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Heiter bis wolkig

Von Reineke1794 20.03.2022, 18:51


„Schau mal, sieht das nicht aus wie ein Flusspferd?“, fragte Roswitha und zeigte mit erhobenem Arm und ausgestrecktem Finger himmelwärts in Richtung der weißen Wolken am sonst blauen Himmel.
„Hier, guck mal, da ist der Kopf mit dem breiten Maul und nach links hin der fette Körper mit den kurzen Stummelbeinen und, sieh mal das kleine Schwänzchen mit dem Haarbüschel daran, fehlt auch nicht. Jetzt erkenne ich sogar die kleinen Ohren auf dem Kopf“, fuhr Roswitha voller Begeisterung fort. Hans folgte der Richtung ihres Fingers mit den Augen, sah zwar die große, weiße Wolke, doch das Flusspferd vermochte er nicht zu erkennen. Erst nach einer erneuten, eingehenden Beschreibung seitens seiner Freundin, schälte sich, auch für ihn jetzt sichtbar, das Flusspferd aus dem Wolkenberg heraus.

„Ja, jetzt sehe ich es“, unterbrach der junge Mann die Beschreibung Roswithas, die neben ihm im Gras lag und mit der er gemeinsam das Wolkenspiel beobachtet hatte.

Roswitha und Hans hatten an diesem schönen Sommertag eine Wanderung ins Umland gemacht. Der Weg hatte sie durch einen kleinen Mischwald geführt, dann über sanfte Hügel, vorbei an einem Weiher, bis sie schließlich in der Mittagshitze das Bedürfnis hatten, sich im Halbschatten einer mächtigen Eiche auszuruhen.

Aus dem kleinen Picknickkorb hatte Roswitha eine Thermoskanne entnommen, zwei gekochte Eier, einen kleinen Salzstreuer und mit Butter bestrichene Brote, die sie einem kleinen, hellgrünen Brotkasten aus Plastik entnommen und auf die große Stoffserviette gelegt hatte, die nun ausgebreitet auf der Wiese lag. Der Deckel der Kanne diente beiden als Trinkgefäß. Als Dessert gab es für jeden noch eine Banane, doch mochte Roswitha diese jetzt gar nicht essen. Sie hatte sich vielmehr auf der Wiese ausgestreckt und noch vor Hans hatte sie damit begonnen, die Wolken am Himmel zu betrachten.

Alsdann hatte sich der junge Mann ebenfalls auf den Rücken gelegt, nach Roswithas Hand gegriffen, die seiner rechten ganz nahe war und die Augen ein wenig geschlossen, um diesen Moment so richtig in sich aufzunehmen. Das Zirpen von Grillen war zu hören, das Zwitschern von Vögeln, gelegentlich der Ruf eines größeren Vogels, vielleicht einer Krähe, einer Elster oder eines Eichelhähers. Hans fühlte sich ausgesprochen wohl, spürte die Wärme der Sonne, die ihn, durch die sich leicht bewegenden Blätter der Eiche über ihm, nur portionsweise erreichte.

Wie im Halbschlaf nahm er all diese friedlichen Geräusche um sich herum wahr, fühlte ganz bewusst die Hand des Mädchens, das da neben ihm lag, wünschte sich, sie möge es spüren, wie seine große Zuneigung für sie von seiner Hand über ihre Finger zu ihr strömte.

Vermutlich wäre der junge Mann in diesem Moment in tiefer Zufriedenheit und einem Gefühl von Glück eingeschlafen, hätte Roswitha ihn in diesem Augenblick nicht auf das Flusspferd da oben am Himmel hingewiesen.

Eine Weile dauerte es daher auch, bis Hans einerseits so richtig zu sich gekommen, andererseits dank ihrer Beschreibung nun auch das Bild am Himmel wahrgenommen hatte.

„Schau mal,“ meinte sie jetzt, „das Flusspferd hat das Maul aufgerissen. Ja, sogar die großen Zähne kann man da sehen“, ergänzte Roswitha begeistert ihre Beobachtungen. Mit einiger Mühe erkannte nun auch der junge Freund des Mädchens dank dessen Beschreibung das offene Maul des Dickhäuters, dem allerdings in der Zwischenzeit ob der Wolkenbewegung die Hinterbeine, ja das ganze Hinterteil verloren gegangen war.

