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Pech gehabt

Von Reineke1794 Montag 24.05.2021, 06:28 – geändert Montag 24.05.2021, 07:18

Angefangen hat es mit einem kleinen Unfall. Ahmed war auf dem Weg zur ehemaligen Templerfestung in Akko, im Norden Israels, also im ehemaligen Galiläa. Er war etwas in Eile, da er seinen Freund Halil treffen wollte. War es die letzte Stufe, die er übersehen hat, oder eine Unebenheit auf dieser, konnte er nicht sagen. Jedenfalls lag er in seiner ganzen Länge auf den Steinen der ehemaligen Festung des Templerordens. Das rechte Knie schmerzte heftig. Mühsam versuchte er sich aufzurichten. Bei dem schmerzhaften Bemühen hochzukommen, sah er sie, die Beine der jungen Frau, die direkt vor ihm stand. Sein Blick ging nach oben, streifte über eine wunderschöne Figur und blickte dann in ein Gesicht, das ihm die Sprache nahm, na ja, fast nahm, denn geistesgegenwärtig richtete er sich so weit auf, dass er auf die Knie kam und zu der fremden Schönen meinte: „Oh, ich wollte doch nur um ihre Hand bitten“.

Sarah, die Tochter eines jüdischen Beamten in Akko, musste hellauf lachen. Als sie dann aber sah, welche Mühe dieser Frechling hatte, um zum Stehen zu kommen, reichte sie ihm die Hand und zog kräftig an dieser. „Wow, danke“ meinte Ahmed völlig überrascht „so hatte ich das eigentlich nicht gemeint mit der Hand.“ Wiederum mussten beide kräftig lachen. Alsdann entschuldigte er sich bei Sahrah, telefonierte mit Halil, um ihm alles kurz zu erklären und das Treffen zu verschieben. Dann wandte er sich an die hübsche junge Frau und fragte, ob er sie in das Cafe einladen dürfe, das in Sichtweite zur „Unfallstelle“ gelegen war. Sarah stimmte zu und so saßen sie schon wenig später an einem kleinen Tisch vor dem Cafe, unterhielten sich munter, hatten viel zu lachen und merkten sehr schnell, dass da eine Menge Sympathie zwischen ihnen ins Schwingen gekommen war. Als sie sich nach einer guten Stunde verabschiedeten, war längst ein erneutes Treffen vereinbart. Ahmed wollte Sarah bei einem Spaziergang in drei Tagen die Altstadt von Akko zeigen, in der er seit beinahe zwei Jahren lebte. Ein Besuch der Altstadt lohnte immer, dies wusste Sarah, denn Akko gehörte mal zum Herrschaftsbereich der Ägypter, dann der Perser, der Römer und war auch ein wichtiger Stützpunkt der Kreuzfahrer, um nur einige der wechselnden Eroberer der mehr als 3000 Jahre alten Stadt zu benennen. Sie kannte die Altstadt nur wenig, da sie erst vor einem halben Jahr mit ihren Eltern und dem jüngeren Bruder von Aschkelon, nördlich vom Gaza Streifen gelegen, nach Akko gezogen war. Sie wohnte in der sogenannten Neustadt Akkos, die eine mehrheitlich jüdische Bevölkerung aufweist, während die Altstadt die Heimat der israelischen Araber ist. Akko hat eigentlich zwei Besonderheiten. Es ist eine der orientalischsten Städte Israels und seit Jahrzehnten klappt hier das Zusammenleben von Arabern und Juden vergleichsweise gut. Da Ahmed schon immer großes Interesse für Geschichte hatte und die Altstadt dank ihres mehr als dreitausendjährigen Bestehens viel zu bieten hat, konnte er die junge Frau mit seinen Ausführungen bei dem Spaziergang drei Tage später sehr beeindrucken. Dabei ist es dann aber auch nicht geblieben und als er einige Monate später seine mittlerweile große Liebe seinen Eltern vorstellte, gab es zwar große Vorbehalte, dies übrigens auch bei Sarahs Eltern, als diese den jungen Mann mal mit nach Hause gebracht hatte, doch nichts mochte die Beiden mehr zu trennen.
Zu einem glücklichen Ende ist die Geschichte aber nicht gekommen. Weshalb, darauf ist noch einzugehen.

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In der Nacht zum Freitag, am 21. Mai 2021, galt auf Vorschlag Ägyptens seit 02.00 Uhr früh eine Waffenruhe. Die im Gaza Streifen regierende Hamas hatte sich mit Israels Ministerpräsidenten auf eine bedingungslose Feuerpause geeinigt. War der Anlass für die Auseinandersetzungen zunächst die Vertreibung der Araber aus Ostjerusalem und der geforderte freie Zugang zum Tempelberg, den Israel beschränkt hatte, so spielten machtpolitische Interessen auf beiden Seiten eine wohl erheblichere Rolle, als es den Anschein hatte. Die anfänglichen Proteste waren schließlich in einen kriegerischen Schlagabtausch ausgeartet. Die Hamas, darum bemüht, der Fatah in Ramallah, die Führungsrolle der Palästinenser streitig zu machen, einerseits, und der wegen Korruption angeklagte israelische Ministerpräsident, nunmehr in der Lage, über militärische Aktionen von seiner Situation abzulenken, andererseits, verfolgten letztlich ihre Interessen ohne Rücksicht auf die
Menschen in beiden Lagern. Der Führer der Hamas ließ weit über 3000 Raketen auf Israel abschießen, um seine Macht zu demonstrieren. Der Ministerpräsident von Israel antwortete mit gewaltigen Gegenschlägen vorwiegend mit Angriffen der Luftwaffe. Im Hintergrund wirkten dann der Iran mit indirekter Hilfe für die Palästinenser mit und auf Seiten Israels wurden vermutlich neue Waffensysteme, auch anderer Staaten, erprobt. Verlierer auf beiden Seiten waren die Menschen, die ein normales Leben führen wollten.

Der fünfjährige Junge, der aus den Trümmern des Wohnhauses seiner Eltern in Gaza Stadt am 20. Mai 2021 tot geborgen wurde, wusste von all dem natürlich nichts. Mit Legosteinen hatte er gespielt, als ein gewaltiges Geschoss in der Nachbarschaft eingeschlagen war und dabei auch das Haus seiner Eltern zerstört hatte.

Die Umstände des Todes des dreijährigen Mädchens in Aschkelon am selben Tag müssen noch geklärt werden, hieß es in den Nachrichten, denn es war mit seinen Eltern in einem Schutzraum, als eine Rakete, aus dem Zentrum von Gaza Stadt abgefeuert, das Mehrfamilenhaus getroffen hatte.

Wie bei Muslimen und Juden üblich, wurden die Kinder noch am selben Tag beerdigt. Ahmed Moussa in Gaza Stadt und Sarah Kling in Aschkelon.

Die Begegnung von Ahmed und Sarah im Jahr 2040 in der Stadt Akko – er wäre jetzt 24 Jahre alt und Sarah 22 - genau sieben Jahre nach der über Jahrzehnte angestrebten und dann so glücklichen Zweistaatenlösung, hat es nie gegeben, weil Machtinteressen, Korruption, Vorurteile, Geld und Hass diesen Beiden keine Chance gelassen haben.

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