minuten später saß ich unten und buddelte im Sand. Kann sein, dass ich etwas gefunden habe. Ich nahm einen Stein mit, leicht bräunlich /gelblich, kantig und es hätte einer sein können. Mich damit bei einem Schleifer zu melden habe mich nicht getraut. Ich wollte mich nicht lächerlich machen. Durch die vielen Umzüge, die hernach folg-ten, ist er mir verloren gegangen.

Die Guayana ist ein dramatisch interessantes Land. Von A. von Humboldt bereist und dadurch erst in den Blickpunkt gerückt, durch die Gold-und Diamantenschürfer in ein zwielichtiges Odium getaucht, bis an den Rand der Orinoco Urwälder gerodet. Dadurch verödet und somit eine kaum er-tragreiche Viehwirtschaft zulassend, bietet es fast nur Grundlage zu Legenden.
Hier hört die Welt auf und die Urzeit beginnt. Die einzige Straße, die nach Ciudad Piar, am Fuße des Zerro Bolivar, dem Erzberg, führt und dann wei-ter zur brasilianischen Grenze nach Sta. Elena de Uairén geht, besteht in der Regel nur ein halbes Jahr, wenn sie denn nach der Regenzeit wieder befahrbar gemacht würde.
Ansonsten ist und bleibt es eine Piste von Reifenspuren und Schlaglö-chern. Die ganze geologische Region Sabana Grande südlich des Orinoco gehört zum Guyanischen Schild, der sich übergangslos an den Brasiliani-schen Schild anschließt, eine geologische Formation, die zu den ältesten zutage liegenden Erdformationen gehört.
Sie ist mineralisch ausgeblutet bis zur Unfruchtbarkeit. Alles, was die Pflanzen an lebensnotwendigen Mineralien und Vitalstoffen brauchen, be-findet sich im lebendigen Bereich der Vegetation über der Erde. Brennt und rodet man diese zur Weide-oder Ackergewinnung ab, so wird die Ernte 1-2 Jahre erträglich sein. Danach sind alle Nähstoffe durch die Re-genzeiten fortgespült und es bleibt eine trostlose rote Struktur zurück, die mal so eben ein paar mickerige Sträucher tragen kann. Kaum genug, um Viehherden Nahrung zu bieten, erst recht den Menschen nicht. Dadurch bleibt die Besiedlung sehr eng an die Flussläufe gebunden.
Weiter draußen: nada

Und dennoch ist das Völkchen, das hier lebt, herzensgut und lebensfroh. Das kann man im 2. Buch von Henry Charriere, „Banco“ nachgelesen werden. Die Beschreibung von Land und Leuten trifft sehr genau, man sollte sich aber von dem Romanhaften nicht ablenken lassen.

Nördlich des Orinoco erstreckt sich eine Fläche, so flach und so weit, dass man Gegenverkehr, wenn es denn welchen geben sollte, schon auf 30km Entfernung sehen würde.
Ich bin ein paar Mal diese Straße, über die Angosturabrücke nach Norden gefahren, um in den Barlovento zu kommen. Barlovento bedeutet „Bar des Windes“. Der Namensgeber muss eine der seltenen Gelegenheiten der Windstille erwischt haben, denn der Barlovento ist schon recht tropisch, ein Ausläufer der Küstenkordilliere und liegt im Gebiet der Passatwinde.
Doch bis zu dieser Küstenregion muss man 200-300 km nach Norden auf Straßen, Korrektur, auf der Straße, die mit dem Lineal in die Landschaft gezogen wurde. Die hinter der Brücke folgenden 60km gingen grade aus. Auch wenn man eingeschlafen wäre, es hätte nur etwas gerumpelt, wenn man vom Asphalt abgekommen wäre.

Immer eine Flasche Wasser im Auto, hielt ich unterwegs einmal an, mach-te den Motor aus, um zu trinken und mich etwas umzuschauen. Rings herum war außer mir noch die Straße, der Boden mit so etwas wie Gras, der Himmel und das Auto. Keine Biene, kein Summen, kein Vogel, kein Zwitschern, keine Wolke, kein Wind, kein kühles Lüftchen.
Nur ich und meine Flasche in der Hand. Nach 5 Minuten krachte der ab-kühlende Motor derart laut in diese totale Lautlosigkeit, dass ich schleu-nigst einstieg und weiterfuhr. Es war ein einmaliges Erlebnis und auch bei den folgenden Fahrten habe ich nie wieder angehalten.

Irgendwann kam man nach El Tigre. Der Name läßt darauf schließen, dass man zu Bolivars Zeiten hier auch noch mit dem Jaguar zu tun hatte. Mit Anakondas sowieso, die es hier immer noch in sumpfigem Gebiet gibt. Anakondahäute von 9m Länge sind schon auf dem Markt angeboten worden.
Außer den paar Galeriewäldern beiderseits der Flüsse, gibt es in diesen östlichen Llanos nichts, außer der Hoffnung, dass man bald hindurch gefahren ist.

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