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Mein Schicksal

Von ehemaliges Mitglied Montag 18.10.2021, 19:35 – geändert Dienstag 19.10.2021, 09:55

Meine Assoziationen zum Bild von Otto Dix.

Und wie schon so oft, auch heute, passierte es. Die Geschichte wiederholt sich, laufend, jeden Tag. Immer, wenn ich nur unsere düstere, nach Schimmel riechende Souterrainstube verlasse.

Meine Geschichte. Eine von Vielen?

Auf Mutters Bitten, noch ein paar Schachtel Streichhölzer zu verkaufen, sonnst wird es kein Abendbrot geben, nicht für mich und nicht für meine Geschwister, machte ich mich humpeln auf den Weg.

Gejagt, wie ein Tier, mit Steinen beworfen. bespuckt, geschubst, verprügelt, getreten und vor allem oft von Erwachsenen an den Ohren gezogen, versuchte ich meinem Schicksal zu entkommen. Gut, jetzt hinter der dicken Säule können die Jungs mich wahrscheinlich nicht sehen. Ich kenne sie nicht. Zum Spielen auf der Straße komme ich nicht. Wie denn?

Überhaupt, nach draußen wage ich mich nur in der Abenddämmerung. Nach einer Kinderlähmung ist meine rechte Körperhälfte entstellt. Schon mit dem rechten Auge angefangen, was so gut wie über kaum Sehkraft verfügt, bis zu der rechten Hand und Bein. Die Spätfolgen der Krankheit, der Muskelschwund, vor allem in den Beinen, sind mein größtes Problem. Immer mehr spüre ich die Kraftlosigkeit meiner Glieder, abgesehen von den Schmerzen, die ich manchmal kaum aushalten kann, was auch der Grund meiner Wutausbrüche ist. Meine Beweglichkeit ist schon ziemlich dramatisch eingeschränkt. Wie soll es weiter mit mir gehen?

Meine Mutter, als Fabrikarbeiterin kann uns, drei Geschwister, kaum ernähren, geschweige eine medizinische Hilfe für mich zu organisieren, auch bezahlen. Ich bin mir nicht sicher, ob auch ein Arzt hätte mir helfen können. So habe ich mich mit meinem Schicksal abgefunden. Schon lange. Meine Mutter war froh, dass ich diese Krise damals als Baby überlebt habe. Ja, ich habe die Krankheit überstanden.

„Gott sei Dank“ - wie sie immer sagte.

„Leider“ - dachte ich hin und wieder.

Und dann noch diese quellende Frage - warum ich?

Ist das für mich ein Segen, wie meine Mutter meinte, oder ein Fluch?

Manchmal denke ich darüber nach und träume von einem anderen Leben. In meinem Träumen bin ich stark und gesund. Die Jungs auf der Strasse gehen mir aus dem Weg, machen mir Platz. Und die Mädchen drehen sich nach mir um, nicht wegen meiner Behinderung. Oh nein. Die lächeln mich an, machen süße Bemerkungen, ja, sie bewundern mich.

Die Wahrheit ist aber eine andere. Hinter der dicken Säule kauere ich und warte ab, bis sich die Lage auf der Straße hinter mir entspannt. Ich muß sehen, wie ich zurück nach Haue komme, ohne die Jungs zu begegnen. Von den Streichhölzern habe ich nur ein paar Stück verkauft.

Ich weiß, heute werden wir nicht alle satt und für mich werden die Träume niemals wahr.

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