Herr Messi
Von
tarena
Dienstag 20.09.2022, 10:00
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tarena
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Nachdem seine Frau ihn verlassen hatte, konnte sich Herr M. ungehindert weiter ausbreiten. Er hatte nun sein Reich ganz für sich allein. Er war ein Buchliebhaber, er sammelte Bücher, nicht nur diese, er sammelte auch Zeitschriften, neue und alte Kalender, er hob jede Zeitung auf, jedes Stück Papier. So wurde im Laufe der Jahre nach und nach jedes Zimmer randvoll damit angefüllt, ausgefüllt, zugestopft. Regale und Borde quollen über, Tische und Kommoden wurden belegt, dann der Fußboden, danach die Treppe, der Keller, der Boden, alles bis auf sein eigenes Bett. Dahin führte noch ein schmaler Zuweg, ein fußbreiter Gang. Das sagte jedenfalls die Putzfrau, als sie kündigte, weil es einfach nichts mehr zu putzen gab, platzmäßig.Der Fußboden war mit dem Sammelgut bedeckt, die Möbel zum Entstauben unerreichbar.Wollmäue huschten durch die Räume.Und nicht nur diese.
So eroberten erst Spinnen das Haus. Danach liefen echte Mäuse nicht nur auf dem Dachboden herum. Weil Herr M. nichts reparieren ließ, entstanden etliche Ritzen und Schlupflöcher. Sogar eine Katze fand gelegentlich Eingang für ein Revier zum Jagen. Von der Terasse durchs Wohnzimmer zog sich bis zur Küche eine belebte Ameisenstraße. In den Küchenregalen flatterten die Mehlmotten. Die Sofakissen waren von Motten zerfressen.. Nur die Kleidung hatte einen mottensicheren Überzug. Im Dachboden zogen Fledermäuse ein, die nachts durch offene Dachziegel auf Streifzüge flogen und tags wie Staubfänger an den Dachbalken hingen. In den leeren Balkonkästen nisteten Vögel. Im Garten fühlten sich Igel, Eichhorn und Specht wohl. Auch eine Schlange wurde mal gesichtet. Haus und Garten entwickelten sich bald zu einem Naturparadies. Das Geld für nötige Reparaturen in dem 70 Jahre alten Haus verbrauchte Herr M. lieber zum Verreisen. Er brachte von den Reisen schöne Lichtbilder mit, er hielt gut besuchte Dia-Vorträge über die Baukunst fremder Länder und der Schönheit der Natur. Das war seine Welt, da blühte er auf, während sein Garten an Schönheit einging und verdorrte, aber vielen Tieren ein gutes Zuhause bot.
Er benutzte sein Haus nur noch zum Schlafen und das auch immer seltener. Die voll gestopfte Küche betrat er nur noch, um sich einen Tee aufzugießen. Er frühstückte jetzt auswärts. Das Mittagessen nahm er schon lange in wechselnden Lokalen ein. Erst sah man ihn am ersten Hotel am Platz speisen, dann im Kaufhof das Mittagsgericht, dann in Imbisslokalen eine Currywurst, schließlich in der Suppenküche eine Suppe. Für seine Vorträge musste er anständig gekleidet sein. Da hielt er auf sich, so lange es ging. Kleidung und Reinigung, Essengehen und Reisen gab es ja nicht umsonst. Sein Leben war immer teurer geworden, weil er zunehmend auf fremde Dienstleistungen angewiesen war. Aber die Reisen wurden schließlich immer weniger, Herr M. war inzwischen auch älter geworden. Er musste nun öfters zum Arzt, dann mal ins Krankenhaus. Das kostete alles Geld. Haus und Garten waren sich selbst und den Tieren. überlassen
Den Nachbarn war es inzwischen zu viel geworden.
Ihre Häuser verloren an Wert. Die Eigentümer zogen weg oder ins Altersheim. Ihre Kinder mochten nicht einziehen und verkauften ihre Häuser weit unter Wert, jetzt nur noch an Ausländer, einer an einen Türken, der andere an einen Russen. Es kam ordentlich Leben in die Siedlung, denn die Neuen hatten viele Kinder und die lärmten. Sie spielten in der Wildnis Verstecken, wenn Herr M. nicht da war. Herr M. zog aber nicht aus, wollte oder konnte es nicht mehr. Er klebte an seinem Besitz, auf den auch keiner erpicht war, seine Tochter schon gar nicht. Sie lehnte das Erbe ab. Er war mit seinem Haus verwachsen wie der Efeu mit seinem Haus. Es war sein Ein und Alles.