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Fünf Minuten

Von Reineke1794 13.02.2022, 10:26

Eben hat Friedhelm den Kaffee aufgesetzt, die Filtertüte, Größe 4, in den Kaffeefilter geschoben, die Menge für vier Tassen Wasser eingefüllt, vier Löffelchen gemahlenen Kaffee in die Tüte gegeben – fertig. Die digitale Küchenuhr zeigt gerade 6:32 Uhr an.

Friedhelm sitzt an dem kleinen Küchentisch, der direkt an der Wand steht. Sein Blick schweift zum Fenster.

„Der morgendliche Himmel ist kräftig orangerot bis rot gefärbt. Viele kleine Wolken, die diese Farben der Morgensonne reflektieren, lassen vermuten, dass es an diesem Tag nicht mehr viel Sonne geben wird“, fährt es Friedhelm durch den Kopf.

„Vor nunmehr gut zwei Jahren hat Angela ihm noch gegenüber gesessen“, überlegt der rüstig wirkende Rentner. „Mein Gott, wie doch die Zeit vergeht.“ Dann schmunzelt er ein wenig, muss er doch daran denken, dass dann eben 6 - bis 7 Löffelchen Kaffee in der Filtertüte wären und Wasser für 6 – 7 Tassen eingefüllt. Angela mochte ihren Kaffee immer schwarz und er eben mit Milch und Zucker.

„Naschkatze“ hat sie ihn deshalb gelegentlich genannt. Über ihre Planung wegen des Mittagessens hat sie beim Frühstück dann häufig mit ihm gesprochen.“ „Tja“, denkt Friedhelm, „das ist nun auch nicht mehr. Ich werde mir heute eine Büchse mit Linsen aufmachen. So übel sind die ja auch gar nicht und außerdem geht das schnell“, überlegt der Grauhaarige.

„Ach ja, ins Bauhaus wollte ich heute. Die Lampe vor dem Haus flackert seit Tagen. Nachher werde ich den kleinen Neonstab in der Lampe ausbauen und als Muster mitnehmen.

„Was ist das denn? - Das ist doch der Buntspecht, der sich hier auf das Fensterbrett gesetzt hat. Der war doch gestern erst auf der Terrasse“, überlegt Friedhelm. „Ganz schön kess. Werde mich mal ruhig verhalten, damit er nicht gleich wieder abhaut. - Na schade, nun ist er doch weg.“

„Marmelade brauche ich“, fällt ihm dann ein. „Ja, auch creme fraiche ist alle und das Brot langt auch nur noch für heute. Wie sieht es denn mit Kartoffeln aus? Muss nachher mal nachsehen. Zwiebeln, ja, da habe ich noch genug“, überlegt Friedhelm.

„Thomas hat noch gar nicht angerufen. Er wollte mir doch Bescheid geben wegen des Reifenwechsels. Nun, vielleicht musste er doch zum Zahnarzt, denn seine Schilderung hat sich gar nicht gut angehört. Angela hätte Thomas bestimmt längst gedrängt, sich untersuchen zu lassen“, überlegt Friedhelm.

„Ach Gott ja, Angela, sie hat schon immer darauf geachtet, dass ihre Männer nichts schleifen lassen. In zwei Wochen hätte sie Geburtstag“, fällt dem Witwer ein. „Wie hat sie es geliebt, wenn sie morgens an den etwas festlich gedeckten Frühstückstisch kam, wenn dann die dicke gelbe Kerze brannte, ihr Lieblingsnaschkram darum drapiert war und sie die kleine Flamme schließlich auspusten musste.

