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Goodbye

Von ehemaliges Mitglied Dienstag 05.10.2021, 14:19


Unser Hof war herrlich gelegen in einem Tal zwischen den bewaldeten Hügeln in der ostpreußischen Wildnis. Ja, richtig ...Wildnis. Zum Dorfbewohnern haben wir Kinder kaum Kontakt. Wir dürften nur die Grundschule besuchen und mal in dem kleinen Tante-Emma-Laden eine Kleinigkeit für Eltern zu besorgen. Das Dorf zählte höchstens 20 Familien und genauso viele Abbauten, die sorgfältig versteckt zwischen den Hügeln und Wäldern irgendwie verschlafen wirkten. Die Dorfbewohner - im Winter Waldarbeiter, im Sommer Erntehelfer, eine bunte Mischung aus vertriebenen Weißrussen, Litauern, Ukrainern und Polen. Die meisten waren jedoch aus Lemberg (heute Lwiv - Ukraine) vertrieben. Wir dürften nur die befreundeten Familie besuchen und um bestimmte Uhrzeit unbedingt zu Hause sich melden. Sonst gab es Ärger. Von den Unruhen, Streitigkeiten und Vergewaltigungen, ja, sogar zwei Morden habe ich erst später erfahren. Das haben unsere Eltern in Anwesenheit der Kinder nie erwähnt, um uns nicht beängstigen. Zuerst war eine deutschstämmige Frau, mit einem Ukrainer verheiratet und Mutter von 7 Kinder, tot aufgefunden worden. Es war ein Sonntag. Wir fuhren gerade mit der Kutsche zur Kirche und mußten an der unglücklichen Stelle vorbei. Dann war noch ein paar Jahre später der Mord an dem Leiter der Schule. Er war Ukrainer und man munkelte, dass es sich um einem politischen Mord handle. Andere angebliche Insider behaupteten, dass er mit der Emma-Laden Verkäuferin zu weit trieb und es war vorauszusehen, wie dies so ändern würde. Beide Morde wurden nie aufgeklärt. Bis heute. Vielleicht wollte man es gar nicht. Das werden wir nie erfahren.
So weltfremd, wie in einer Enklave, gut geschützt und beschützt, auch von unseren zwei bissigen Hunden, von denen wir selber Angst hatten sind wir aufgewachsen, wir, sieben Töchter. Eine richtige Festung - sagte man im Dorf. Nur in Ferien war im Hause viel los, wenn die älteren Schwestern aus den Internaten und Studentenheimen uns mit ihrer Anwesenheit beehrten. Und noch etwas...schon damals waren wir mit guten schweizerischen Handuhren versorgt. Deswegen haben wir viel Spott ertragen müssen und wurden lange ausgelacht, wegen der „Zwiebel“ auf dem Handgelenk, bis auch die Dorfjungen verdientes Geld nicht in Alkohol und Zigaretten, eher in die Kleidung, die ersten Kosmetikartikel und auch in die Handuhren steckten.
Es fanden sich doch welche, die aus Neid oder Dummheit uns in Angst und Panik versetzt haben. Im Sommer hat man in einer lauen Nacht alle unsere Bienenvölker, an der Zahl über 30, vergiftet. Es war sehr traurig anzusehen...Kiloweise Klumpen von toten Bienen. Es musste alles gereinigt werden. Die ganze Honigernte war hin - unsere Lebensgrundlage. Meine Eltern mussten Vieh und ein Zuchtpferd verkaufen, um unsere Schulausbildung weiter finanzieren zu können.
Das ganze Dorf wusste, wer der Täter war. Auch diesmal hat die Polizei nichts rausfinden können/wollen, da keine Zeugenaussagen vorlagen. Wer in dieser Situation noch Mut hat gegen eine Familie auszusagen, die mit einem Giftvorrat das ganze Dorf im Schach hält?
Unsere Sorge war, ob noch unsere Hunde auch jetzt dran sind? Sind wir womöglich auch auf der schwarzen Liste?
Diese Fragen beschäftigten uns sehr intensiv. Nach einiger Zeit hat sich doch wieder allmählich das Dorfleben normalisiert.
Immer mehr Dorfkinder strebten nach einer Ausbildung. Wir wurden nicht mehr belächelt, aber respektiert und immer mehr geschätzt. Ab und wann auch um Hilfe oder einen Rat gebeten.
Weit über Bezirksgrenzen war bekannt, dass unser Honig niemals gepanscht wäre. Wir haben selten geschafft die süße Ware bei der Genossenschaft abzuliefern. Die Leute, meistens die „Bonzen“, haben uns aus den Händen weggerissen. Unser Papa war auch geschätzt, als einer der besten Schachspieler in Umgebung. Die Nationalität spielte in unserer Familie keine Rolle. Viele Neusiedler holten sich bei meinen Eltern einen Rat oder Hilfe. Die große Diele in unserem Haus fungierte als eine Art Dorfbibliothek. Unsere Mama hat die Dorffrauen zusammen gesammelt, zum Lesen animiert, gemeinsam Koch- und Backrezepte ausgetauscht, ausprobiert, aus den Gardinen Kleider für die Kommunion oder sogar zur Hochzeit genäht, den Nachbarn bei Krankheiten und Not beigestanden.
Nur an dem Tratsch haben wir uns nie beteiligt. Dafür war auch unsere Zeit zu kostbar.
Von Frühling bis Herbst, von Sonnenaufgang bis in die Nacht waren alle mit Landwirtschaft beschäftigt, um die Wintervorräte für Menschen und Vieh zu sichern. Die schönen, langen Winterabende mit Familie in der Wohnküche, beim glühenden Kachelofen, manchmal auch nachbarschaftlichen Besuch sind mir in meiner kindlichen Erinnerung ganz lieb geblieben.
Am Sonntagen machten wir lange Schlittenausfahrten bis in den Abend. Die Eltern mit Pelzdecken um die Füße, wie zwei Pelzmumien. An den beiden Seiten der großen Pferdeschlitten hingen Petroleumlampen. Wir wurden auf unseren kleinen, von Papa gezimmerten, kunstvoll verarbeiteten, wie in „Gänsemarsch“ hinterher gezogen. Unterwegs haben wir noch oft Dorfkinder mitgenommen, so war der „Zug“ immer länger und die Schlittenfahrt immer lustiger. Ab und zu kippte ein Kind samt dem Gefährt um und im Nu waren alle dabei, um die Hilfe zu leisten. Verletzt wurde niemand, da die Schneewehen über 2 Meter dick waren. Manche Bäume waren auch unter dem Schnee verschwunden und die ganzen Baumalleen nicht zu erkennen. Eine weiße Wüßte, vom Wald zum Wald durch Schneemassen getrennt. Für kindliches Auge unermessliche Weiten. Zwischendurch kleine schwarze Flecken mit dicken weißen „Mützen“ - die Gehöfte.
Auch mit 70 Jahren habe ich eine große Lust auf dem Pferd, ohne Sattel, wie früher, über die Stoppelbartfeleder (also, nach der Ernte) durch die weite Wildnis noch das letze Mal einmal so richtig im Galopp diese totale Freiheit zu erleben.
Da ist was dran an dem Sprichwort: „Alles Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“. Kann ich nur bestätigen.
Karola

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