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Ich, der Flaschensammler

Von ehemaliges Mitglied 19.12.2021, 13:36


Eine Weihnachtsgeschichte von Karola

In der NW von 18/19 August 2018 las ich ein Artikel „Aggressive Bettler stören Biergarten-Stimmung“ von Nadine Artelt. In ihrem Kommentar zum o. g. Problemen schrieb sie, dass offiziell ohne festen Sitz sind es in Bielefeld 260 Menschen gemeldet. Nur ganz wenige, nicht mal eine Handvoll sind wegen aggressiven Bettels aufgefallen. Sie stellt auch die Frage, ob es angemessen und moralisch vertretbar ist, sich über diese Menschen zu beschweren, die sowieso schon wenig besitzen und die Hintergründe der einzelnen Schicksale wir nicht kennen.

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Frohe Weihnachten und guten Rutsch, höre ich von allen Seiten. Das klingt wie ein Hohn. Soll ich mich bedanken?
Leider gilt es nicht mir.

Ich stehe in einer fremden Stadt vor einem Einkaufszentrum. Erst seit ein paar Tagen bin ich hier. In Düsseldorf konnte ich es nicht mehr aushalten. Alles erinnerte mich an die besseren Zeiten. An das Reihenhaus in der Nähe des Staufenplatzes, wo wir jeden Tag in dem Ostpark unsere Joggingrunden drehten. Ja, da war ich glücklich. Ach, lange Geschichte. Es tut weh. Am besten gar nicht darüber nachdenken.

Am Freitag, den 14.10... , stand ich in Ratingen vor dem Tor der Schwarzbach-Klinik nur mit einem Rucksack in der Hand und niemand holte mich ab. Mit der Straßenbahn erreichte ich den Düsseldorfer Bahnhof. Das war‘s. 

Nachdem ich Irene und meine Firma an meinen Freund und Partner verloren habe, ging es mit mir rasant den Berg runter. Jetzt weiß ich, Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist lebenswichtig.

Für viele existiere ich nicht mehr. Für mich im doppelten Sinne. Ich lebe jetzt in einer Stadt, die angeblich auch nicht existiert. Wir passen zusammen. 
Fast fünf Wochen sind schon vergangen. In dieser Zeit musste ich viel lernen, mich oft überwinden. Freunde habe ich nicht und suche auch keine. Es ist hart auf der Straße zu überleben, hier lebt jeder für sich, hier gelten eigene Regeln. Vor ein paar Tagen hat sich ein Obdachloser auf dem Grab seiner vor zwei Jahren verstorbenen Frau das Leben genommen. Er konnte und wollte nicht mehr mit dem Schicksal hadern. Was für eine Ironie des Schicksals? Jetzt sind sie wieder vereint. 
Die Straße verändert den Menschen sehr. Manche fangen an, Alkohol zu trinken oder nehmen Drogen. Die Obdachlosigkeit hat sie in die Drogenabhängigkeit getrieben.
Bei mir war andersrum - ich bin obdachlos geworden, weil ich drogenabhängig war. 

Heute, 23.12... . Spätnachmittag. Ich stehe vor dem Einkaufszentrum Loom in Bielefeld. Eine neblig-feuchte Dunkelheit durchdringt die Stadt. Man erkennt kaum die Gesichter. In den Mülltonnen habe ich lediglich drei Pfandflaschen gefunden. Ich behalte stets meinen Rucksack im Auge - das Einzige, was mir noch aus den besseren Zeiten geblieben ist - und hoffe, dass man mir mein Elend nicht sofort ansieht. 
Ein eisiger Wind huscht durch die Straßen. Die bauschigen Schneeflocken kleben an meinen Haaren. Von der Körperwärme überwältigt, verschwinden sie rasch zerfließend hinter meinem Jackenkragen, rutschen den Rücken runter bis zum Steißbein. Ich friere erbärmlich.
Nur wenige vermummte Passanten sind noch anzutreffen. Vielleicht noch schnell ein Geschenk zu besorgen - in letzter Minute. Laut Kalender ist der Heiligabend schon am morgigen Sonntag.
Ich merke, langsam kehrt in die Stadt die Ruhe ein. Bald schließen die Geschäfte. Auch die Budenbesitzer räumen langsam auf. Für sie ist es der letzte Arbeitstag in diesem Jahr. Nach den Feiertagen wird mir Günther, der Budenbetreiber, keinen Kakao mehr zum Aufwärmen anbieten. Das machte er oft die letzten Tage. Er ist auch ein guter Zuhörer. Mit ihm konnte ich mich recht gut unterhalten, auch über Politik. Nur eines konnte er nicht verstehen - wie ein gebildeter Mann wie ich,  so tief abstürzen konnte?  Ja, ich verstehe das auch selber nicht. Es ist sinnlos darüber nachzudenken. Es ist einfach so passiert. Momentan kann ich nichts ändern.

