Morgendämmerung
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Feierabend-Mitglied
Montag 16.05.2022, 09:29 – geändert Montag 16.05.2022, 17:07
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Ihre Schritte hallen auf dem Asphalt. Kein Mensch sonst ist unterwegs. Die Straßenlaternen werfen noch Schatten, denn die Morgendämmerung beginnt gerade erst.
Vera eilt mit großen Schritten auf die kleine Gasse zu. Ihr ist mulmig zumute, denn als sie sich umgedreht hatte, erblickte sie im letzten Augenblick die dunkle schemenhafte Gestalt, die sich aber sofort in einer Hausnische verbarg.
Wer folgte ihr da? Ihr Herz beginnt heftig zu klopfen und der Atem drückt im Hals wie ein dicker Kloß.
Eilig verfällt Vera in einen Laufschritt. Ihre Gedanken hasten in die Stunden der letzten Nacht zurück. Zwei von Ulis Freunden waren auf Drogen, doch Uli, ihr Freund, hatte nichts genommen. Sie ja sowieso nicht. Dafür hatte sie viel zu viel Angst vor dem Zeug. Und sie hatte schon oft die anderen erlebt, wenn sie high waren. Wenn die Clique gegen morgen anfing sich komisch zu verhalten, dann wusste Vera, es war wieder einmal so weit. Am liebsten wäre sie dann sofort wieder nach Hause gegangen.
Vera bleibt kurz stehen, um nach Luft zu schnappen. Gleichzeitig schaut sie in die Straße zurück. Sie kann nichts entdecken, die Gestalt ist verschwunden. Welch Glück!
Sie geht weiter. Ihre Gedanken eilten zurück bis kurz nach Mitternacht. Da hatte es Streit gegeben und die anderen zwei Mädchen waren aus der Wohnung gerannt. Uli hatte sie sofort in sein Zimmer gezogen und die Tür verriegelt. Erst gegen Morgen war sie erwacht. Leise hatte sie die Wohnung verlassen, denn er schlief noch.
Ein plötzliches Geräusch holt Vera zurück aus den Gedanken. Die Schritte, die ihr folgen, sind nun nicht mehr zu überhören. Vera schaut zurück, aber sie kann nichts erkennen. Ihr Herzschlag hat sich schlagartig verdreifacht. Sie bekommt Panik und ihr fehlt die Luft zum Atmen. Sie läuft im schnellsten Tempo weiter.
Die Gasse, in der Vera wohnt, ist noch ca. hundert Meter entfernt. Angst legt sich bleischwer auf ihre Brust und sie muss kurz stehen bleiben. Mit gehetztem Blick durchforscht sie die Nischen und Winkel der Häuser. Die Dämmerung lässt sich Zeit. Es ist noch nicht viel heller, der Himmel ist verhangen. Ein, zwei tiefe Atemzüge. Vera eilt weiter und die Schritte hinter ihr ebenfalls. Sie taucht endlich in die Gasse ein. Nur noch fünfzig Meter, dann ist sie an der Haustür. Noch während sie weiter hastet, sucht ihre Hand den Schlüssel in der kleinen Handtasche. Ihr Herz rast inzwischen so laut, dass es in ihren Ohren dröhnt. Die Angst lässt das Blut heftig pusieren und nimmt dem Atem noch die letzte Kraft.
Mit fieberhafter Eile sucht der Schlüssel das Schlüsselloch. Vera hört nur noch das Summen des Blutes und den pochenden Herzschlag in beiden Ohren.
Endlich! Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Im gleichen Augenblick fühlt sich Vera umfasst und ein heißer Atem fährt ihr in den Nacken.
Mit Entsetzen fährt sie nach oben und sieht in Ulis Augen.
„Ich bin Dir gefolgt, nun bist du sicher zu Hause.“
Vera schreit und weint. “Mensch Uli, ich habe mich zu Tode geängstigt!“ Trommelt dem Freund vor Zorn auf die Brust. Uli hält sie eng umschlungen und sagt nichts.
Nur langsam beruhigt sich Vera. Dann schmunzelt sie Uli an und zieht in mit einem glücklichen Seufzer in den Hausflur.
Als die Tür hinter beiden ins Schloss fällt, öffnet sich im gleichen Augenblick die Wolkendecke und der Himmel überzieht sich mit einem tiefen Rot.
Text: Mali25
foto: tagblatt.ch