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Kindheit im Schatten des Neuanfangs (Teil 1)

Von Reineke1794 Samstag 08.05.2021, 09:08

Beim Aufräumen fiel mir kürzlich ein Sammelalbum mit dem Titel „Das Tierreich“ in die Hände. Darin auch das Bild eines Tapirs. Augenblicklich erinnerte ich mich daran, was ich vor einer Ewigkeit zu diesem Bild einmal gelesen hatte: „Tapire leben in Süd- und Mittelamerika, sind südlich von Mexiko bis zur Südspitze Brasiliens anzutreffen....Der Schabrackentapir lebt in Südostasien, von Birma, (heute Myanmar) bis zur Malaiischen Halbinsel und auf Sumatra. Er hat Ähnlichkeit mit dem Schwein, ist aber mit dem Pferd und Nashorn verwandt.....“ Seit mehr als 60 Jahren kann ich diese Fakten regelrecht herunterleiern und dies dank Voss-Margarine, die es bald nach der Währungsreform überall zu kaufen gegeben hat. Mit jedem Pfund Voss-Margarine erwarb der Kunde das Bild eines Tieres. Nach entsprechend vielen Einkäufen lohnte es dann, ein Album für zwei Mark zu bestellen, in das die Bilder zu den passenden Nummern und Beschreibungen der jeweiligen Tiere eingeklebt werden konnten. Bis zum Kauf dieses einen Pfundes Voss-Margarine, dem dieses Bild beilag, hatte ich noch nicht einmal von der Existenz eines Tapirs gewusst.

Bei Sanella-Margarine gab es dagegen, so glaube ich mich zu erinnern, Bilder zu Reiseberichten in ferne Länder, die als Beigabe mit jedem gekauften Pfund – in Würfelform übrigens – über den Ladentisch gingen. Bonisto-Kaffee, selbst für Kinder gut verträglich, weil es sich um einen Kaffee-Ersatz handelte, „schenkte“ dem Kunden nach einer größeren Anzahl von gesammelten Punkten Blechbüchsen in Form eines Quaders mit den Maßen 11x11x9 cm etwa. Sie eigneten sich ausgezeichnet zur Aufbewahrung von Lebensmitteln, da sie einen Klemmverschluss hatten. Fast in jedem deutschen Haushalt mag es zu Beginn der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts diese praktischen Behältnisse gegeben haben. - Und dann natürlich, nicht zu vergessen, gab es auch noch die Verlockung für uns Kinder, den übersüßen, rosafarbenen Kaugummi mit dem Namen BIG BUB BUBBLE GUM zu kaufen. Nicht der Kaugummi selbst war interessant, sondern die bunten Bilder, jedes etwa 5x5 cm groß, von denen immer eines in der Packung lag. So eine Serie, ich glaube es waren immer Indianer-Cowboy-Geschichten, konnte bis zu 100 Bilder haben, war nur schwer vollständig zusammenzustellen. Immerhin konnte es sich ergeben, dass man von ein und demselben Bild manchmal 10 und mehr „eingekauft“ hatte und andere Bilder der Serie einfach nicht zu bekommen waren.
Die Suche und Tauschgeschäfte nach fehlenden Bildern förderte so ganz nebenbei die Kommunikation unter uns Kindern, so dass aus dieser „Big BUB BUBBLE GUM Zeit“ besonders viele Erinnerungen bei mir haften geblieben sind. Da ich zu den Jüngeren gehörte, hatte ich zwar nicht so viel zu sagen, doch zugehört habe ich stets mit viel Interesse.

