Der Hirsch
Von
tastifix
Donnerstag 26.05.2022, 20:11
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tastifix
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Es war die Zeit, in der die Hirschbullen um die Gunst der Weibchen buhlten.
Bei Tagesanbruch bewegte sich ein kleines Hirschrudel, zunächst im Frühnebel nur schemenhaft erkennbar, aus dem Dickicht des Waldes. Angeführt von einem prachtvollen 10-Ender betraten die Tiere die Lichtung, sicherten kurz, neigten die Mäuler dem saftigen Gras zu und begannen zu äsen. Die Hirschkühe wussten sich beschützt von ihrem mächtigen König, dem Hirschen. Er stand ein wenig abseits und achtete jedes Geruches, der vielleicht hätte Gefahr ankündigen können. Erst dann begann auch er zu fressen. Seine Bewegungen waren die eines alten Tieres, manchmal schienen sie fast mühevoll zu sein. Wechselte er den Standort, setzte er langsam einen Huf vor den anderen.
Aber schon bald wurde das friedliche Idyll gestört. Plötzlich hob der Hirsch den Kopf. Unruhig sicherte er zum Wald hinüber. Irgendetwas war anders. Zunächst hörten die Tiere nur ein leises Trippeln, das jedoch rasch lauter wurde. Zwischen den Bäumen erschien ein junger Hirschbulle. Er wandte den Kopf zu den Weibchen, dann schaute er zu dem alten Herrscher jenes Rudels hinüber. Stolz sich hoch aufrichtend, legte er den Kopf in den Nacken und röhrte laut. Eindeutig wollte er den Kampf um die Weibchen aufnehmen ...
Auch der Alte richtete sich auf und präsentierte das eindrucksvolle Geweih, bereit, sich mit dem Jungen zu messen. Die beiden Hirsche liefen aufeinander zu, verharrten dann aber, sich weiterhin taxierend, noch in einiger Entfernung. Nach wenigen Augenblicken jedoch machte der König des Waldes, warnend laut röhrend, ein paar weitere Schritte auf den jungen Rivalen zu, doch jener wich nicht. Schließlich senkten beide die Köpfe und rasten aufeinander zu. En bedrohliches Dröhnen erfüllte die Luft, die stampfenden Hufe wirbelten Staub hoch. Die mächtigen Körper prallten zusammen, die Geweihe verharkten sich. Jeder versuchte, den Anderen wegzudrängen. Wut verleiht ungeahnte Kraft und der Allte wehrte sich hartnäckig. Aber es fehlte ihm die Energie, die Ungestümtheit der Jugend. Den wiederholten Angriffen, bei denen der Jungbulle mit dem Geweih hefitg zustieß, war er nicht gewachsen und seine Kraft erlahmte.
Seinem Rivalen sagte der Instinkt, dass sich der Kampf zu seinen Gunsten entscheiden könnte. Immer heftiger wurden die Attacken und er fügte dem alten Hirsch schwere Verletzungen zu. Derweil drängte er ihn ständig weiter weg von den Hirschkühen, die am Rande der Lichtung eng beieinander stehend, das Geschehen verfolgten.
Schließlich war es soweit. Der Alte gab den verzweifelten Kampf auf, die Schmerzensschreie des Besiegten hallten weithin. Schleppend versuchte er noch wenige Schritte, brach aber dann im Schein der aufgehenden Sonne blutüberströmt zusammen. Das Schreien verstummte, sein Auge brach.
Im gleichen Moment, als er sein Leben aushauchte, war ein unheimliches Kreischen von Holzfällersägen zu hören. Ein großer Teil des Waldes, seines Waldes, würde gerodet werden ...