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Kindheit im Schatten des Neuanfangs (Teil 2)

Von Reineke1794 Samstag 08.05.2021, 09:06

Eine Sensation ergab sich 1950, als im Laufe des Jahres die Lebensmittelkarten weggefallen sind. Nun musste Mutter nicht mehr Zigarettenmarken gegen Brotmarken eintauschen, daran kann ich mich gut erinnern. Viele Mütter haben solche Tauschgeschäfte durchgeführt, denn in sehr vielen Haushalten fehlten
die Väter, weil sie entweder gefallen oder noch in Kriegsgefangenschaft waren. Überwiegend die Frauen kümmerten sich um die Restfamilien und waren das Rückgrat der aufkeimenden Wirtschaft in diesen Jahren. Männer waren überall in Unterzahl, waren entweder alt oder sehr häufig invalide. Da fehlte mal eine Hand, ein Unterarm, ein ganzer Arm, ein Bein oder beide Beine. Bei weit mehr als der Hälfte der Jungen in meiner Klasse fehlten die Väter ganz.

Ich glaube, im selben Jahr sind auch die kleinen 10- und 5-Pfennig Geldscheine verschwunden, mit denen wir manchmal noch unsere Kaugummis bezahlt hatten. Die Scheinchen waren so etwa 6 x 4 Zentimeter groß. Ja, einen 50-Pfenniggeldschein gab es auch noch. Der war quadratisch und etwa so 9 x 9 cm groß.

Mit einem kleinen Wald ganz in der Nähe verbinde ich bis heute eine ganze Reihe von interessanten Erinnerungen. Beim Holzsammeln mit meinem Großvater habe ich mal ein Gewehr gefunden. Großvater hat es wieder dorthin zurückgelegt, wo ich es entdeckt hatte. Tage später war es jedoch verschwunden. Ein anderes Mal habe ich in dem Wäldchen ein totes Reh gefunden, das in dem Fangeisen eines Wilderers elendig verendet sein musste.

Dass mein Großvater das Gewehr, das ich im Wald gefunden, nicht an sich genommen hatte, bedauerte ich zwar, fand es aber auch nicht gar so schlimm, weil wir Jungen mehrere Karabiner hatten. Die älteren Jungen hatten die Waffen aus dem Fluss geholt, der in der Nähe der Stadt vorbeifließt. Soldaten der Wehrmacht hatten die Waffen wohl bei Kriegsende in das Gewässer geworfen. Da ich noch jünger war, hatte ich eher die undankbare Aufgabe, die Gewehre zu reinigen und dann einzuölen. Munition hatten wir auch, doch kann ich mich nicht daran erinnern, dass ein einziges Mal mit einem der Gewehre geschossen worden ist. Die Munition wurde für ganz andere Zwecke verwendet. Die Spitzen der Patronen eigneten sich ausgezeichnet als Pfeilspitzen für unsere Pfeile zu den selbstgebauten Bogen. Das Pulver wiederum konnte man gut für Zündwege verwenden. Wurde es in Linie gestreut und dann angezündet, gab es am Ende des Weges eine tolle Verpuffung, erreichte das Feuer ein Häufchen aus Pulver, das zuvor aufgeschüttet worden war. Passiert ist Gott sei Dank nie etwas. Ich durfte allerdings immer nur zusehen, da ich als noch zu jung eingestuft worden war. Auch bei den selbst gefertigten Knallern war das so. Benötigt wurden hier alte Schlüssel mit einem großen Bart. In die Öffnung des Schlüsselrohres an dem der Bart befestigt ist, wurden Schwefelstückchen eingestreut, die von den größeren Jungen von Streichhölzern mit grünen Schwefelköpfen abgeschabt worden waren. Ein Nagel, der genau in die Öffnung des Schlüsselrohres passte, wurde mittels einer Schnur mit dem Schlüssel in der Weise verbunden, dass er mit Schwung in die Öffnung einfuhr, wurde er etwa gegen eine Mauer, Hauswand etc. geschlagen. Ein lauter Knall war die Folge und große Freude folgte unsererseits.