Ja, ja, zugegeben, irgendwie kindisch waren wir schon,“ erinnert sich der rüstige Rentner „und über den bunten Blumenstrauß am Morgen, der natürlich nicht fehlen durfte, hat sie sich dem Anschein nach immer dermaßen gefreut, als sei es erst der Dritte oder Vierte in ihrem Leben.“

„Da, da, da war er wieder, der Buntspecht. Das ist ein scheuer Bursche“, denkt Friedhelm und erinnert sich daran, in welcher Weise Angela dann mit den Planungen für ihre Geburtstagsfeier an dem, dem Geburtstag folgenden Samstag begonnen hatte, immer dann also, wenn sie die Kerze ausgepustet hatte.“

„Hab ich es nicht gleich gesagt“, überlegt er: „Der Himmel hat sich zugezogen, von der Sonne keine Spur mehr. Bald wird es regnen.“

„Hui, ich darf nicht vergessen, den Handlauf vor dem Haus abzudecken, den ich gestern gestrichen habe. Aber andererseits ist das doch Quatsch, die Farbe ist ganz sicher längst trocken, auch wenn es heute Nacht so kühl gewesen ist.“

„Eigentlich habe ich gar keinen richtigen Appetit“, fährt es Friedhelm durch den Kopf. „Jeden Tag derselbe Belag, jeden Tag dasselbe Brot. Ich muss mal wieder ein wenig Abwechslung in das Frühstück bringen.
Angela hat zum Beispiel.....
Ja, ja Angela, Angela hat,
Angela hätte, Angela machte, Angela würde...........
Verdammt noch mal, ich werde das doch auch hinbekommen.“

„Jetzt fällt es mir wieder ein. Socken wollte ich mir kaufen. Meine haben doch schon wieder ein Loch direkt unter der Ferse. Muss wohl ein Steinchen im Schuh gewesen sein. Früher hat man so etwas gestopft. Meine Mutter jedenfalls.
Oh ja, das waren noch Zeiten. Einen kleinen Fliegenpilz aus Holz hatte sie immer unter das Loch gesetzt und dann das Loch zugenäht. Sah aus wie ein Fliegengitter, das Gestopfte, nur etwas weitmaschiger, weil sie das Loch mit einem etwa gleichfarbigen Wollfaden gestopft hat.
Wenn ich nur an ihren Nähkasten denke, ja, den konnte man so aufklappen. Scharniere hatten die zwei Ebenen. War er geöffnet, so blickte man in vier getrennte Kästen. Ich wüsste gar nicht, wo und ob ich noch eine Nähnadel hätte. Irgendwo gibt es im Haushalt bestimmt noch Zwirn, Nähnadeln, Einfädler, ein Stopfei aus Holz?. - Andererseits, wozu aber auch?“

„Apropos Öffnungen: In der Justusstraße eröffnet ein Schlüsseldienst. Die nehmen auch Änderungen für Kleidung an. Muss ich mir merken.“
„Oh, 6:37 Uhr, der Kaffee ist durchgelaufen. Was wollte ich noch mal zuerst machen?
Mhm, ja doch, Milch und Zucker fehlen noch.
Gut, jetzt aber kann es los gehen.
Mein Gott, fünf Minuten sind vergangen und wie viele Gedanken haben mich in dieser Zeitspanne bewegt?“, fragt sich der Witwer. „In fünf Minuten sind Vergangenheit, Gegenwart und auch zukünftiges durch meinen Kopf gerast, was für eine unglaubliche Dichte von Gedanken.“ Und dann, so als sei diese Botschaft bei Friedhelm tatsächlich angekommen, bemerkt er, wie er sich selbst zu entpannen beginnt.

„Der Kaffee ist fertig“, dieser Text zu einer Melodie eines Schlagers aus den 80ern fällt ihm ein, schleicht sich in seine Gedanken, füllt den Raum mit den dazugehörenden Tönen, dieser Ohrwurmmelodie...........“Der Kaffää is fertig, klingt dös net unheimlich zärtlich? Der Kaffää ist fertig, klingt des net unglaublich liab?....................“

Zufrieden lehnt sich Friedhelm auf seinem Stuhl zurück, greift mit der rechten Hand nach der Tasse und nippt etwas an dem heißen Kaffee.

Auf das Fensterbrett fallen die ersten Regentropfen.

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