Erinnerungen
Von
speedygonzalez
30.05.2021, 16:19
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speedygonzalez
30.05.2021, 16:19
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Guayana, Venezuela
Mit der Guayana ist die Gegend westlich der britischen Guayana gemeint. Die Guayana ist in meinen Augen auch ein Mythos, wie auch die Llaneros ein Mythos sind. Nur hier handelt es sich um eine Landschaft.
In dem Buch „Canaima“ von Romulo Gallego, einem Präsidenten von Venezuela der 50-er Jahre wird sie zutreffend beschrieben. Auch in „Banco“ von Henry Charriere (Papillon) wird sehr treffend über Land und Leute berichtet.
„Canaima“ ist der böse Waldgott der Waikas, wie die Indios am oberen Orinoco allgemein genannt werden und der wird auch von den Menschen der Guayana auch jetzt nicht verspottet.
Wodurch die Guayana einmalig in der Welt wird, sind die Tafelberge, Te-puis, wie die Waikas sie nennen. Der Sitz der Götter.
Diese Tafelberge ragen um die 1000m mit fast lotrecht abfallenden Wän-den aus dem sie umgebenden Urwald heraus. In Jahrmillionen ist das sie umgebende Gestein verwittert und sie sind stehen geblieben. Diese Tafel-berge sind beileibe oben nicht platt, sondern jeder hat seine eigene Struk-tur, auch tief geklüftet.
Eines haben sie gemeinsam. Die Pflanzen und Tiere dort oben sind ende-misch. Sie sind so lange schon von ihrer Umwelt, die 1000m tiefer unter ihnen liegt, getrennt, dass sich Eigentümlickeiten herausgebildet haben, die es nur hier oben gibt.
Einer der imposantesten, der „Auyan Tepui“, ist z.B. 32qkm groß und hat soviel Wasser durch Regen und artesische Brunnen, dass dieses Wasser in einem Wasserfall über die Kante fließt und im freien Fall ca 1000m hinabstürzt.
Der Wasserfall ist so hoch, dass alles Wasser zerstäubt und lautlos fällt. Gesellt sich doch ein Aufwind dazu, an diesen Felswänden nichts Unge-wöhnliches, so wird die Gischt wieder hinaufgeblasen und kommt mit dem anderen zurück.
Dieser Wasserfall, der höchste der Welt, wurde nach dem 1.WK von einem amerikanischen Flieger und Abenteurer, Jimmy Angel, entdeckt und auch nach ihm „Salto Angel“ benannt. Er war auch tollkühn genug, nach der Entdeckung bei einem weiteren Flug mit seiner Maschine auf diesem Tepui zu landen, wobei er sein Flugzeug auf die Nase stellte. Der Boden sah nur aus, wie eine Wiese, war aber Sumpf.
Er hat es geschafft, die Steilwand hinunterzuklettern und ist hernach mei-nes Wissens im Urwald, damals, noch Wochen zu Fuß von der Zivilisation entfernt, verschollen. Diese Urwälder sind keineswegs Wälder, wie wir sie kennen. Ebenen Boden gibt es nicht, nur Pflanzendickicht ohne Durch-kommen. Und er ist tödlich für Fremde.
Seine Maschine wurde nach dem 2.WK dort oben entdeckt und geborgen. Sie steht nun in Caracas auf dem Flugplatz La Carlota.
Einen Pionier, Dschungel Rudi, der diese Gegend für den Tourismus er-schlossen hat, habe ich bei einem Diavortrag in Caracas, bei der Hum-boldt Kulturgesellschaft, kennen gelernt. Er ist mehrmals auf diesen Tepui gestiegen.
Von der Luftwaffe wurde nach der Bergung des echten Flugzeuges eine Atrappe von Jimmy Angels Maschine dort oben aufgestellt.
Der Dschungel Rudi war schon ein außergewöhnlicher Zeitgenosse. Als er dort oben auf dem Tepui war, haben er und seine Begleiter ein von Termi-ten angefressenes Hemd und eine löcherige Hose mit Gras ausgestopft und auf der Flugzeugatrappe so aufgestellt, dass sie aussah, als würde jemand winken. Über der Tür des Wracks brachten sie auch noch ein Schild an mit der Bitte: „Wenn hier jemand Souveniers mitnehmen möchte, soll er doch das Flugzeug in Ruhe lassen und sich einen Finger abschnei-den, den kann er dann, in Spiritus eingelegt, mitnehmen.“
Auf einem anderen Tepiu wurde von einer Forschergruppe vor Jahren auf der Oberfläche eines sehr tiefen Sees eine Wasserbewegung beobachtet, die denen von Loch Ness sehr ähnlich sah. Zu genaueren Untersuchun-gen dieser Beobachtung, wie Unterwasserkameras, war diese Gruppe nicht ausgerüstet und so unterblieb eine eingehendere Untersuchung. Aber nach 400.000 Jahren Endemik, wollte es keiner ausschließen, dass es so etwas geben könnte. Warane? Etwa langhalsige? Bislang habe ich nichts weiter in dieser Richtung gehört.
