„Du musst nur glauben, dass alles gut wird
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Feierabend-Mitglied
Montag 25.04.2022, 10:06 – geändert Montag 25.04.2022, 10:59
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Montag 25.04.2022, 10:06 – geändert Montag 25.04.2022, 10:59
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Auch heute sitze ich wieder auf der Oberleitung. Manches Mal, wenn ich mich hier ausruhe, sind sehr viele verschiedene Vögel da. Sie sitzen ebenso wie ich auf der dicken Leitung. Ich bin eher still, sage nicht viel und beachtet werde ich sowieso nicht von ihnen, denn ich bin eher klein und unscheinbar.
Aber ich höre gut zu. Interessiere mich für vieles und staune, wie weit manche Vögel bereits gereist sind. Gerne würde auch ich ferne Länder sehen, doch ich kann nicht so viele tausend Kilometer fliegen. Mein rechter Flügel ist nicht ganz in Ordnung.
Als Junges wurde ich von meinem älteren Bruder aus dem Nest geschubst. Bin damals tief gefallen und es brauchte lange, bis der Flügel heilte. Meine Eltern haben mich noch einige Wochen ernährt, dann habe ich sie nicht mehr gesehen. War ganz allein! Unten, am Waldboden, hatte ich großes Glück, dass ich nicht von irgendeinem Tier gefressen wurde.
Eine alte Ente, die noch schlimmer dran war als ich, hatte mich damals gerettet. Sie lebte im Wald am Rande des kleinen Sees, denn sie konnte nicht mehr schwimmen. Ihr Schicksal werde ich nie vergessen, denn sie hatte bei einem Unfall mit einem Boot einen ihrer Füße verloren. Sie war es, die mir damals immer Mut zugesprochen hatte und von den Brocken und Leckereien abgab, die sie von den Spaziergängern erhielt.
„Du musst nur glauben, dass alles gut wird!“ sagte sie immer und in der Erinnerung höre ich heute noch ihre Stimme. Sie macht mich immer noch glücklich. Tatsächlich heilte mein Flügel mit der Zeit wieder, sie hatte Recht behalten.
Gut, er war nie wie bei Vögeln meiner Art geworden, aber ich kann kurze Strecken fliegen. Auf Bäume, über Flüsse und auf Oberleitungen. Letztere sind meine Lieblingsplätze geworden, denn hier treffen sich alle und ich erfahre immer die neuesten Neuigkeiten. Dass Strom unter meinen kleinen Krallen hindurch fließt, habe ich schon gehört und ich habe auch verstanden, dass er den Menschen das Licht bringt. Abends und wenn die Nacht beginnt ist es sehr hell in den Häusern und Städten.
Also ist in der Leitung unter mir viel Energie!
Ich sitze hoch oben, kann weit über das Land schauen und höre den Geschichten der anderen Vögel zu. Vielleicht bekomme ich eines Tages auch ein wenig von der vielen Energie ab, die unter meinen kleinen Krallen fließt, und ich kann weiter fliegen als bisher. Und wenn nicht, auch nicht schlimm!
Die Energie ist ja da. Umbringen kann sie mich nicht, also kann sie mich nur stärken.
„Du musst nur glauben, dass alles gut wird!“ höre ich wieder die alte Ente in meinen Gedanken sprechen, schaue links und rechts zu den anderen und dann über das weite Land und bin glücklich.
Text © Gabriele Ende
Foto webfund