Heimaturlaub
Von ehemaliges Mitglied Samstag 25.09.2021, 19:12
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„Wenn die Vergangenheit ruft, antworte nicht, sie hat dir nichts Neues zu sagen.“
Ich habe diesen Spruch mal irgendwo gelesen. Verfasser unbekannt. Tagelang „spukte“ er in meinem Kopf. Nein, so ohne Weiteres war ich nicht damit einverstanden. Man muss zu eigener Vergangenheit stehen. Das ist ein Teil jedes Leben. Sich stumm stellen? Ausradieren? Nein, bitte auch keine andere „chirurgischen“ Eingriffe. Nicht mal teilweise. Das erschwert nur den Heilungsprozess. Ja, die Vergangenheit hat nichts Neues zu sagen, aber das Erlebte ist oft sagenhaft lehrreich, manchmal ein Kleinod in unserer Erinnerungslandschaft.
Und wieder holte mich die Vergangenheit ein, wie schon so oft.
Lass dich nicht verführen - sagte mein Verstand.
Das kannst du nicht tun, das ist dein Leben, deine Identität, Tradition, die aus der Vergangenheit entstand und zugleich die Zukunft ist - meldete sich eine innere Stimme. Du kannst es nicht verleugnen. Sonst wirst du dich selber verraten.
Und wieder diese bedrückende Last, die mir einen Stempel auf meiner Seele drückte. Ich musste das tun. Also holte ich meinen Reisekoffer aus, packte nur das Nötigste zusammen. Wenn alles gut geht, dann bin ich morgen da, in meiner alten Heimat. Dann bin ich hoffentlich „geheilt“ von meiner Sehnsucht. Die Heimat ist für mich nicht der Geburtsort, ein Haus oder ein Stück Acker. Nein, das ist ein Gefühl, darum schwer zu beschreiben.
Endlich, nach 14 Stunden Fahrt, saß ich am Ufer und blickte hinüber. Auch nach so vielen Jahren hat die Zivilisation ihren Abdruck hier noch nicht hinterlassen. Im Gegenteil. Die alten Häuser und Scheunen, auf denen wuchernde tonnenschwere Storchennester thronten, täuschten die dörfliche Romantik vor. Über Babyausstattung machte sich niemand hier Gedanken. Es sind nur Greise geblieben. Wer noch gesund war und imstande realistisch zu denken, hatte sich keine Illusionen gemacht und schon längst dieses Gebiet verlassen.
Verlassen wirkte auch die ganze Gegend auf mich. Die Dorfstraße war uneben und mit Kuhfladen bedeckt, auf denen verschiedensten Arten von Fliegen und Käfer in einer Art Wohngemeinschaft ihr kurzes Dasein fristeten. Die dreizehn Höfe reihten sich einseitig zwischen der Dorfstraße und dem Wald. Von der Straße bis zum Seeufer zogen sich die Obstwiesen und Gemüsegärten. Etwas südlich, mitten im See, lag die Insel. Wir, die älteren Kinder und Jugendlichen, haben sich oft da getroffen und die Matrosen und Piraten gespielt. Als Vorlage diente uns die Geschichte von Robinson Crusoe. Das Buch war in einem fatalen Zustand, da jeder begierig war es zu lesen, öfter auch auf der Insel vergessen und dem Regen und Sonne schutzlos überlassen. Folglich hat die Gemeinde die Insel an den größten Bauern, angeblich für ganz wenig Geld, verkauft. Der Hauptgrund waren die jugendlichen Touristen, die jeden Abend betrunken randalierten und die dörfliche Ruhe empfindlich störten. Auch um jede Gefahr aus dem Weg zu räumen, weil der unbarmherzige Wodnik, auch Toppich genannt, jeden Sommer sein Attribut forderte, war diese Lösung für die Behörden optimal. Für eventuelle Unfälle brauchte die Gemeinde keine Verantwortung zu übernehmen.