Diese Beobachtung, nun seinerseits der Freundin mitzuteilen, hatte Hans allerdings keine Zeit, denn der folgende, von ihr ausgesprochene Satz, veranlasste ihn augenblicklich zum Handeln. Roswitha meinte doch tatsächlich, dass das Gebilde da am Himmel jetzt eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm selbst habe.
Im Nu drehte er sich ihr zu, um nach ihr zu greifen. Roswitha jedoch war schneller, drehte sich von ihm weg, sich etwa zwei oder drei Mal um die eigene Längsachse rollend, richtete sich mit einem unglaublichem Tempo auf, als sie in Bauchlage war und versuchte seinen Fängen zu entkommen. „Na warte!“, rief der „Beleidigte“ voller gespielter Empörung, zog seine Beine an, um dann in Rückenlage eine Schaukelbewegung zu machen und aus dieser heraus mit Schwung auf die Füße und zum Stehen zu kommen. Im Nu hatte er Roswitha eingeholt, sie zu fassen gekriegt, seine Arme um ihren Oberkörper geschlungen und schon fielen beide auf die Wiese, was Roswitha mit einem lauten Aufschrei noch unterstrich.

Als Hans dann aber das Blitzen in ihren Augen sah, dieses freche und scheinbar angstvolle Lachen hörte, er ihren heftigen Atem aus nächster Nähe verspürte, da war er zu nichts anderem fähig, als dieses reizende Geschöpf in seinem Arm zu küssen. Und dann, völlig unerwartet, brach das Lachen Roswithas ab. Hans spürte die Hand seiner Freundin auf seiner Wange, so, als wolle sie seinen Kopf festhalten, sah er, wie sie ihn plötzlich ganz ernsthaft anblickte, spürte er nicht nur die Wärme, die von dieser Hand ausging, sondern auch ein, ja wie sollte er es beschreiben, ein Strömen von Gefühlen, das ihn über diese Hand erreichte und das er nun mit seinen Küssen zu erwidern suchte.

….......

Heute aber hatte Hans allein auf der Wiese gelegen. Ja, etwa dort, wo er vor - mein Gott, wie lange mag das her sein? - mit Roswitha herumgealbert hatte.

Wie damals hatte er die Wolkenformationen an diesem sonnigen Herbsttag beobachtet, nur eben allein. Nein, ein Flusspferd hatte er auch nicht entdecken können in den weißen Gebilden auf dem blauen Grund am Himmel, so sehr er sich auch bemüht hatte, diese Erinnerung aufzurufen.

Seine Armbanduhr zeigte an, dass es bereits 17 Uhr durch war.

Somit war es Zeit, sich wieder auf den Heimweg zu machen, überlegte Hans, denn die Abende wurden bereits wieder kühler, jetzt Mitte September.

Mühsam versuchte sich der alte Mann - wie damals im Gras unter der Eiche liegend - aufzurichten, musste aber feststellen, dass dies gar nicht mehr so einfach war.

Mit beiden Ellenbogen stützte er sich auf der Wiese ab, um so in den Sitz zu kommen. Alsdann drehte er den Oberkörper in der Weise zur Seite, dass beide Hände links seines Körpers als Stütze ihn dazu befähigten, in den Vierfüßlerstand zu gelangen. Nun galt es lediglich, das rechte Bein nach vorne zu ziehen, so dass der rechte Fuß auf dem Boden stand, mit der rechten Hand auf das Knie des rechten Beines zu fassen und mit aller Kraft, sich nach oben zu drücken, so dass er mit einem heftigen Atemstoß schließlich zum Stehen kommen konnte. Was dann jedoch geschah, hat ihn schließlich doch selbst überrascht. Mit dem befreienden Atemstoß nach dem mühevollen Aufrichten seines Körpers, entfuhr ihm ein Satz, der ihn selbst erstaunen ließ: „Na warte, Roswitha!“, war hier laut und deutlich zu hören.

Als der alte Herr endlich wieder fest auf dem Rasen stand, klopfte er mit beiden Händen ein paar braune Grashalme von seiner Kleidung ab, stopfte er sein Hemd wieder in die Hose, das bei dem Unternehmen „Aufstehen“ aus dieser zum Teil herausgerutscht war, strich er mit der flachen, rechten Hand über seinen eher kahlen Kopf, der lediglich noch an den Seiten mit kurzen, grauen Haaren ahnen ließ, einmal beschatteter gewesen zu sein.

Schließlich drehte der Mann seinen Rücken der Sonne zu, um den Heimweg anzutreten. Wäre ihm jemand auf dem Weg begegnet, der- oder diejenige hätten einen Menschen mit einem vielleicht abwesenden, aber doch sehr, sehr glücklichen Gesichtsausdruck gesehen. „Ein schöner Tag ist das heute wieder gewesen“, mag er gedacht und auch verspürt haben eine Mischung aus Freude, Zuversicht, Wehmut, Erinnerung und eben Glück.

Dies ist jedenfalls mit einiger Wahrscheinlichkeit zu vermuten.

Ein schöner Tag sozusagen – heiter bis wolkig.





Reineke1794

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