Ein Konzert ohne Musik
Von ehemaliges Mitglied Dienstag 12.10.2021, 19:19 – geändert Dienstag 12.10.2021, 19:24
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von ehemaliges Mitglied Dienstag 12.10.2021, 19:19 – geändert Dienstag 12.10.2021, 19:24
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Der Abend begann wie ein Versprechen. Am Anfang war das Licht...
Ich wurde regelrecht geblendet, als ich ihn in der Türrahmen erblickte. Wie froh ich war, dass ich schon meinen Platz gefunden habe. Ich bekam weiche Knie. So eine imposante Erscheinung. Was für ein Mannsbild. Alter unbestimmt. Ich musste tief Luft holen. Einatmen und ausatmen, ganz tief, dass ich diese Schwindelanfälle, die ich letztens vor etwa 40 Jahren erlebte, in Griff bekomme. Ich denke, dass es keine weibliche Person gab, die ihn nicht gemerkt hätte. Er war auch bestimmt gewohnt, alle Blicke, nicht nur weibliche, an sich zu ziehen. Ich sah auch neidische, verstohlene, manchmal von etwas spöttischem Lächeln durchzogene Herren Gesichter. Ja, wie auf ein Kommando drehten sich alle Köpfe in seine Richtung.
Sehr gepflegt, gut aussehend, leicht welliges dunkles Haar mit ein paar silbernen Strähnen stand im ausgezeichnet. Eine staatliche Figur, sicher im Auftreten - eine Augenweide. Er hatte die Reihen der Konzerthalle in aller Ruhe und Genauigkeit durchforscht. Man sah ihm an, er ist hier nicht zum ersten Mal und wusste genau, welche Plätze zu dem besten zählen. Auch heute, am 19 Dezember 2016 war die freie Platzwahl, wie immer am Mittwochskonzerten der Musikkulturen. Diese Konzertreihe ist im WDR live übertragen. Für heutige Veranstaltung wurde sogar das Cembalo aus Köln extra hierher gebracht.
Es waren noch einige Plätze frei, drum war ich überrascht, als er mich nach dem freiem Stuhl fragte und sich direkt neben mir setzte.
Das Spiel begann. Nein, nein, die angesagte Gruppe hat noch nicht mal die Bühne betreten, ich meine Geschlechter-Spiel.
Er las gelangweilt das Programm-Flyer.
Ich schrieb noch kurze WhatsApp Nachricht an meine Jungs. Sie wollen immer wissen, wo ich bin und was ich so treibe, besonders abends, wenn es sich die Dunkelheit auf die Erde senkt und die Schatten der Nacht die Ausschau nach den einsamen Passanten halten.
Ich war entzückt, als er sich leicht zu mir drehte, mit seinen tadellos weißen Zähnen lächelte mich an ...und so begann unsere Konversation.
Meine Entzückung verblasste augenblicklich. Ich weiß nicht mehr, worüber er gesprochen hat. War mir auch egal. Ich bekam Kopfschmerzen und mir war plötzlich übel.
So rutschte ich ein wenig zur Seite und stellte meine Handtasche zwischen uns. Er hatte jedoch meine Absicht nicht verstanden und versuchte immer sich näher an mich zu drängen.
Wie froh ich war, als der Moderator, wie immer, dem Publikum erklärte, was zu tun ist und klar machte, dass es sich um live Übertragung handelt.
Ja, der noble Herr war anscheinend nicht gewohnt, dass man ihm sagte, was er zu tun habe. Ich vernahm seine laute Bemerkungen beschämend. Viele Zuhörer drehten sich um und dachten, dass wir zusammen gehörten. Wie peinlich.
Bevor noch die angesagte Gruppe (bis heute ist mir ganz wenig von der Veranstaltung in Erinnerung geblieben) die Bühne betrat, habe ich ein freien Platz in der ersten Reihe erspäht, der zwar reserviert war, aber nicht mehr belegt. Ich machte ein Satz nach Vorne und war erlöst von meinem lästigen Nachbarn. Dachte ich. Nein, ich habe mich getäuscht. Der Mann hatte wahrscheinlich ein Gefallen gefunden, mich zu verfolgen und das Publikum zu nerven.
Er machte mir nach und setzte sich auf dem noch freien Stuhl direkt hinter mir, in die zweiten Reihe.
Er kommentierte hinter meinen Rücken weiter, summte leise vor sich hin und verströmte atemberaubende Düfte. Wie konnte er wissen, dass ich gegen Knoblauch allergisch reagiere. Dazu noch Alkoholfahne - eine explosive Mischung. So bekam ich wieder Probleme und kämpfte mit meiner Übelkeit. Nein, den Saal zu verlassen, nein, das schaffe ich nicht, ich habe mich soooo auf heutigen Abend gefreut.
Mir ist dabei aber nicht entgangen, wie der Moderator geheime Zeichen dem Raufbold gabt, die aber keine Wirkung zeigten.
Ja, endlich Pause. Die Fenster wurden weit geöffnet, ich sammelte mich langsam zusammen und ging Richtung Fenster. Meine Lunge, ja, mein ganzer Körper musste entgiftet werden.
Ich brauche Sauerstoff, wenn ich das alles überstehen soll.
Eine Gruppe Musikliebhaber, die am Fenster stand, machte mir den Zugang frei. Ich musste ganz blass und mitgenommen ausgesehen haben.
Die mittleidigen Blicke sagten schon alles. Als mich einer junge Frau aus der Gruppe fragte, ob der Herr mein Gemahl wäre, packte ich meine Sachen und verließ eilig den Konzertsaal. Wie eine Gejagte lief ich die Treppen runter und dabei drehte ich mich alle paar Stufen um.
Gott sei Dank, kein Verfolger war im Sicht.
Draußen freute ich mich, die schöne, saubere Luft einatmen zu dürfen.
Dem eleganten Herr habe ich nie wieder in der Oetker-Halle gesehen.