Kein Pardon
Von
tastifix
Freitag 25.06.2021, 15:53
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tastifix
Freitag 25.06.2021, 15:53
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In einem Hamburger Büro saß Herr Roman, las pausenlos Schriftwerke, korrigierte und sortierte sie oder sortierte sie aus. Ab und an ordnete er sie auch beifällig nickend dem dann zu formatierenden Email-Stapel zu. Zwanzig davon sollten zwei Tage später im Internet vorgestellt werden. Und ständig erreichten ihn neue Werke. Bereits seit drei Stunden schwelgte er in Krimis, Liebesschnulzen oder Gedichten. Sie wirbelten ihm im Kopf herum und vermischten sich. In den Liebesgeschichten wurde gemordet und die Krimis lasen sich wie tropfender Schmalz.
Stöhnend gönnte er sich eine Pause. Zum Glück stürmten nur Kurzgeschichten auf ihn ein. Aber ´Kurz` entpuppte sich dagegen oft als ein Bandwurm.
„Verflixt! Können die sich nicht kürzer fassen!?“
Aber auch mit denen musste er sich auseinandersetzen, denn als Verleger lebte er ja davon. Zerknirscht rief er die nächste Email auf:
„Sauber verfasst!“
Der ausgefallene Titel weckte Neugierde. Aha, eine Satire! Per Mausklick durchwanderte er Zeile für Zeile. Miniabschnitt folgte auf Miniabschnitt.
„Ach herrjee, geht’s noch!!?“
Noch aber hoffte er, trotz des Gedankens an die ihn erwartende Arbeit, sämtliche Kleinstabsätze formatieren zu sollen, auf einen längeren zusammen hängenden Abschnitt. Auf der dritten Seite war ihm das Schicksal hold. Erleichtert zählte er die Zeilen, die ohne störende Unterbrechung aufeinander folgten und genoss das akkurate, beruhigende Bild.
´Na ja, vielleicht hat ja die Autorin endlich ihren Stil gefunden und behält ihn jetzt bei!`
Entspannt vertiefte er sich erneut in den Text. Aber dann wurde er misstrauisch:
´3 … 4 … 5 Seiten, ... - Kurzgeschichte??`
Auf Seite Sechs traf ihn fast der Schlag:
„Neeiin!!!“
Entsetzt ließ er die Maus über den Text wandern. Frau Mär hatte ihre Macke zum Meistertick ausgebaut, ihre extrem lange Kurzgeschichte in zig. Kapitel unterteilt, in denen jeder Satz frech für sich alleine stand. Gemütliche Lesestunde ade!
Weil ihm jedoch diese Kurgeschichte ausnehmend gut gefiel, biss er zähneknirschend in den sauren Arbeits-Apfel. Konnte er denn nicht wenigstens einem Teil der ihm zugedachten Schufterei ausweichen? Er grübelte und grübelte. Die Mitarbeiter sorgten sich bereits um ihn, weil er inzwischen zusammengesunken im Sessel hing. Total unnötig, denn auf einmal straffte sich dessen Haltung und er grinste hämisch.
´Oh ja! Diese Autorin ´Langtext` zwinge ich in die Fleiß-Falle!`
Wenige Wochen zuvor hatte Frau Mär in Essen über jener Erzählung gebrütet.
´Die schicke ich überarbeitet dem Internetverlag!`
Einiges musste noch grundlegend verbessert werden. Besonders störten sie die langen Abschnitte.
„Vom Sinnzusammenhang her unmöglich. Nee, fast jeder Satz braucht eine eigene Zeile!“
Sie veranstaltete ein Wettrennen mit der eigenen Fantasie, zerfetzte Sätze oder löschte sie gar, dann allerdings ein wenig wehmütig.
„Hoffentlich fallen mir passende Ersatzideen ein!“
Das Umschreiben des Textes gelang ihr relativ schnell. Jede Aussage gewann erheblich an Gewichtigkeit. Abschließend verfasste sie ein Begleitschreiben:
„ … wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie die Geschichte ins Netz stellen würden. Mit freundlichen Grüßen ... “
Zurück nach Hamburg: Tja, Herrn Roman plagten wegen dieses Textes inzwischen schlimme Kopfschmerzen. Er verabscheute Absätze, vor allem die in langen Texten.