Seitdem haben wir den ganzen Sommer an dem Ufer verbracht und uns mit den anderen Spielen beglückt, was uns eigentlich nicht schwerfiel. Wir waren mit Wenigem gut zufrieden, kreativ und voll frischer Ideen.
Jeden Frühling unter wachsamen Augen des ganzen Dorfes beförderte der Bauer auf den Holzflossen seine Jungbullen auf die Insel. Im Herbst war es umgekehrt und die meisten Bullen wurden sofort am Ufer auf die Anhänger verladen und zu einer Schlachterei gebracht. Nach ein paar Jahren war der Bauer reich genug, um sich eine Wohnung in der Stadt leisten zu können. Wem die Insel heute gehört, werde ich vielleicht die Gelegenheit haben es noch zu erfahren.
Ja, das Dorf verarmte, sichtbar. Die alte Schule dürfte man gar nicht mehr betreten. Die war sichtlich in die Jahre gekommen. Stand sie da wie eine alte zahnlose Bäuerin, ohne Fenster und Türen. Gespenstig. Die Dachrinne mit angebrochener Spitze hing schräg zum Boden. Von der Eingangstreppe nur bröckelnde Steinreste geblieben. Die Dachziegel noch kaum vorhanden. Wahrscheinlich haben sich die Nachbarn hier bedient. Meine alte Schule - heute eine Leiche. Nur Gerippe. Wie ein riesiger Friedhof kam mir das ganze Dorf vor. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Die ganze Umgebung sah wie eine verwunschene Kulisse aus manchen Gebrüder Grimms Märchen. Überall sah ich wuchernde Bäume. In früher gepflegten Vorgärten wucherte jetzt Unkraut, hoch bis zum Fensterbänken gewachsen. Die Pflanzen so dicht, dass die Spuren des früheren Lebens kaum erkennbar waren.
Auch die wunderschöne alte Holzkirche, noch im relativ guten Zustand, stand sie leider da fast unbenutzt. Nur paar mal im Jahr, wie ich später erfahren habe, wurden hier Gottesdienste gefeiert. Es wird nicht lange dauern, bis sie das Los der alten Schule teilt.
Ich schaute mich um. Mein Blick ruhte auf dem dunklen Wald hinter den Höfen. Der ist mächtig geworden und fast bis zum Scheunen vorgerückt. Ein Urwald, eine echte Wildnis. Kein Wunder, die Natur setzte ihr Werk fort und ließ die verschlungenen Wege, damals gerne ein Treffpunkt für die verliebten Pärchen, spurlos unter dem Dickicht verschwinden.
Der ganze Kuka Berg erschien mir noch unheimlicher, die Hänge dicht bewachsen und unerreichbar.
Und was steht in der Sage von Kukaberg?
Laut der Sage, wird die Prinzessin samt ihrem Schloß von dem Fluch erlöst, wenn eine Kuh zwei gleich weiße Kälber einem Bauern wirft und er mit diesen Bullen den Berg dreimal umpflügt, dann wird der Schloss mit seinem Schätzen aus der Tiefe der Erde auftauchen und die unschuldige Prinzessin wird gerettet. Jede Nacht genau um Mitternacht erscheint die junge Frau auf dem Berg in weißem Gewand und geht den Hang hinab, bis zum Seeufer. Das belegen die Spuren im Tau, die am nächsten Morgen noch deutlich zu erkennen sind.
Die Bauern sterben aus und die Bauernhöfe verschwinden aus der ländlichen Gefilde. Wo werden die weißen Kälber zu finden, mit denen der Berg umgepflügt werden soll?
Die unglücklich verliebte Prinzessin wird wohl noch tausende Jahre auf ihren Retter warten müssen.
Was ist aus meinem Dorf in diesen vierzig Jahren geworden. Die Zeit ist nicht nur stehen geblieben, die ist sogar zurückgedreht. Das Dorf sieht aus, wie zu meiner Urahnen Zeit.
