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Ich klage an

Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 14.10.2021, 12:33 – geändert Donnerstag 14.10.2021, 12:40


O, Herr, du hast uns die Fähigkeit gegeben zu Denken, Fühlen und Handeln.
Leider machen viele Menschen von diesen Gaben kein Gebrauch und verschmähen deine Großzügigkeit.
Die Menschheit entwickelt sich rasant in eine gefährliche Richtung, die zerstörerische Wirkung entfaltet.
Ich flehe dich an, schau nicht untätig zu, wie dein Werk mutiert und sich selbst zerstört.
 Warum hast du uns Menschen so viele Freiheiten gewährt? 
Wir haben noch nicht gelernt diese aufrichtig zu gebrauchen. Lass es uns wieder mal ganz von Vorn anzufangen, damit wir aus diesen Desaster lernen sorgfältiger und gerechter mit uns selbst und unsere Umwelt umzugehen.

Lange habe ich nachgedacht. Vielleicht zu lange. Aber es ist nie zu spät. Wen soll ich bloß anprangern, beschuldigen? Es muss doch einen Täter geben? Oder vielleicht mehrerer? Ich habe leider keine Beweise. Früher nicht, und zu heutiger Zeit noch weniger. Niemand übernimmt die Verantwortung dafür. Alle streiten es ab, die Schuld zu tragen.
Jahrelang habe ich meine Anklage in mir getragen, mit mir selbst gekämpft. Wer war damals Schuld, als meine Tochter starb?
Ich versuchte die langen Jahre mich unbemerkt, fast unauffällig durch das Leben irgendwie durchzumogeln. Nein, vergessen wollte ich nie. Aber wenigstens verzeihen, um weiter leben zu können. Tröstlich war das nicht. Weinen und jammern konnte ich auch nicht.
Am besten half mir noch das Schreien, da, wo mich niemand hörte. Nur...ER und ICH. Ein SCHREI, bis zum Himmel. ER sollte meinen Schmerz hören. Diesen Schmerz, der mir brutal Stück für Stück meine Seele lebendig zerfetzte, wie ein Geier, der das Fleisch aus dem toten Körper mit dem blanken Schnabel rausrupfte.
Heulen und Fluchen - das war mein Klagelied.

 Die Zeit der Trauer kommt nie, niemals. Wie denn auch. Man kann nicht trauen, wenn man das Geschehene nicht versteht, nicht begreift, kommt selber nicht zur Ruhe, sich nicht beschwert, beklagt. Bei wem auch?
Und immer wieder, wenn ich dachte, es geht ja irgendwie weiter ...kamen die unfassbaren Bilder mit erschreckenden Details, als wäre es erst gestern passiert.



Sonne meines Lebens



Ich trage dich

Ich spüre dich

Du bist mein süßes Geheimnis.



Jetzt bist du da

Sonderbar nah

Herbei ersehntes Ereignis.



Zu früh verlässt

Schützendes Nest

Umhüllt von Hauch der Finsternis.



Und jetzt das Bild des kleinen Jungen verfolgt mich jede Nacht. Zwei kleine Körper, deren Schicksale sich ergänzen und mich nicht Einschlafen lassen. Auch die vielen Verschollenen, die nicht namentlich genannt sind, als hätten sie nicht existiert, kommen noch hinzu.


Das besagte Foto stammt von der türkischen Fotojournalistin Nilüfer Demir. Sie machte diese Strandaufnahmen um 6 Uhr morgens.



„Ich wollte den verstummten Schrei des Jungen hörbar machen“ - berichtete sie später.



Wird mein Schrei auch erhört, oder muss ich innerlich verbluten?

Ich spüre meine Ohnmacht und die schiere Verzweiflung lähmt mich. Ja, ich fühle mich auch schuldig, weil ich nichts dagegen unternommen habe. Bin machtlos gegen große Konzerne, Waffenindustrie, Ausbeutung, korrupte Politiker ohne Verantwortung. 

Profite, nur Profite, um jeden Preis.
„Krieg belebt die Wirtschaft“ - eine Theorie aus dem USA - zynisch und menschenverachtend.

Es vergeht kein Tag, an dem ich das Leid der vielen zerrissenen, geschundenen, gejagten, geflüchteten Menschen in Gedenken aufs Neue nicht erinnere, die von Menschheit vergessen worden sind.
Ich klage uns alle an.
Vor allem diejenigen, die keine Menschen mehr sind.

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