Die hier lebenden Indios, allgemein Waikas genannt, gehören beileibe nicht zu einem einzigen Volk. Wie Inga Steinvorth de Götz in ihrem Bild-band „Uriji jami“ zeigt, sind deren Physiognomien so unterschiedlich, dass sie nicht von einem Volk sein können. In diesem Buch weist sie acht ver-schiedene Völker nach.
Allen gemeinsam sind die langen Bögen, mit denen sie auf größere Dis-tanz besser schießen, als heutige Bogenschützen. In einem Film von Dschungel Rudi wurde gezeigt, wie diese Waikas auf 100m Pfeil um Pfeil durch ein mit Gras ausgestopftes Hemd, mit Lippenstift zu einem Gesicht verschönt, auf einer Stange, schossen. Ohne Stabilisatoren und den ge-samten Firlefanz, den heutige Bodenschützen an ihrem Bögen brauchen. Die Pfeile dazu stellen sie aus Schilfrohr her, welches auf der gesamten Länge von 230cm keine Knoten hat. Steuerfedern an dem einen Ende und je nach Jagd auf Großwild, Vögel oder Fische eine andere Pfeilspitze, wobei unter Großwild auch Menschen sein konnten. Curare hatten sie alle. Kannibalismus im herkömmlichen Sinne ist unbekannt. Wohl aber gibt es Stämme, die ihre Verstorbenen verbrennen und dann in einem rituellen Akt die Asche in einem Getränk zu sich nehmen.
Den Waikabogen, der hier bei mir an der Wand hängt, kann ich leider nicht mehr benutzen; die Sehne ist nach 40 Jahren zerfallen. Auch wenn ich eine moderne Sehne machen lassen würde, hätte ich keine Pfeile dazu, denn die zwei echten Pfeile mit Fischspitzen, sind mir zum Üben zu scha-de und gleichwertiges Material, so leicht und aerodynamisch stabil, gibt es in der zivilisierten Welt nicht.
Venezolanische Ingenieure haben einmal einen Pfeil exakt vermessen und im Computer das Design des Bogens entwickelt, mit dem ein solcher Pfeil verschossen werden müßte – und fanden den Bogen, den die Waikas schon seit 15.000 Jahren empirisch entwickelt haben.
Die Waikas verstehen sich auch auf den Fang von Fischen, indem sie einen Wurzelsaft durchkauen und in den abgesperrten Teil eines Baches spucken. Das Wasser verfärbt sich sofort milchig weiß und die betäubten Fische können eingesammelt werden. Nach einem halben Tag, ist das Wasser wieder klar. Solchen Jagden gehen immer Zeremonien voraus, wie vom Schamanen des Shabonos geführt werden.
Mit den Indios, Waraos, die im Orinocodelta leben, haben diese Waikas, nichts gemein. Auch mit den Guajiros, in der Lagune des Maracaibosees, haben sie nichts zu tun, auch keine Kontakte. Schon die Bögen dieser Völker sind kleiner und entsprechen eher den Bögen, die man von den Indianern Nordamerikas kennt.
Ebenso wenig Kontakt haben sie mit den Motilones, die in der Sierra Perija, an der Grenze zu Kolumbien leben. Die Motilones genießen eine weitesgehende Isolation. Einerseits sind sie sehr wild und wissen sich zu wehren, aber andererseits werden in der Sierra Perija keine nennenswer-ten Bodenschätze vermutet. Also geht man auch nicht hin.
Vermutlich handelt es sich hier um die letzten Nachfahren der wilden und angriffslustigen Cariben, die in der vorkolumianischen Zeit, die gesamte Caribik eroberten und die sehr friedfertigen Arawaken bis auf ein paar Hundert auf einer Karibikinsel auslöschten.
In einem Gespräch mit einer Guajirofrau, die in Maracaibo sehr schöne und bunte Teppiche aus der eigenen Herstellung verkaufte, fragte ich, ob ihr Stamm Kontakte mit den Motilones unterhielten, die ja viel näher lebten, als die Waikas. „Bin ich denn blöde und will einen Pfeil ins Kreuz haben?“ war alles.