Ich ging langsam durch eine Obstwiese Richtung Seeufer. Setzte mich auf einen Baumstumpf und war sehr bedrückt. In meiner Erinnerung war doch alles anders, viel schöner und lebendiger.
Tief in Gedanken versunken vernahm ich ein raschelndes Geräusch auf dem Rasen. Kaum hörbar. Ich habe das Geräusch noch nicht richtig realisiert, drehte mich auch gar nicht um und sinnierte ungestört im Halbtraum weiter. Dann schreckte ich auf, als ich eine kräftige, knochige Hand auf meiner Schulter spürte. Im Nu war ich „wach“. Neben mir stand eine alte Bäuerin. Eine blaugemusterte Schürze, sichtbar zu weit geschnitten und schon ein wenig verblasst, hing unförmlich auf ihren Schultern. Sah komisch aus, wie von der Mutter geerbt. Die Frau war hochgewachsen und hager. Ihre grauen, dicken Haare hat sie streng auf dem Nacken verknotet. Auf keinen Fall wirkte sie auf mich zerbrechlich. Auch ihre Stimme klang trocken, bestimmt, aber nicht ablehnend, als sie mich begrüßte. Irgendwas passte nicht zu ihrem Erscheinungsbild. Ja, die Augen. Ihre Augen von hellblauen, leicht sentimentalen Schimmer durchzogen, schauten mich sanftmütig, fast herzlich an. Ich kenne diese Augen - war mein erster Gedanke. In meiner Erinnerung waren sie früher voll Glanz, Feuer und Fröhlichkeit. Sie haben im Laufe der Jahre ihre Würze verloren. Auch das kräftige Blau ist wie verwaschen. Ich hätte sie auf der Straße niemals erkannt.
Ja, das ganze Dorf, auch die Menschen bedeckte die dünne Schicht der Patina. Ich musste mich auch verändern haben. Wie hat sie mich erkannt, nach so vielen Jahren?
Mein Herz raste vor Freude. Ja, ich habe ganz stark gehofft und herbeigesehnt, dass ich ihr hier begegne. Habe auch gezielt die Stelle am Ufer ausgesucht, wo ein schmaler Kahn an der morschen Eiche gebunden vor sich hin sanft schaukelte. Nur das Loch ganz vorne in dem dritten Holzbrett habe ich glatt übersehen. Vor dem Farbanstrich sind auch nur noch kaum sichtbare Spuren. Abgeblättert, teilweise mit samtgrünem Moos bedeckt, weich und feucht. Für mich mit einem Erlebnis, dass mich fast mein Leben kostete, verbunden. Aber zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, was ich heute noch erleben würde.
Ich weiß nicht, wie lange ich in ihren sehnigen Armen ausharrte. Mich zu befreien - keine Chance.
So starrten wir uns eine Weile an, dann gingen wir schweigend die Anhöhe mühsam bewältigend in Richtung Wohngebäude. Sie hielt mich fest an der Hand, als wollte ich weglaufen. Nein, ich bin um die halbe Welt gefahren nicht, um jetzt noch weg zu laufen. Bestimmt nicht. Ich möchte, ich muss, ich will nur meine Erinnerung zurück holen. Die Momente, die Orte, die ich mit meinem Mann erkundet und erlebt habe. Er kannte die skurrilsten Geschichten, die Menschen hier, die Gegend. Hat mir alle Gebräuche geduldig erklärt, mich mit der Geschichte seiner Heimat bekannt gemacht, mich mit seinem Hobby infiziert. Er liebte seine Heimat und ich liebte ihn. Hier ist seine Heimat, seine Pfade, seiner Ahnen Wirkungskreis. Hier finde ich Spuren, auf denen sein Geist wandert.
