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Erinnerungen

Von speedygonzalez 23.05.2021, 01:15

Mérida, Venezuela

Dort hatte ich in der Uni und dem Krankenhaus zu tun. Jedes Mal am Abend vor der Abreise gingen wir in Caracas zur Avenida Miranda, um dort Roggenbrot, wie wir es kennen, zu kaufen und nur hier gebacken wurde. Ich nahm immer eine Kühlbox voll für Prof. Meier, den Embryologen von Mérida mit.
Prof. Meier war kriegserprobter Chirurg und Leiter der Embryologie. Sein Spezialgebiet war die Erfor-schung von Neugeborenen mit Wasserköpfen. Leider kam er an solche Missbildungen so gut wie nicht heran, jedenfalls nicht außerhalb von Mérida, denn die Bruchos, Magier oder Shamanen auf den Dörfern waren schneller damit verschwunden, als man glauben mochte.
Wenn ich nach Mérida wollte, ging es immer ziemlich früh los. Die ersten Sonnenstrahlen um halb sieben fanden mich dann schon auf der Autopista bei Valencia, 160km westlich von Caracas.
Dann begann die Landstraße, die wirklich sehr gut war, aber ich wollte sie nicht so gern in der Nacht fahren. Es lagen so häufig tote Tiere auf der Piste und es war nicht angeraten da drüber zu fahren.

Hatte man dann die Anden zum Greifen nahe, ging es durch einen unscheinbaren Bergsattel und man befand sich auf der linken Seite eines langen Tales, Santo Domingo, mit steilen Abhängen und die Straße, häufig nur einspurig, führte auf halber Höhe der Bergflanke Tal um Tal aufwärts. Man war 600m über dem Fluss, konnte sehr häufig Autofracks unten lie-gen sehen und bis zum Gipfel dieser Bergrücken waren es auch noch mal 600m.
Wenn es denn 2 oder 3 Rastplätze auf dieser Strecke von 35km gegeben hat, war es viel. Oft waren es nur überdachte Küchen, damit es nicht in die Glut regnete. Wo die Vorräte gelagert wurden, fragte man besser nicht. Damals war mir das aber ziemlich egal. Es schmeckte immer, heute sehe ich es aller-dings etwas anders.
Bös war es in der Regenzeit, wenn es schüttete und der Wasserabfluß unter der Straße verstopft war. Also immer. Entweder waren die Gitter zu eng und es blieb alles davor hängen oder sie waren zu weit und es wurde zu viel hinein gespült und dann waren sie auch dicht. Oft schoss das Wasser einen hal-ben Meter hoch über die Straße. Dann konnte man warten, ev. 2-3 Tage oder man hatte Glück und der Wagen hielt sich beim Durch-queren auf der Bahn. Hatte man keins, gab es Trauerfälle.
Das Zermürbende war, dass es keine andere Straße über den Páramo nach Mérida gab. Man mußte da durch, oder über Valera fahren, was weiter war und einen Pass von 4100 ü.NN hochkurbeln, falls der Motor das mitmachte.
Auch hier im Valle Santo Domingo brauchte man erst gar nicht versuchen, den 4. Gang zu nehmen, wenn man aus diesem Tal oben herauskam. Es fehlte der Sauerstoff und der Motor wurde immer lang-samer. Man konnte da oben in 3000-3500m nur im 3. Gang fahren.
Die Andenflora hier oben war wirklich sehenswert. Die „Frailejones“, pelzige Blätter, wie ein Edelweiß, nur in Gelb und Stauden bis zu 3 Meter hoch, waren ein überraschender Anblick.
Dann ging es von 3500 wieder hinunter nach Mérida. Das Land änderte seinen Charakter und Land-wirtschaft in Stile des 18 Jahrhunderts, Ochsen mit Holzpflügen, begann.
Gefährlich waren in diesen Dörfern die Hütehunde, Mucuchies, die so wild waren, dass sie sogar mein fahrendes Auto ansprangen. Aber die verteidigen ihre Herde auch gegen Pumas, die es hier gelegent-lich noch gibt. Europatypische Wanderer, hier eher eine Seltenheit, haben dann besser ihre Machete griffbereit.
Der Jaguar ist nur im Urwald zuhause, aber nicht auf so kahlen Flächen, wie diese kalten Hochebenen.

