Die Rettung oder Angst hat große Augen
Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 08.12.2021, 23:09
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Nein, es war kein böser Traum oder eine Fata Morgana. Ich kann mich noch gut erinnern, als wäre es erst gestern passiert.
Auch damals wollte ich es nicht wahrhaben und musste mich kneifen. Auf der Stelle bildete sich ein dunkelrot verfärbter Fleck. Trotzdem lief ich weiter. Ließ mich nicht ablenken. Meine Schritte wurden immer schneller. Der Nebel verdichtete sich. Die Lunge schmerzte. Mein Brustkorb drohte zu zerbersten. Die Beine spürte ich gar nicht mehr. Dünne Zweige peitschten schmerzhaft mein Gesicht. Ich versuchte mich mit meinen Händen zu schützen und die Zweige rechtzeitig abwehren, bevor sie wieder und wieder auf meinen Körper prasseln.
Ja, ich erinnere ich mich noch heute ganz genau.
„Wenn ich bloß den Swenty See oder die alte Schleuse erreiche, dann bin ich gerettet“, hoffte ich leise.
Ich kannte gut diesen Wald. Tiefer, in den Wald dürfte ich nicht alleine und habe mich bis damals auch nicht getraut. Die drei Kreuze, nein, lieber nicht. Nachts sollte man diesen Platz meiden. Die Menschen aus den nahliegenden Dörfern erzählten unheimliche Geschichten von Geistern und einem weißen Pferd. Immer flüsternd, dass wir, die Kinder nichts mitbekommen, was uns natürlich noch mehr spannte.
Ich geriet in Panik und hatte nur einen Gedanken, schnell zurück. Zurück in die Lichtung mit meiner Blumenwiese. Total verängstigt und erschöpft stolperte ich über eine dicke Baumwurzel und fiel direkt auf den nassen Boden in eine stinkende Jauche. Diesen penetranten Geruch habe ich noch heute in der Nase, wenn ich irgendeinen Wald betrete. Das half mir schnell auf die Beine. Wollte keine Minute länger liegen bleiben.
Verwirrt und verdreckt, von Hunger und Durst geplagt ein kleines Mädchen, das sich im Wald verlief.
„Die werden mich bestimmt suchen“ - schoß es mir durch den Kopf.
Die Dämmerung setzte ein. Es wurde immer dunkler. Tiefes, samtiges Blau schmiegte sich um die knorrigen Laubbäume und schlanke Tannen. Ja, ich hatte damals Angst und spüre sie noch heute, wenn ich zurück denke. Ich mochte nicht weiter nachdenken. Ich wollte auch nichts sehen, am besten Augen zu. Alleine, nachts, im Wald. Sofort kamen mir die grausamsten Geschichten in den Kopf von dem Waldgeist, den wilden Wildschweinen, Rotkäppchen, Wölfen.
„Böse Gedanken. Weg mit euch. Ich will euch nicht“, befahl ich mir.
Die Bäume erschienen mir noch grösser, untersetzter. Mächtige Äste, zusammen verzweigt, verstellten mir die Sicht, auch nach oben. Riesige Schatten bewegten sich plötzlich. Ich hörte pfeifend flüsternde Stimmen. Im Unterholz knackte es. Einmal. Nochmal. Der Wald fing an zu leben. Ganz andere Geräusche als sonst. Die kannte ich nicht.
Ich spürte, dass meine Kräfte schwanden. Es wurde immer dunkler. Jetzt sah ich noch kaum, aber dafür hörte ich umso besser. Wieder ein Knacken. Ich habe mich nicht verhört. Das sind möglicherweise Wildschweine.
„Ich muss schnell auf den Baum klettern“, war mein erster Gedanke.
„Nein, das kann ich nicht, das schaffe ich nicht. Die sind unendlich hoch“, verzweifelt versuchte ich meine Gedanken zu ordnen.
Zu spät. Zwei wilde schwarze Schatten rannten schon auf mich zu. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Meine blutige Hände legte ich auch mein zerkratztes Gesicht, um mich zu schützen und spürte schon eine samtig-feuchte Zunge.Wie aus der Ferne hörte ich auch viele Stimmen und sackte zu Boden. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass ich gerettet wurde. Langsam, aber fröhlich und scherzend haben wir unser Hof erreicht. Ich wollte nichts essen, nichts trinken nur noch schlafen. Der Cygan* und Bukiet* durften ausnahmeweise diese einzige Nacht in meinem Zimmer, neben meinem Bett schlafen. Wir drei verzichteten auch auf das Frühstück und schnarchten um die Wette bis zum Mittag.
Cygan und Bukiet - es waren unsere Hofhunde. Der Cygan war schwarz und groß, wie ein Kalb. Vielleicht auch, weil ich erst 5 Jahre alt war und „Kurzware“ genannt wurde, was so viel wie klein hieß. Der Bukiet war nicht viel kleiner, gelblich, mit wunderschöner flaumigen, daunenweichen Rute. Wir waren nur Mädchen. Abends wurden die Hunde in unserer geräumigen Küche gefüttert. Wenn der Papa mit den Hunden die Küche betrat, waren wir im Nu alle grade anwesenden Mädels auf dem Küchentisch. Der Tisch war auch so groß, wie eine kleine Theaterbühne. Wir blieben da stehend, bis die Riesen mit dem Fraß fertig waren.
Karola