Neugierig schaute ich mich in der Stube um, die wie früher sehr spartanisch eingerichtet war. Die gleichen Möbel, die gleichen Gegenstände. Seltsam, weil doch anders. Verstaubt wurde ich nicht sagen, Hanna war sehr ordentlich, aber schon abgenutzt und veraltet. Jedoch eine solide Arbeit im altdeutschen Stil. Passend zu den Menschen, zu diesem Haus. Ich wusste, dass im Sommer alle Stuben des Hauses bewohnt waren. Im Winter wurde nur die Wohnküche beheizt. Holz gab es mehr als genug, aber es fehlte die männliche Kraft. Hannas Mann Paul saß schon jahrelang im Rollstuhl. Ein Gefährt ohne Bremse mit zwei Fahrradrädern ausgestattet. Mobilität gleich Null. Die Bushaltestelle weit entfernt an der Allensteiner Chaussee. Arztbesuche, Einkäufe nicht nur anstrengend, unmöglich. Die Taxifahrten kaum bezahlbar. Als Selbstversorger reichte es grade noch zum Überleben. Hannas Hof ist mächtig geschrumpft. Nur noch eine Kuh, ein paar Hennen und der Hund sind ihr geblieben. Ihr Hobby und der ganze Stolz war schon immer recht großer Gemüsegarten. Den Acker hatte sie für die kleine Rente dem Staat vermacht. Kinderlos, ohne Nachkommen. Die letzten Verwandten waren in Jahre 1958 nach Westen übersiedelt. Wer soll sich um die beiden jetzt kümmern?
Überhaupt, keine junge Menschen, keine Kinder nah und fern zu sehen. Nur wenige gut gekleidete und entspannte Urlauber mit Kameras sind unterwegs. Diese bringen wenigstens ein bisschen Geld in die Kasse. Meistens sind es die Deutschen, deren Vorfahren diese Gegend mal verlassen haben oder mussten. Jede Familie hat eine eigene Geschichte. Krieg, Verfolgung, wirtschaftliche Krisen - die Gründe für Völkerwanderungen, die es schon immer gegeben hat.
Wir setzten uns auf die Stufen des Hinterhof Eingangs und tranken zuerst einen Kaffee, den ich mitgebracht habe. Ihren Mann Paul haben wir auch nach draußen zu uns verfrachtet. Er wirkte sehr müde, schwächlich und ungepflegt. War auch unrasiert. Seine strähnigen Haare, ganz weiß und schulterlang, versuchte er unter einer von Schweiß schon steifen Kappe zu verstecken. Die Sonne schien immer kräftiger. Wir wechselten zu dem großen Kunststofftisch, auf dem ein Korb, der bis zum kaputten Rand mit Fallobst gefüllt war, stand. Die vielen Wespen und Bienen haben ihr Paradies schon längst entdeckt. Behutsam stellte ich die summende Gesellschaft samt Korb und Obst weit abseits.
Es war sehr angenehm im Schatten der knorrigen Eiche zu sitzen. Der ganze Hinterhof dicht von Unkraut bewachsen. Manche Stängel ragten über den kaputten Holzzaun. Für unseren Wohnwagen hätten wir jetzt hier keinen Platz gehabt.
Hinter den Büschen, fast am Waldrand, konnte man die alte Scheune erkennen. Allmählich hat auch der Hund aufgehört zu bellen und sich in eine schattige Ecke in dem Zwinger verkrochen. Als hätte er mich erkannt. Ich dagegen konnte mich nicht mehr an seinen Namen erinnern.
Gestärkt und ausgeruht beschlossen wir alle drei über die Dorfstraße und die kleine Obstwiese Hannas privates Ufer zu erreichen und uns in dem herrlichen Nass abzukühlen. Ja, eigentlich wollten Hanna und Paul schwimmen, da ich nur Ufer nah plantschen kann - eine noch nicht bis heute erforschte Aquaphobie, die sich Gott sei Dank nur auf die größeren Wasserflächen bezieht. Wir wussten nicht, ob Pauls und unsere Kraft dazu ausreichen. Aber wir waren zu zweit und bereit alle Anstrengungen und Hindernisse bewältigen, nur um Pauls Augen vor lauter Freude strahlen zu sehen. Diese einmalige Gelegenheit wollten wir jedoch nicht ungenutzt lassen.
