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Erinnerungen

Von speedygonzalez 02.05.2021, 09:08

Caracas, Hauptstadt Venezuelas

Dort wohnte ich bei meiner Ankunft Feb. 1969, zuerst in „Los Palos Grandes“ in Untermiete bis meine Familie nachgekommen war und wir dann nach „Cumbres de Curumo“ umzogen. Beides sind Stadtteile von Caracas. Die Stadt heißt eigentlich „Santiago de los Caballeros de Caracas“. Aber genau wie bei Mérida in den Anden, wird nur das Ende dieses Namensbandwurmes benutzt.

Die Stadt liegt ca. 1000 m ü.NN, von Ost nach West offen in einem Hoch-tal der Küstenkordilliere. Die östlichen Passatwinde haben freien Durch-zug. Nördlich zur Karibik hin, zieht sich die Bergkette mit dem Avila auf 2100m hoch und weiter östlich zum Naiguatá, mit 2700, wohl die höchste Erhebung dieser Cordillera de la Costa. Auf dem Avila steht das Hotel „Torre Humboldt“, welches der Diktator Perez Jimenez angeordnet hat. Da der Fahrweg dort hinauf nur mit Jeeps bewältigt werden kann und sehr mühsam ist, wurde auch gleich noch eine Seilbahn dazu gebaut. Jetzt ist das Hotel stillgelegt – es lohnt sich nicht. Nur eine Kunsteisbahn ist noch in Betrieb. Einmal fand dort oben die Abschluss Gala der ASOVAC, Ve-nezolanische Gesellschaft für den wissenschaftlichen Fortschritt, statt. Für die sonnenverwöhnten und wärme gewohnten Damen auch einmal die Gelegenheit, ihre Nerzstola herumzutragen.

Mit dem Teleférico kam man recht bequem hinauf, außer Hanna, meine Frau, die dabei ziemlich gelitten hat. Besonders, als genau über einer Ge-ländefalte, die etwa 300m tief war, die Gondel anhalten mußte, weil wegen des Andranges unten eine weitere Kabine eingefädelt wurde. Das hat dann ganz schön geschaukelt. Oben konnte man von der Station hinüber laufen zum Torre Humboldt, den man leider nicht anfassen konnte, was wiederum zu dieser Zeit ein „Muss“ bei Georg, meinem Sohn war. Für seine zwei-einhalb Jahre hatte er damals schon eine imposante Stimme, die er dann auch im Protest sehr prägnant demonstrierte. Aber da war nichts zu machen. Der Torre war eingezäunt, wegen Einsturzgefahr, glaube ich.
Doch auch ohne die Stimme wäre er in seiner knallroten Lederhose, Marke „Seppel“ dort oben aufgefallen. Natürlich auch als „Catire“, wegen seiner weißblonden Haare, durch die er sowieso nicht nur zum Hinkucker der gesamten venezolanischen Mädchenwelt wurde. Denn nach einem Brauch aus der vorchristlichen Zeit, die hier nur cirka 200 Jahre umfasst, muss man in Venezuela ein Kind, das man sympathisch findet und be-grüßen will, unbedingt anfassen oder streicheln, denn sonst könnte der Eindruck entstehen, dass man ihm den „Bösen Blick“ anhängen will. Das waren wir nicht gewohnt und drum kamen diese zärtlichen Aufwallungen uns und besonders Georg, recht lästig vor. Andererseits haben wir durch Unterlassen dieser Symbolik wahrscheinlich Unmut erzeugt, was uns aber möglicherweise, als unwissenden Ausländern, Musiús oder, noch schlim-mer Gringos, (Amerikaner) verbucht wurde.
Um einen bösen Blick abzuwehren, bekommt jedes Neugeborene einen Asawache (Assawatsche), ein aus Jet geschnittenes Figürchen, ein Amu-lett, um den Hals gehängt. Ich habe niemanden gesehen, der nicht diesen Asawache, in welcher Form oder wo und wie auch immer, an sich trug.

Mit dem Aberglauben allgemein und seinen hysterischen Auswüchsen habe ich dann zu Anfang meiner Reisen ins Landesinnere auch noch zu tun bekommen. Oder besser gesagt: nicht.
Bei San Juan de los Morros gab es eine Zementfabrik, die ich besuchen wollte. Das wäre eine Reise mit Übernachtung geworden. Als ich das dem Abteilungsleiter sagte, fragte er glatt, ob ich des Teufels wäre.
Warum?
Seit einiger Zeit wurden in diesem Raum Kinder vermisst und die Medien hatten natürlich nichts Besseres zu tun, als diese mysteriösen Vorfälle gekonnt aufzubauschen und bald war die ganze Gegend hysterisiert und fahndete nach einem Mann, einem Vampir, der gegen Geld diese Kinder aussaugte. Es wurde allen Ernstes nach einem solchen Typen, einem Gringo eventuell, gesucht. Da ich des Zeitungslesens noch nicht so mäch-tig war, hatte ich keine Ahnung davon und wollte, dem Aussehen einem Gringo ähnlicher, als einem Criollo genau in diese Gegend. Das hat man mir kategorisch verboten. Mein Schwager, der in Valencia lebte und den ich häufig besuchte, übrigens auch. Das Thema ist dann eingeschlafen, wie alle solchen Hysterien und ich konnte später diese Zementfabrik unbelästigt besuchen.
Ende der Sechziger war das Hinterland noch lange keine leichte Reise-zone. Wie Freunde mir erzählten hat ein junger Mann aus Deutschland bei einer Fahrt ins Innere einige Worte fallen lassen, die absolut schlecht an-kamen und schon blickte er in gezückte Messer und es war nur seiner gu-ten Zeiten im 100-Sprint zuzuschreiben, dass er eher an seinem Auto war, als sie. Bitte nicht zu vergessen, dass die Llaneros auch sehr gut darin sind, eine Machete zu werfen.
Einem anderen ist es passiert, dass er nachts eine Kuh, die auf der Straße herumstand, angefahren hat. Als er dann aus dem Ort, wo er Hilfe holen wollte, zurückkam, waren Kuh und Auto weg. Solche Viecher auf den Stra-ßen im Interior, dem Landesinneren, waren nie auszuschließen. Besonders entlaufene Esel konnten zu einem Problem werden, denn die blieben stur stehen oder liefen genau dann los, wenn man hinter ihnen vorbeikurven wollte. Lastzüge ließen nur das Typhon dröhnen und hielten drauf. Die Reste holten sich dann die Geier.
Mir ist es einmal in einer engen Rechtskurve in einem Bergeinschnitt pas-siert, dass ein gefällter Esel halbwegs im Straßengraben lag, die Beine aber noch ziemlich weit auf der Straße. Ich wollte links an dem Kadaver vorbei, als mir ein Lastzug auf der Gegenseite, auch nicht so richtig rechts fahrend entgegen donnerte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als dem Esel über die Beine zu fahren. Mein 1600er hob sich rechts dabei ab und nur durch scharfes Gegensteuern konnte ich ihn wieder auf alle Räder zwingen, was mich der Bergwand an der linken Straßenseite bedrohlich nahe brachte. Den Rest hat wohl mehr mein "Autopilot" erledigt.
Ich war echt fertig.

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