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Handymania

Von Pinnacle Mittwoch 27.05.2020, 07:24

Handymania
Joa Bosch ©BJS

Uff, geschafft! Endlich dem stickigen Büro entkommen, freute ich mich auf meinen Kurzurlaub in London. Die Flughafen-S-Bahn hielt fahrplanmäßig. Ich stieg ein und suchte mir sogleich einen ungestörten Platz in einer freien Sitzgruppe. Meinen kleinen Rolli legte ich auf der gegenüberliegenden Bank ab. Die Fahrt zum Airport würde 35 Minuten dauern. Ich öffnete das Reisegepäck und checkte nochmal meine Flug- und Reiseunterlagen. Alles O.K. Zufrieden verschloss ich das Gepäckstück. Als ich es neben mir im Fußraum abstellen wollte, sah ich, versteckt in einem Spalt zwischen den Sitzflächen, ein herrenloses Handy. Mühsam zog ich es heraus und nahm es neugierig an mich. Dabei bemerkte ich, dass es eingeschaltet war. Prima, dachte ich, da kann man ja vielleicht über die Funktionen „Kontakte“ oder „Protokolle“ jemanden ausfindig machen, der den Eigentümer kennt.

Erstaunt stellte ich aber fest, dass keinerlei Daten vorhanden waren. Ich überlegte kurz und entschied mich, das Gerät am Flughafenfundbüro abzugeben. Kaum in meiner linken Brusttasche verstaut, klingelte es auch schon. Das fremde Handy!!!
Mein eigenes, das sich in der rechten Brusttasche befand, hat ja einen ganz anderen Rufton. Erst erschrocken, dann erleichtert nahm ich den Anruf entgegen und sagte: „Hallo? Hallooo?“ Erst hörte ich schweres Atmen, dann barsch: „Wo bist du jetzt?“ Ich entgegnete irritiert: „Wer sind Sie?“ Lachend antwortete der Anrufer: „Du benutzt mein Handy“. Ich stammelte: „Jaja, ich bin auf dem Weg zum Flughafen und hab es gerade in der S-Bahn gefunden.“ Er kicherte und sagte: „Guuut, das ist sehr sehr gut. Ich warte an der Endstation auf Dich. Wenn der Zug ankommt, ruf ich wieder an und wir können uns zur Übergabe auf dem Bahnsteig treffen.“ Bevor ich antworten konnte, legte der Anrufer lachend auf. Entgeistert schaute ich auf das Display. Keine Nummer! Der Anrufer, der sein eigenes Handy mit einem Ersatzgerät angerufen haben muss, hatte seine Nummer unterdrückt!

Noch sechs Halts und die Endstation am Flughafen wird pünktlich erreicht sein. Die Abteile leerten sich immer mehr und ich bemerkte, dass bei den nächsten Stationen auch keine weiteren Fahrgäste mehr zustiegen.
Vergnügt malte ich mir ein rasches Weiterkommen, ohne Geschiebe und Gedränge zum Terminal aus. Als der Zug die Fahrt verlangsamte und in den Sackbahnhof einlief, ergriff ich mein Gepäckstück und stand auf. Erstaunt stellte ich fest, dass ich der einzige Passagier im Waggon war. Ich blickte mich um, auch die anderen Wagen waren menschenleer. Verwirrt begab ich mich zu der nächsten Tür und drückte den Knopf zum Ausstieg. Der Zug hielt, die Türen öffneten sich automatisch, und ich stieg aus.

Schwarzgekleidete und vermummte Gestalten standen oder hockten mit schussbereiten Gewehren und Pistolen am Bahnsteig und auf den Rolltreppen. Sie alle zielten mit ihren Waffen auf mich.
„Achtung, Achtung! Hier spricht die Polizei! Lassen sie den Koffer los, legen Sie die Hände auf den Kopf und gehen auf die Knie“, tönte ein Lautsprecher durch die sonst menschenleere Halle. Erschrocken ließ ich den Rolli los und stammelte verängstigt: „Aberaber ...?“. Sogleich brüllte die blecherne Stimme weiter: „Hier spricht das Einsatzkommando. Sie sind umstellt, geben sie auf und folgen Sie den Anweisungen der Polizeikräfte. Bei Widerstand wird von der Schusswaffe Gebrauch gemacht. Hände auf den Kopf und auf die Knie, sofort!“
Schlotternd vor Angst kam ich den Kommandos nach. „Zielperson erfasst - Schussfeld frei - zum Finalschuss gesichert“, schallte nun ein lauter Zuruf von der Rolltreppe. Dabei wanderte von dort ein roter Laserstrahl über meinen Brustkorb und verharrte dann in meiner Herzgegend. Hysterisch schrie ich auf: „Was wollen Sie von mir?“ und ergänzte wimmernd: „Ich habe nichts getan. Ich will doch nur in Urlaub fahren!“ Schwere Stiefelschritte näherten sich von hinten. Blitzschnell wurde ich von mehreren Händen heftig zu Boden geworfen. Dabei wurden mein Kopf sowie die Arme und Beine schmerzhaft auf den Bahnsteig gepresst. In Sekundenschnelle war ich völlig entkleidet und meine Hände auf den Rücken gefesselt. Ich schrie vor Angst, Schmerz und Wut laut auf. War ich doch aus meinen Urlaubsträumen plötzlich in einem Albtraum gelandet.

Mein Rolli und die Kleidung wurden augenblicklich untersucht. Ein Beamter zog das fremde Handy aus meiner Jacke und winkte damit in Richtung der Einsatzleitung, wobei von dort ein schriller Piepton immer lauter ertönte. Man musste das Gerät schon lange geortet haben.

Später, nach stundenlangen Verhören, Vorlage aller Fakten und einer Erklärung der Staatsanwaltschaft, aber ohne jegliche Entschuldigung, erfuhr ich, dass ein gesuchter Top-Terrorist über GPS-Handyortung lokalisiert worden war. Bei dem Versuch seiner Festnahme und einem Feuergefecht war ihm aber die Flucht gelungen. Irgendwann deponierte er sein Handy zur Ablenkung in der Flughafen-S-Bahn und der Verbrecher setzte sich danach ganz woanders hin ab. Er führte damit die Fahnder somit in die Irre und damit zu mir. Obwohl ich nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Gesuchten besaß, haben die Sicherheitskräfte den Zugriff auf „mein“ Handy erfolgreich vollzogen.

London habe ich nie erreicht. Ich benutze seitdem auch kein Handy mehr. Hinter jeder Ecke lauern nun überall Terroristen oder Bullen.

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