Schnell, noch die Badetücher, Getränke (kaltes Brunnenwasser - herrlich) und schon waren wir weg. Jetzt, am frühen Nachmittag, noch genug Zeit bis zum Abend, bis es dunkel wird. Der Aufwand wird sich bestimmt lohnen, freuten wir uns euphorisch wie Kinder.
Die Obstwiese hat schon lange keine Sense gesehen. Jetzt gingen wir noch den Berg herunter. Zurück wird es schwieriger, das war uns bewusst . Wir stolperten ab und zu, hielten aber das rollende Vehikel und vor allem Paul fest. Endlich da. Herrlich, diese feuchte, kühlende Brise. Seine Augen waren vor Freude irgendwie feucht und leuchtend. Sagenhaft. Der Mann wohnt achtzig Meter von dem See entfernt, besitzt einen privaten Strand und jahrelang konnte er nur vom Fenster aus den See genießen.
Wir machten es uns im hohen Gras bequem. Ich habe sogar gewagt meine Füße ins Wasser zu tauchen. Das Wasser war kristallklar. Man konnte alle Pflanzen und Steine, den ganzen Untergrund gut erspähen. Den hölzernen Steg trauten wir uns nicht anzufassen. Der schaukelte und knarrte schon beim kleinsten Windhauch, als wollte er uns vor gewissen Gefahren warnen. Wir plauderten über die alten Zeiten, als wir noch jung und optimistisch waren, voll Elan dem Schicksal entgegen ruderten und ahnten nicht, womit uns das Leben noch überraschen möge.
Das war Pauls Idee. Wir haben zugestimmt, wollten ihm einen Gefallen tun.
„Wie, mit dem Rollstuhl ins Wasser? Nein, es geht nicht. Was? Wollt ihr schwimmen? Ok. Aber ohne mich“ - habe sofort protestiert.
Ich machte den beiden klar, dass sie nicht mit mir rechnen sollen. Dann äußerte Paul den Wunsch, einmal noch die Insel von ganz Nah sich anzusehen, an dem dicht bewachsenen Ufer die Erinnerung der jungen Jahre einatmen zu dürfen.
Die zwei haben lange und geduldig auf mich eingeredet, bis ich nachgab. Ich bin doch kein Spielverderber. Vorsichtig, mit Mühe haben wir Paul auf die kleine, morsche Bank in den Kahn gesetzt. Das war eine wacklige Angelegenheit. Ich setzte mich auf den feuchten Boden und hielt beide Ruder fest in den Händen. Ehrlich gesagt, ich hielt mich fest an den Rudern. Für meine Begriffe war das eine Schnapsidee. Das Ding schaukelte sehr bedrohlich, mein Magen reagierte sofort und die ganze Mahlzeit samt Kaffee war umsonst. Hanna, die Erfahrenste, schob trotzdem weiter mit voller Kraft den Kahn samt Ladung und schwamm neben uns, stets die kleine Nuss in die Inselrichtung schiebend und uns vorwärts befördernd. Ich staunte, sie war noch in ihrem Alter eine gute Schwimmerin. Erst kurz vor der Insel ist sie zu uns geklettert und wir machten eine Paddelpause, um die Sonnenstrahlen so richtig voll auszukosten. Eine angenehme schlaftrunkene Stille legte sich auf die Fauna und Flora. So ging jeder seinen eigenen Gedanken und Träumen nach. Eine kleine Siesta im Freien. Irgendwann merkte Paul, dass wir uns von der Insel weit entfernt haben. Also schnell haben wir die Paddel gegriffen und die Insel angesteuert.
Bald haben wir eine geeignete Stelle gefunden und das kleine Boot an einer Baumwurzel festgebunden. Paul blieb drin sitzen und wir schauten uns ein bisschen um. Nur mit Mühe konnten wir uns durch das Dickicht zwängen. Hier war schon lange niemand zu Besuch. Es war gespenstisch. Wir kehrten um und erstatteten Paul genauen Bericht über die Sachlage.
