Mutters Vermächtnis
Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 06.10.2021, 06:35 – geändert Freitag 22.10.2021, 18:56
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„Es ist mir egal, was die anderen über mich denken. Heiraten werde ich nicht. Den Johann nicht, auch nicht den Anton. Überhaupt nicht“.
Das waren die letzte Worte, die ich gesprochen habe.
Wenn mein Vater nicht nachgibt, dann rede ich kein Wort mehr. Mit niemandem. Das war mir todernst.
Nach diesem Wortgefecht lief ich die steilen Treppen hoch und verschanzte mich in meiner kleinen Stube.
Es sind schon 10 Tage vergangen. Ich blieb weiter stur. Am Anfang plagte mich quellender Hunger. Jetzt, allmählich habe ich mich im Griff. Nur Wasser und Obst, die ganzen Tage. Ich betete und meditierte, ab und zu im Halbschlaf. Aber ich merkte, dass die Schwindelanfälle sich immer öfter bemerkbar machen. Ja, diese dauern auch länger, wenn mich mein Gefühl nicht täuschte.
Auf Bertas Klopfen und Betteleien reagierte ich nicht. Ich kann sie verstehen. Sie hat sich um mich von Klein an gekümmert. Ich war für sie wie eine Tochter. Nun meinte mein Vater, es wäre an der Zeit, dass ich die Aufgaben der Hausfrau und Mutter übernehme.
Wer soll die ganze Wirtschaft führen, ihn, meinen Vater im Alter versorgen?
Einen Schwiegersohn und Enkelkinder, das wünschte er sich.
Nach meinen Wünschen wurde ich nie gefragt.
Plötzlich hörte ich hinter der Tür Holzdielen knarren. Dann schubste jemand ein Stück Papier unter der Tür. Ich erstarrte und horchte weiter. Ja, jemand schlürfte mit schweren Schritten den Flur entlang und jetzt mühte er sich diese steile Treppe zu bezwingen. Ich erkannte sofort. Es war der Vater selbst. Mit seinem Gewicht war es für ihn eine echte Quälerei. Ich hörte ihn schwer atmen und dann die massive Eichentür zuknallen.
Ja, diesmal ist alles gut gegangen - dachte ich erleichtert. Aber damals, vor Jahren, als ich gerade geboren war, hat meine Mutter nicht so viel Glück gehabt. Die gute Berta hat oft erzählt, wie sich das alles zugetragen hat. Als wäre sie dabei gewesen. Sie hat meinem Vater nie Vorwürfe gemacht, aber irgendwas zwischen den beiden stand dazwischen, war ungeklärt. Ich habe das gespürt und lange gebohrt, bis sie nachgab und die ganze Geschichte mir erzählte.
Sie war damals, vor 20 Jahren, als Dorfhebamme unterwegs. So oft sie konnte, besuchte sie die Frauen, die kurz vor der Entbindung standen. An diesem Tag wollte sie nach meiner Mutter schauen. Sie vermutete, dass es bald so weit sein mußte, aber von meinem Vater hatte sie noch nichts gehört. Also machte sie sich zu Fuß auf den Weg. Unterwegs traf sie noch Benno, den Einäugigen mit einer Fuhre Dachpfannen. Der nahm sie natürlich mit auf den Bock. So erfuhr sie, dass alle Männer aus dem Dorf, auch mein Vater, bei dem Dachdecken bei Kolltschik helfen müßte. Das schlechte Wetter ist angesagt und die Männer arbeiten um die Wette. So hat sie sofort gewußt, dass Mutter alleine zu Hause ist. Eilig erreichte sie unseres Haus, drückte kräftig die schwere Eichentür und da sah sie. An der untersten Stufe der besagten Treppe lag meine Mutter. Ganz weiß, bewegungslos. Das Baby, etwas abgekühlt, war ich.
Ich atmete tief ein und machte das Fenster auf. Ganz breit. In meiner Brust verbreitete sich eine beängstigende Enge.
So rang ich krampfhaft nach frischer Luft. Dann hielt ich mich mit einer Hand an der Bettkante fest und vorsichtig zog ich mit der anderen Hand das schon etwas zerknüllte Papierstück.
Mit zitternden Fingern machte ich es auf, mit feuchten Handflächen strich ich das zerknüllte Blatt glatt und las…
Meine liebe Tochter…
Bielefeld, Oktober 21
Karola