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Hier wird nicht gestorben!

Von Reineke1794 21.11.2021, 06:40



Auf der Rückreise aus dem Urlaub, wollten Regina und Herbert und die kleine Tochter Rebecca noch ein paar Tage bei Herberts Mutter, bei der Oma,
verbringen. Seit mehreren Jahren lebte diese in einem sehr gepflegten Seniorenheim in Südbayern und der Ort lag fast auf der Route von Meran nach Berlin, dem Zuhause der Eheleute. Völlig unerwartet trafen sie Herberts Mutter in einem sehr schlechten gesundheitlichen Zustand an. Von der Heimleitung erfuhren sie, dass die Mutter keinen Lebenswillen mehr zu haben scheine. Sie müsse zum Essen und Trinken gedrängt werden, zeige im Gegensatz zu ihrem sonstigen Wesen keinerlei Interessen mehr, wirke apathisch, schlafe ständig ein und gäbe auch kaum zu erkennen, sich über den Besuch der Familie zu freuen. „Wir fürchten, Ihre Frau Mutter wird nicht mehr lange bei uns bleiben“, meinte der Heimleiter vielsagend. „Nein, das wird sie auch nicht“, meinte selbst zur Überraschung Herberts dessen Frau Regina. „Wir werden sie mit zu uns nehmen, denn sterben soll sie nicht hier und nicht alleine, sondern im Kreis der Familie sein. Obwohl es seine eigene Mutter war, gab Herbert zu bedenken, dass dies für Regina eine ungeheure Belastung sei, da sie berufstätig ist, das Kind und nun auch noch die Schwiegermutter zu versorgen habe und die Hauptlast zweifellos sie, Regina tragen werde, auch wenn er sie nach besten Kräften unterstützen wolle. Regina aber blieb bei ihrem Vorsatz und Herbert war insgeheim von diesem Wesenszug seiner Frau, ihrer unbedingten Bereitschaft, solches Opfer bringen zu wollen, wieder einmal völlig überwältigt.

Bereits am folgenden Tag wurde die Reise nach Berlin - nun zu viert - fortgesetzt. Die wichtigsten Dinge für Herberts Mutter waren in einem Koffer verstaut und die gut sechshundert Kilometer bis zum Ziel ohne Hetze zurückgelegt. Ein Gästezimmer gab es nicht und so musste gleich nach der Ankunft improvisiert werden. Im Wohnzimmer wurde direkt neben der Tür ein alter Kleiderschrank aufgebaut, der somit das Wohnzimmer in etwa halbierte und zugleich als ein Sichtschutz dienen konnte. Hinter diesem Schrank wurde das Bett aufgestellt, das aus dem Keller geholt und wieder zusammengesetzt worden war. Herbert musste vorerst auf seine Matratze verzichten, bis eine neue am Tag nach der Rückkehr besorgt werden konnte. Die Gästetoilette musste zunächst als Bad der Oma dienen, bis eine Lösung mit Unterstützung durch eine gelegentliche Hauspflege gefunden worden war. Auf all diese Einzelheiten einzugehen, ist auch nicht Inhalt dieser kleinen Geschichte vom
Sterben, muss also nicht näher beschrieben werden.

Sehr verkürzt ist der Fortgang der Geschichte folgendermaßen abgelaufen: Herberts Mutter ging es bereits nach einer guten Woche etwas besser. Sie wurde lebhafter, interessierter, beobachtete immer wacher ihr Umfeld und begann bereits in der vierten Woche damit, wieder aufzustehen, sich anzukleiden und war zu Beginn der fünften Woche schon in der Lage, mit Unterstützung, manchmal auch mittels eines Rollstuhls, kleine Ausflüge zu unternehmen. Der Appetit kehrte zurück. Sie gab Regina Ratschläge zunächst, die im Laufe der Zeit immer bestimmender wurden, mischte sich ein, wenn es mal Spannungen gab, Rebecca etwa keine Hausaufgaben machen wollte und ähnliches. Als dann Regina von ihr auch noch beim Kochen belehrt werden sollte, gab es die ersten Reibereien. Dies steigerte sich, als Herbert und Regina nach einem Theaterbesuch erst gegen Mitternacht nach Hause gekommen waren. Vorwürfe machte die alte Dame den Eheleuten, weshalb sie denn so spät erst gekommen seien, dass sie doch ausschlafen müssten, da der folgende Tag ein Arbeitstag sei usw. usw. Als das Ehepaar einige Tage später ins Kino gehen wollte, wurde auch dies bemängelt, weil das häufige Ausgehen bestimmt nicht gesund sei. Rebecca wurde von Oma ermahnt, bei den Hausaufgaben nicht so zu bummeln, was wiederum bei dem Mädchen nicht gut ankam und in einen kleine Disput ausartete. Nach der elften Woche im Haushalt der Eheleute war eines überdeutlich geworden. Oma war wieder topfit, war in ihre Rolle zurückgefallen, die sie vor 60 Jahren oder gar viel mehr mal innehatte, war nun nicht nur zur erziehenden Mutter von Herbert wieder geworden, sondern auch gleich mit für Regina und Rebecca.


Beide Seiten haben gespürt, dass diese Rollenverteilung ungut ist und so
brachte Herbert seine Mutter nach einem knappen Vierteljahr wieder zurück in das Seniorenheim in Südbayern.

Gefreut haben sich darüber alle Beteiligten, das ist überliefert. Im Seniorenheim gab es auf der Etage sogar ein kleines Fest anlässlich der
Heimkehr der wieder fidelen alten Dame.
Als die Eheleute im folgenden Jahr auf der Reise zu ihrem Urlaubsziel und auch
bei der Rückreise in dem Seniorenheim Station machten, erschien die Erinnerung an die Vorfälle des vergangenen Jahres wie ein fürchterlicher Albtraum. An's Sterben hat da niemand mehr gedacht. Das Verhältnis seiner Mutter zu seiner Frau war im Vergleich zu früher allerdings sehr viel herzlicher. Herbert ahnte den Grund. Regina war für seine Mutter zu einer Tochter
geworden, hatte sie dieser doch vermitteln können, nicht alleine zu sein, wenn es darauf ankommt. Der Tod hatte nicht nur seine angstmachende Fratze verloren, sondern hatte zurücktreten müssen für noch einige Jahre.



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