Noch waren wir nicht ganz fertig mit unserer Schilderung, als wir merkten, dass etwas mit der Natur nicht stimmte.
Es wurde plötzlich windig und dunkel. Die Sonne verschwand. Wie verhext. Eine unheimliche Stimmung breitete sich aus. Die Luft kühlte sich angenehm ab. Wir ahnten, was uns bevorstand. Von Westen zogen dicke, dunkele und schnell brausende Wolken. Unglaublich, wie schnell sich auch unsere Gemütslage änderte. Hing wahrscheinlich mit der bedrohlichen Situation zusammen. Diesmal waren wir uns alle drei sofort einig. Es gab keine Diskussionen. Wir wollten nur schnell weg. Weg von der Insel und nach Hause. In Osten war Hannas Garten und Haus, unsere Rettung. Wir paddelten mit voller Kraft. Wollten dem Gewitter entkommen. Die Wolken haben sich gegen uns verschworen und eine Jagd auf uns veranstaltet. Auf dem halben Weg, mitten im See ballerten und trommelten schon die ersten dicken Regentropfen auf uns herab. Ich dachte, meine Haut platzt gleich. Ich spürte nur brennenden Schmerz. Durch die beschlagenen Brillengläser sah ich kaum unser rettungsbringendes Ufer. Es donnerte gewaltig und die zickzack Blitze, wie eine scharfe Messerschneide, durchbohrten die Luft.
Beim nächsten Donner habe ich geschafft nur bis zwei zu zählen. Nach einer alten Weisheit heiß es, dass das Gewitterzentrum sich in unmittelbarer Nähe befindet. Umkehren und zurück zu der Insel paddeln wäre sinnlos. Wir hatten keine Alternative, nur vorwärts, wie am schnellsten. Ich spürte die nassen Wolken ganz nah über meinem Kopf brausend und fühlte mich, wie in einem feuchten zarten und doch bedrohlichen Stoff eingehüllt. So saß ich auf dem halbvoll mit Wasser gefüllten Holzboden dieser Nussschale und versuchte mit bloßen Händen unsere Arche vor Überlaufen und uns vor Ertrinken zu bewahren. Viel zu spät haben wir gemerkt, dass irgendwas mit dem Kahn nicht stimmte. Wir saßen plötzlich wie in einer voll mit Wasser gefüllten Badewanne. Die Ursache wurde schnell gefunden. Vorne, am Bug, wo Paul saß, klaffte ein riesiges Loch, in dem dritten Brett von oben zählend. Es blieb keine Zeit. Jeder von uns wusste, was zu tun war. Paul stopfte alle Handtücher rein und hielt sie fest. Ich und Hanna bemühten uns mit leeren Wasserflaschen das nasse Element dem See zurück abzugeben. Es war eine mühevolle Arbeit. Der Kahn drohte zu versinken. Tanzte gefährlich, weil führerlos, auf dem von Zorn dunkel gefärbter Seeoberfläche. Ich mochte darüber nicht nachdenken, was passiert, wenn...
Grade hier war der See etwa vierzig Meter tief. Jeden Sommer beweinten die Familien ihren Lieben, die durch ertrinken den Tod fanden. Oft wurden die Leichen nie gefunden. Der Toppich hatte sie zu sich geholt, für immer.
Wir kämpften mit Naturgewalten um unser Leben, getrieben von wütenden Wellen und gejagt von Donner und Blitz. Ob wir je noch unseren flachen Gartenufer erreichen? Ich betete leise und bat alle Götter, auch die heidnischen, um Hilfe.
Anscheinend hatten die Himmlischen mit uns Erbarmen. Es wurde heller, die dunklen Wolken verzogen sich und sogar ein Sonnenstrahl erreichte uns durch die stark gedämpfte Atmosphäre. Es regnete noch, aber das Gewitter hat von uns abgelassen und ist genau auf Hannas Haus und Richtung Kukaberg gezogen. Wir sammelten uns mental. Den Göttern zu danken habe ich in diesem Moment vergessen. Das mache ich jedes Mal, wenn ich über dieses Abenteuer nachdenke.