Hitler war solch ein Thema für uns Jungen. Ja, Jungen, da Mädchen sich für die „Kaugummibilder“ gar nicht so sehr interessierten und somit in der Regel auch nicht in unsere Gespräche einbezogen waren. Also, hinsichtlich Hitler wurden die tollsten Geschichten erzählt. Er lebe noch, so eine Version. Eine Geschichte über seine Flucht ins Ausland, war ein andere. Dass er eine neue Wehrmacht aufbaue, eine dritte, und so weiter. Vielfach wurden auch Berichte ausgetauscht, die wir von den Eltern erfahren hatten, die diese wiederum den Wochenzeitschriften „stern“ , „Quick“ und „Neue Münchner Illustrierte“, den nach dem Krieg wichtigsten Illustrierten, entnommen hatten. Besonders interessant fanden wir eine Serie, die in der „Quick“ in wöchentlichen Folgen angeboten wurde: „Spion für Deutschland“. Es war die Geschichte des deutschen Spions Erich Gimpel, der von einem deutschen U-Boot vor der amerikanischen Küste abgesetzt worden war, um zu erkunden, wie weit die Atomwaffenforschung in diesem Land gediehen ist. Aber auch in ganz anderer Hinsicht war die „Quick“ für uns Kinder interessant: Jede Woche gab es hier die Fortsetzungsgeschichte eines Meisterdetektivs in Bildern mit dem Namen Nick Knatterton. Diese Figur mit langem Kinn, Hakennase und einer karierten Schiebermütze auf dem Kopf, einem karierten Anzug, die Hose allerdings als Knickerbocker gezeichnet, hatte etwas, was man heute als Kult bezeichnen würde. Über mehrere Jahre begleitete uns Nick Knatterton durch die Zeit.

Dass Charlie Chaplin mit 60 Jahren noch einmal Vater wurde, das hat uns ebenfalls sehr bewegt und war Grund genug, heftig darüber zu diskutieren. Als dann Hildegard Knef mit dem Film „Die Sünderin“ im Jahr 1950 Schlagzeilen wegen einer kurzen Nacktszene machte, kam es deutschlandweit deswegen zu teils gewaltigen Demonstrationen. Besonders im Kölner Raum sollen diese sehr heftig gewesen sein, wie wir über die Quick oder den Stern erfahren hatten. Gerne hätten wir Jungs da Genaueres über die Szene erfahren. Ich glaube, in einem Holzbottich soll die Knef gebadet haben, mehr war dann aber leider nicht bis zu uns durchgedrungen. Angelaufen ist der Film in der bayrischen Kreisstadt außerden erst Jahre später und jugendfrei war er natürlich auch nicht.

Ein ganz anderes Thema waren endlich wieder die Berichte aus dem „stern“ oder der „Quick“ über Kriegsverbrecher. Besonders aufgebracht hat uns das, was wir über eine Ilse Koch gehört haben, die im KZ Buchenwald als Aufseherin ihr Unwesen getrieben haben soll. Schlimme, grausame Details machten bei unseren Unterhaltungen die Runde.

Dann die Sensation: Ein Einheimischer hatte im Fußball-Toto eine Million Mark gewonnen. Was würden wir mit dem Geld anstellen? Unseren Fantasien waren keine Grenzen gesetzt und unsere Gespräche hatten für längere Zeit dieses Thema zum Inhalt.

Ein Großfeuer in einer nahegelegenen Ziegelei, bei dem eine Einsiedlerin, die wir alle vom Sehen kannten, einen fürchterlichen Tod gefunden hatte, sollte unsere Spinnereien schließlich beenden. Dieses Ereignis hat uns über einen längeren Zeitraum mit dem Thema Tod befassen lassen. - Geradezu makaber sind die Erinnerungen, die ich hier assoziiere: In einem sehr strengen Winter hatten wir Jungen uns ein richtig großes Iglu gebaut. Als Beleuchtung diente abends eine Kerze, die auf einem echten Totenschädel befestigt war. Den Schädel hatte einer der größeren Jungen unten am Fluss gefunden. Solch Fund war übrigens nicht ganz ungewöhnlich in den Nachkriegsjahren.
Was mir heute geradezu unbegreiflich ist, ist das Fehlen jeglicher Skrupel. Ob die kindliche Naivität als Erklärung hier ausreicht, vermag ich nicht abschließend zu sagen. Wir wussten, dass es sich um einen menschlichen Schädel handelt, doch war uns offenbar nicht richtig klar, dass es der Schädel eines Menschen war, der mal gelebt hat, um es einmal so naiv und dumm zu formulieren, was wir schließlich auch gewesen sind.




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