Jetzt, gegen Abend ist noch kälter geworden. Die frostige Kühle erfasst meinen ganzen Körper, dringt bis zum Knochenmark. Meine Füße spüre ich kaum. Die sind schon total von der Nässe aufgeweicht. Selbst die Schuhsohle löst sich schon auf. 
Ich nehme meinen Rucksack und gehe Richtung Jöllenbecker Straße. In der Nähe des Nordparks habe ich seit einigen Tagen eine gemütliche Bleibe gefunden. Zwischen den Mülltonnen, von drei Seiten durch eine Mauer geschützt. Da verschanze ich mich und fühle mich sicher. 
Ich werfe noch einen Blick auf die festliche Beleuchtung. Eine erwartungsvolle zauberhafte Stimmung ergreift mich. Eine Kindheitserinnerung? Vielleicht?
Noch einmal schaue ich in die herrlich beleuchteten Fenster und empfinde innerlich eine sanfte Wärme. Ja, ich weiß, Einbildung. Aber es tut so gut. Wie früher bei uns, im elterlichen Haus in Trier. Mit Mühe versuche ich diese Gedanken zu verscheuchen. Bloß nicht an die Familie denken. Die werden auch nie erfahren, wo ich lebe und was ich tue. Ich habe auch meinen Stolz. 
Mit neunzehn Jahren habe ich mein Elternhaus verlassen. Nein, nicht freiwillig. Von meinem eigenen Vater weggejagt, wie ein Hund. Mein Bauingenieur Studium habe ich mir selber finanziert. 
Damals habe ich mir geschworen, nie wieder vor diesem Despoten zu treten.
Nach Vaters Vorstellung sollte ich Rechtsanwalt werden und seine Kanzlei übernehmen.
Aber Bauingenieur, nein. Auf dem Bau arbeiten. Das konnte und wollte mein Vater nicht verstehen. 
Ich vermisse ihn auch nicht.
Nur die Mutter, die tat mir oft leid. Immer dem Herren zu Diensten. Repräsentieren, organisieren, stets im Hintergrund bleiben, auf eigene Wünsche und Ziele verzichten.
Ein einziges Mal habe ich mich mit meiner Mutter getroffen. Mit meinem frisch eroberten Diplom in der Tasche reiste ich nach Trier. Ganz stolz habe ich sie angerufen und mich mit ihr verabredet.  
Dieses Treffen war für uns beide enttäuschend. Ich wollte sie überreden, den Vater zu verlassen, zu mir nach Düsseldorf zu ziehen. Damals habe ich sie nicht verstanden. Heute, denke ich, hat sie nicht die Kraft gefunden, sich aus ihrem Umfeld zu lösen, zu befreien. 
So wie ich jetzt. Niemand versteht mich, aber ich fühle mich frei. Ich besitze zwar nichts, muß mich aber um nichts kümmern. Niemand belästigt mich, keine Termine, keine Verpflichtungen und vor allem, keine Behördengänge.
Dafür habe ich viel Zeit Bücher zu lesen. Das tue ich gerne. Ich habe rausgefunden, dass man in der Uni-Bibliothek sich mit guten Büchern versorgen kann. Es ist erlaubt manche Bücher einfach mitzunehmen. Da verbringe ich oft viele Stunden. Auch mancher Becher mit kaltem Kaffee bleibt stehen oder auch ein halbes Brötchen findet sich gelegentlich. 

Es hört nicht auf zu schneien. Im Gegenteil. Die weißen Flocken sind dichter und fülliger, fallen lautlos auf die Pflastersteine.
Im Gedanken versunken erreiche ich eine Bushaltestelle und mache Rast. An den Glaswänden kleben bunte Plakate, der Bielefelder Veranstaltungen betreffend. Eine Ankündigung des Stadttheaters über Mozarts Zauberflöte am 26.12... ,  also am Dienstag, erregt meine Aufmerksamkeit. Ich setze mich in die Ecke und träume von einem Theaterticket. Nein, nicht möglich. So ein Ticket ist nicht gerade billig. Vielleicht 30-40 Euro. Das Geld habe ich nicht. 
Vor ein paar Jahren wäre es kein Thema für mich gewesen. Ja, früher...
Plötzlich höre ich auf dem Schneematsch schlürfende Schritte. Ich drehe mich um. Tatsächlich, jemand steuert auf das Wartehäuschen zu. Ein Mann von stattlicher Statur und stark nach Alkohol riechend begrüßt mich. Der Fremde studiert zuerst die Fahrpläne, dann setzt er sich neben mich auf die vereiste Bank und zieht seine Kapuze nach hinten. Ich sehe sein stark gerötetes Gesicht. 
„Na, auch so spät unterwegs, auch nach Hause?“, fragt er lallend.
„Mhh, ja, ja“, antworte ich unwillig.
„Normalerweise fahre ich kein Bus, aber heute, es wird in jedem Betrieb gefeiert“, grinst er schelmisch und zieht aus der Seitentasche des Anoraks einen Flachmann. 
Dabei fiel ihm aus seiner Tasche die Fahrkarte heraus. Er drehte den Flaschenverschluss auf und bietet mir auch einen Schluck an. Ich kann ihm schlecht erklären, dass ich seit zwei Monaten trocken bin, also lüge ich, bestimmte Medikamente zu der Zeit nehmen zu müssen. 
Dabei mache ich ihn noch aufmerksam auf sein auf dem nassen Pflaster liegenden Busticket, hebe es auf und reiche es ihm. Da sehe ich schon den Bus langsam anfahrend.
Zu meiner Überraschung winkt er ab und ruft mir noch zu, dass es ein Theaterticket für Mozarts Zauberflöte ist, für den zweiten Feiertag. Ein Geschenk seines Chefs. Ich solle es behalten. Bis zum Neujahr habe er Urlaub und brauche es nicht. Über die Feiertage besuche er seine Eltern in Bayern.
„Herzlichen Dank und frohes Fest“, rufe ich ihm noch schnell zu.
Erst jetzt begreife ich, was ich in meiner Hand halte. Meine Freude ist grenzenlos. 
Es ist schon sehr lange her, dass ich ein Geschenk bekommen habe. Ja, sehr lange her.
Eine echte Bescherung.
„Wenn man sich etwas ganz innig wünscht, mein Kind, dann werden manche Wünsche wahr“ - Mutters Spruch ist mir plötzlich ganz präsent geworden. 
Ja Mutter, nach den Feiertagen rufe ich dich an. Versprochen.
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Bei diesen Gedanken spürte ich eine selige Wärme, die mein Herz umfasste und ich verstand das Wort WIHNACHTSWUNDER.

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