Ich schaute mich um. Das sonst ruhige, kristallklare Wasser wirbelte noch. Überall schwamm Unrat, gebrochene Äste und Laub. Wir steuerten Richtung Osten und bald wurde uns klar, dass wir die Insel umkreist haben, als wir mit dem Wasserschöpfen beschäftigt waren. Wahrscheinlich sogar mehrmals. So näherten wir uns wieder der Insel, aber dem westlichen Ufer. Jetzt war es nicht schwer die Richtung zu behalten, weil der schwarze nasse Vorhang weit hinter dem Horizont zu erkennen war. Wir haben das Unwetter überlebt und ruderten hinter dem Gewitter her, das uns einfach überholt hat.
Wie froh war ich, als ich den nassen, schlammigen Grund unter meinen Füssen spürte. Ja. das Gewitter hat uns voll erwischt, überholt und jetzt wütete es mitten im benachbarten Ort.
Wir hatten Hunger und Durst. Unsere Kleidung war nass und schwer. Ich musste mich setzen. Mein Körper bebte, nein, nicht von der Kälte. Vor Erschöpfung. Wenn ich noch länger hier sitzen bleibe, dann mag ich gar nicht mehr aufzustehen, dachte ich.
Es dämmerte schon, als wir in Hannas Garten die nassen Handtücher auf einer Polyesterschnur mit Wäscheklammern befestigten. Zuhause angekommen kümmerten wir uns zuerst um Paul. Schnell die Kleidung wechseln, ein Käsebrot und ab, ins Bett. Ausnahmeweise, ohne sich gewaschen zu haben. Ich schlief die ganze Nacht und fast den ganzen Tag. Erst spät nachmittags wurde ich wach. Es duftete im ganzem Haus. Der Hunger meldete sich. In der Küche saßen meine Gastgeber vergnügt scherzend am Tisch. Hm...die Kartoffelpuffer mit saurer Sahne, ein Dank an Hannas Kuh, schmeckten ausgezeichnet. Nein, wir haben uns noch nicht erholt von den gestrigen Strapazen. Das Erlebte, die Angst und die Erschöpfung spürte ich noch in den Knochen. In die weiche Decken eingehüllt saßen wir bis in die Nacht und erzählten, jeder seine eigenen Gedanken und Empfindungen. Vergessen werde ich niemals, dass wir so leichtsinnig unser Leben auf Spiel gesetzt haben. Ich bin noch ein paar Tage geblieben. Wer weiß, ob wir uns je wiedersehen werden?
Bevor ich zurück nach Hause fuhr, habe ich auf Pauls Haare ein Attentat verübt. So ungeübt war ich gar nicht. Früher habe ich schon öfter meinen Kindern einen neuen Haarschnitt verpasst.
Von Hanna rasiert und frisch angekleidet sah man ihm die Lebensfreude an. Ich spürte seine Dankbarkeit, als er mich zum Abschied ganz fest an sich zog und von Gicht gekrümmten Finger durch meine Haare strich. Hanna begleitete mich noch ein Stück, bis zum Auto.
Ich dachte oft an diese Zeit, die ich mit ihnen verbrachte. Auf ein Wiedersehen war nicht zu denken. Unsere Lebensumstände haben sich sehr verändert. Nach Jahren habe ich erfahren, dass sie nicht mehr unter uns sind. Zuerst starb Paul. Hanna lebte noch fast zehn Jahre alleine.
Und jetzt, nach so vielen Jahren, ist die Erinnerung noch ganz frisch in meinem Herzen. Die Geschichte aufzuschreiben war eine gute Idee und hat mir gut getan.
Es wird Zeit, dass auch mein Enkel von der Heimat seines Großvaters erfährt und sie vielleicht kennenlernt.
Karola