„Typisch, ist ja von einer Frau verfasst! - Männer hätten alles in einen einzigen Abschnitt gepackt!`
Was knallte Herr Roman dem unbekannten weiblichen Gegenüber gerade an den Kopf? Nein, soo nicht! Einer Frau gegenüber forderte er stattdessen äußerst rücksichtsvoll, aber dennoch klar die nochmalige Korrektur des Werkes zwecks Arbeitserleichterung für ihn an.
„Liebe Frau Langtext! Ääh - Mär!“, verbesserte er sich knurrend. „Ihre Arbeit ist einfach umwerfend!“
Er durfte seelenruhig meckern. Die Mitarbeiter waren längst vorzeitig heim geflüchtet. Das Risiko, gar von seinem übertriebenen Arbeitseifer angesteckt zu werden, gingen sie ums Verrecken nicht ein. Einen Rüffel brauchten sie nicht zu fürchten, denn er war ausschließlich aufs Schreiben an Frau Langtext konzentriert.
„Wenn ich Ihnen den Vorschlag unterbreiten dürfte, aber nur, wenn es wirklich nicht zu viel Mühe bedeutet, zwischen je zwei Absätzen ein bestimmtes Kürzel zu setzen ... Gern kennzeichne ich dann die Kapitelüberschriften!“
Weil der Text aber zig Kleinstabsätze aufwies, hätte die Autorin mindestens an die zweihundert Kürzel einzusetzen. Wie die wohl reagieren würde?
In Essen auf der Verlegers Antwort wartend, prüfte Frau Mär jeden Morgen den virtuellen Posteingang. Es verging der ersteTag, na ja! Aber am dritten Tag registrierte sie bereits leicht
beleidigt sein weiterhin andauernde Schweigen.
„Weshalb schickt der mir nicht wenigstens die Eingangsbestätigung!?“
Tags darauf klickte sie unter ziemlicher Anspannung auf ´Web.de`. Was stand da?
„Sie haben eine neue Email!“
Triumphierend las sie begierig.
„Ihre Arbeit ist umwerfend!“
Genau so hatte sie es sich erhofft. Herr Roman war wohl ein toller Literaturkenner und ihr nun sehr sympathisch. Doch die freudige Erregung hielt nicht lange vor, wandelte sich in Erschrecken, zuletzt in Zorn.
„Was? Ich soll den ganzen Text mit Kürzeln versehen, nur, weil der zu faul dazu ist!? Nicht mit mir!“
Wütend entwarf sie ein deftiges Antwortschreiben.
„Sehr geehrter Herr Kürzel!“, stutzte und löschte ´Kürzel`!
Denn der Kerl hatte ja einen Namen:
„Lieber Herr Roman!“
Guter Stil war ihr ja wichtig. Dann:
„Die Kürzel, werter Herr, füge ich ein. Denn von einem nur männlichem Wesen wäre es zu viel erwartet, dass es eine solche Korrektur selber durchführt. Aber für die Länge meiner Geschichten bin nicht ich, sondern das mir vererbte Plappergen zuständig. Die Verantwortung übernehme nicht ich!!“
Die Rückantwort kam prompt:
„Liebe Frau Langtext!“
Nein, soo nicht, er war ja Kavalier:
„Sehr geehrte Frau Autorin Mär!“
Klang besser, nach alter Schule.
„Was glauben Sie, verehrte Dame, wohl, weshalb Kurzgeschichten so genannt werden? Ihre dagegen sind ´Langgeschichten`. Außerdem betone ich hiermit ausdrücklich: Dazu, dass das Formatieren von Texten manchmal kompliziert zu sein scheint, kann ich nichts. Dafür ist das betreffende Antigen des Computerprogramms zuständig. Die Verantwortung übernehme nicht ich!!“
Ps.:
Mit Bravour meisterte übrigens die Autorin in kürzester Zeit das Kürzeln!
Mit Bravour bewerkstelligte es der charmante Verleger, die ellenlange Kurzgeschichte nach ebenfalls nur kurzer Zeit ins Netz zu stellen!!