Vom Mérida aus konnte man mit dem Teleférico, der längsten Seilbahn der Welt, insgesamt 12km, auf den „Pico Espejo“, 4700m fahren.
Diese Seilbahn ist in 4 Abschnitten gebaut, denn es gibt kein Stahlseil auf der Welt, was bei dieser Länge nicht schon durch das Eigengewicht zerreißen würde.
Ich war zwei Mal oben. Im ewigen Schnee in Venezuela. Im letzten Abschnitt sind schon Sauerstoff Flaschen, denn es gibt Leute, die die dünne Luft nicht aushalten und dann mit einer Atemmaske Sauer-stoff bekommen. Auf 4700m glaubt man, das Herz wolle einem aus der Brust springen, so schlägt es. Da geht man ganz langsam. Eine Fernsicht hatte ich kaum, denn es war etwas nebelig und kühl war es.

Einmal sollte ich von Mérida aus heimfliegen. Die Arbeit war erledigt und ich war schon früh morgens am Flughafen. Das war schlicht ein abgezäuntes Gelände und ein flaches Gebäude mit Flugschalter und Gepäckausgabe. Es gab auch ein paar Bänke innen und außen, um dem Flugbetrieb zuschauen zu können. Ein kleines Mäuerchen grenzte das Flugfeld, von den Zuschauern ab.
Heute saß niemand draußen, denn es war nebelig und kühl, was hier regelmäßig vorkommt. Von 8Uhr bis um 15 Uhr hörten wir abwechselnd, dass es hier in Mérida oder in „La Fría“ Nebel geben könnte, so dass die Maschine entweder dort nicht starten, bzw hier nicht landen konnte.
Dann war die Gelegenheit aber doch einmal so günstig, dass der Flieger in der Luft war und auch hier aufsetzen konnte, bevor es sich wieder zuzog.
„Tempo, Leute, Tempo“ hieß es nur. Das Gepäck flog raus, unseres rein, wir rannten hinterher und die Maschine rollte los. Die Landebahn war leicht abschüssig, entsprechend dem Gefälle der Mesa, auf der Mérida liegt. Links der Rio Chama, recht ein anderer, dessen Name ich vergessen habe.
Beide trafen sich unten unter der Kante der Landebahn. Mit anderen Worten, vom Ende der Landebahn bis zur Kante des Steilhanges waren es vielleicht 40m, ein Unding nach heutigen Gesichtspunkten. Ein Flugzeug hätte niemals den Startversuch abbrechen können. Man wäre so oder so im Flussbett gelandet.

Der Pilot zog die Maschine zum Anfang der Startbahn hoch bis die Bugräder durch den Schotter drehten, richtete die Nase abwärts und zog die Bremsen an.
Dann gab er Vollgas und als er das hatte, in der Kabine flatterten schon die Hutablagen auf und ab, warf er die Bremsen raus und es ging abwärts. In der Maschine war kein Ton zu hören. Auf den letzten Drücker hob er ab und nach 2 Sekunden waren wir im Nebel und mit Glück wieder einmal auf dem Heimweg.

Ich bin häufig dorthin geflogen, immer mit den 2-motorigen Allison und den 4-motorigen Vickers Viscount.
Da diese Zivilmaschinen nur eine Reisehöhe von etwas mehr als 3600m haben, gibt es beim Lande-anflug auf Mérida ein kleines Problem. Die Flieger müssen durch einen Bergsattel von 3450 m Höhe fliegen und Linkskurve abwärts nach Mérida hinein zur Landung ansetzen. Es sah wirklich sehr schön aus, wenn das Flugzeug da so seelenruhig im warmen Sonnenlicht dahinzog und von unten wuchs ihn die Bergwelt so langsam entgegen, bis man in 100m unter sich Kühe weiden sehen konnte.

Einmal im Jahr ging dabei eine Maschine wegen Nebels verloren. Mich hätte es auch fast getroffen. Nur, weil aus der Druckerei die neuen Kataloge angeliefert worden waren, habe ich den Flug abgesagt. Den Wagen mit Katalogen gefüllt, bin ich die bekannte Strecke durch das Santo Domingotal hochge-kurbelt und war, wie gewöhnlich nachmittags in Mérida - und sah rund herum verstörte Gesichter.
Die Maschine war im Nebel gegen einen Hang geknallt und abgestürzt. Wie immer waren viele Meri-deños davon betroffen. Am nächsten Tag wollte ich im Institut für Forstwirtschaft meine Kataloge abge-ben, als man mich fragte: „Señor, wollen sie mal so einen Motor sehen?“
Da hatten die Typen, wegen ihrer besseren Kenntnisse der Waldwege, die Absturzstelle eher gefun-den, als die Nationalgarde und sich einen Motor unter den Nagel gerissen, um ein Notstromaggregat daraus zu machen. Auch meine Vorhaltungen, dass man wegen des fehlenden Motors die Unfallur-sache vielleicht nicht herausfinden würde, das interessierte die weniger.


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