Ein Ereignis hat mich zu jener Zeit sehr beeindruckt. Wie ich heute weiß, war es am 23. Mai 1949. Nach der großen Pause gingen wir Schulneulinge wieder zurück in den Klassenraum unserer Knabenschule. Jungen und Mädchen wurden zu jener Zeit ja noch getrennt in verschiedenen Anstalten unterrichtet. Vor der Klassentür stand die Frau Lehrerin, so wurde die für uns schon relativ alte Frau, so Ende 30, noch angesprochen. Völlig aufgeregt rief sie uns Jungen zu, dass heute ein ganz besonderer Tag sei. Die Bundesrepublik Deutschland sei heute geboren worden und habe seit heute ein Grundgesetz, eine demokratische Verfassung. Mit dieser Nachricht konnten wir natürlich nicht viel anfangen. Dies wird Frau Lehrerin sicherlich auch gewusst haben. Vermutlich hätte sie das auch ihrem Papagei erzählt, sofern sie einen gehabt hat, denn sie war regelrecht außer sich vor Freude und vermochte diese ein wenig auf uns zu übertragen. Es mag durchaus sein, so vermute ich heute, dass unsere Frau Lehrerin sehr genau wusste, was dem Parlament der Bundesrepublik Deutschland nach dem sogenannten tausendjährigen Reich für ein unermesslicher Schatz von den Vätern des Grundgesetzes zur Abstimmung vorgelegt worden war, den die Westalliierten zwischenzeitlich genehmigt hatten. Tatsächlich wurde dieses Grundgesetz Jahre später zum Muster für die neuen Verfassungen von Spanien, Portugal, Griechenland und in Ländern Südamerikas und Asiens, wie ich viele Jahre später erfahren habe. Eine weitere Erklärung für die übergroße Freude unserer Lehrerin mag die gewesen sein, dass ausgerechnet in Bayern, wo wir zu jener Zeit lebten, noch drei Tage vorher das Grundgesetz vom Bayrischen Landtag abgelehnt worden war, was ich natürlich auch erst viel später erfahren habe.
Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Frau mit dazu beigetragen hat, unsere Gespräche im Laufe der folgenden Monate und für ein paar Jahre immer wieder mal etwas politischer werden zu lassen. Die Gründung der DDR im Oktober 1949, allgemein als SBZ (sowjetisch besetzte Zone) bezeichnet, beschäftigte die Menschen zu jener Zeit und beeinflusste somit auch schon ein wenig unsere Unterhaltungen. Ulbricht, Adenauer, Pankow, Bonn wurden feste Begriffe auch für uns Kinder. Und dann natürlich der in Bayern häufig genannte und irgendwie kuriose Name des Alois Hundhammer, der als Verfechter einer bayerischen Eigenstaatlichkeit auftrat, war ein Thema für sich. Hätte er sich durchgesetzt, Deutschland wäre ein dreigeteiltes Land geworden. Auch politisch eingefärbte Witze fanden ihren Weg zu uns Jungen.
„ - Buchstabiere mal das Wort „heiß“, war ein, in dieser Zeit häufig angebrachter Scherz, der dann eine Fortsetzung in der Frage fand, „und wie heißt der erste Bundeskanzler?“ Wurde dann der Name Heuß genannt, war die Freude groß, konnte man überlegen darauf verweisen, dass dies Adenauer sei.

Eine tolle Möglichkeit, an Informationen zu kommen, bestand für mich in dem Umstand, an Wochenenden auch gelegentlich im Nachmittagsprogramm für wenig Geld im Stadtkino die Wochenschau zu sehen. Nach deren Ende musste ich den Saal allerdings auch wieder verlassen. Immerhin habe ich in der „Fox Tönenden Wochenschau“ oder „Ufa-Wochenschau“ die Hochzeit vom Schah von Persien mit Soraya gesehen. Auch die Preisverleihung für die Verfilmung des doppelten Lottchens von Erich Kästner konnte ich aus solcher Wochenschau mit in unsere Gesprächsrunden bringen. Furore machten regelmäßig auch die Modenschauen in der etwa halbstündigen Wochenschau. Viel wurde da jedenfalls gelacht im Vorführraum, das ist mir unvergesslich geblieben.

Für mich dürfte eines der letzten großen Themen unserer Runde der Tod eines Sprengmeisters gewesen sein, der ein, an Adenauer adressiertes Paket geöffnet hatte, denn 1952 sind wir weggezogen. Das Sammeln von Bildern der Marke BIG BUB BUBBLE GUM hatte außerdem an Reiz verloren, da manche Bilder zu Serien einfach nicht zu bekommen waren.
Beinahe umgehauen hat mich zuvor allerdings noch ein Ereignis, von dem ich erst so um die Mitte der 50er Jahre von einem neuen Herrn Lehrer erfahren habe. Dieser hatte uns Schüler, die wir uns seit Jahren in einem friedlichen Deutschland wähnten, darüber informiert, dass der Kriegszustand mit Deutschland erst im Jahr 1951 von den Amerikanern beendet worden war.

Manche Dinge haben sich in der Erinnerung einfach festgesetzt. Wichtiges, sehr Wichtiges oder auch Unbedeutendes; Ereignisse aus der großen und auch aus der kleinen Welt. Da denke ich zum Beispiel daran: „Tapire leben in Süd- und Mittelamerika, sind südlich von Mexiko bis zur Südspitze Brasiliens anzutreffen......“

Ja, den Sammlerband von Voss-Margarine habe ich wieder ordentlich ins Bücherregal zurückgestellt. Er beinhaltet zwar nur Beiträge über Tiere dieser Welt, doch unsichtbar eingeflochten sind Erinnerungen, die mit Tieren nichts, aber auch gar nichts zu tun haben.

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