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Die neue Hose

Von Reineke1794 Samstag 04.06.2022, 07:50



Die Farbe war verblasst, das Gewebe lappig und die Größe seit einiger Zeit nicht mehr so recht stimmig. Eine neue Hose musste her. Als Arbeitshose taugte sie zwar noch, die alte, fand deshalb ihr neues Zuhause im Werkzeugkeller. Mit der Neuen kam dann aber alles ins Wanken, wurden Entscheidungen erforderlich, begann ein neuer, realistischer Lebensabschnitt und das war so.........

Der eingebaute Kleiderschrank hat vier Schiebetüren, erstreckt sich über die gesamte Breite des Raumes, ist vorzüglich eingeteilt mit Fächern, Schubkästen, Kleiderstangen, die Langes und Kurzes aufnehmen, solche, die für besonders lange Kleidungsstücke gedacht sind und dann solche für die kürzeren Teile. Ideal, um es kurz zu sagen. Probleme hatte ich allerdings, als die Neue im Hosenspanner eingeklemmt war und nun zwischen den anderen Hosen und Jacken ihr Zuhause finden sollte. Es war zu eng, einfach zu eng. Die Stange war voll, hingen doch auch noch einige Kleidungsstücke meiner Frau auf dem Metallrohr, das trotz der guten Qualität mittlerweile dazu neigte, sich etwas durchzubiegen. Hinter den anderen Schiebetüren einen Ausweg zu suchen, machte keinen Sinn, wären doch sonst niemals Damenkleider in meinem relativ bescheidenen Bereich gelandet.

Diese, wie hier beschriebene Situation, brachte etwas in Gang, was ich seit Jahren immer wieder verdrängt hatte: Ein riesiger Kleiderschrank, gefüllt hinter allen Türen, müsste entlastet werden.
Schöne Sachen hingen da. Kleider, die ich besonders an ihr geliebt hatte, Kostüme, die sie so elegant gemacht hatten, Mäntel die sie nicht nur gewärmt oder geschützt hatten, sondern nach meinem Eindruck mit ausgesprochen gutem Geschmack ausgewählt worden waren, Blusen, in denen sich vielleicht Jahreszeiten widerspiegelten, einfarbig, bunt, verspielt, zart, weich oder weit, Kleidungstücke, mit denen ich besondere Ereignisse verband, alles, aber auch alles war für mich zur Erinnerung geworden. Über Jahre hatte ich die Schiebetüren nicht mehr bewegt. Wozu auch? Jetzt aber griff die Vernunft, dieses Tabu zu durchbrechen. Besser konnten die Stücke nicht werden, die da hingen und lagen, ordentlich geschichtet, sortiert oder aufgehängt. Ich rang mich dazu durch, alles an ein Sozialkaufhaus als Spende abzugeben.

Eine Woche etwa dauerte es, die Kleidung durchzusehen, ordentlich zusammenzulegen bzw. zu verpacken und in mehreren Fuhren nach und nach dem neuen Bestimmungsort zuzuführen. Im Laufe der Jahre hatte sich Staub auf den Kleidungsstücken abgesetzt und so ergab es sich, dass die Arbeiten mit der Kleiderbürste, dem Fusselroller etc. verhinderten, mich zu oft in Erinnerungen fallen zu lassen oder gar der Versuchung zu erliegen, das eine oder andere Stück behalten zu wollen. Passiert ist es dann doch, ein ganz klein wenig jedenfalls.

Ein Stück Papier habe ich mir aufbewahrt.

Sieben Zentimeter lang, dreieinhalb breit, organgefarben, mit schwarzen Lettern und Ziffern bedruckt.

Auf einem Kleiderbügel, auf dem ein langes, schwarzes Abendkleid gehangen hatte, hing es, sozusagen in das Kleid hineingehängt, diese kleine schwarze Abend- oder Theater-Schulter-Täschchen, mit Perlmutt versehen. Verschiedene Dinge befanden sich darin, vom Taschentuch bis zu etwas Kleingeld und eben dieses kleine Stück Papier.

Renaissance-Theater steht am oberen Rand, dann die Anschrift, die Telefonnummer und schließlich in großen Buchstaben: Parkett – Reihe 7, links, Sitz 92 - Dienstag, 24. Juni 2003 – 20:00.

Beinahe auf den Tag genau, vor 19 Jahren, waren wir also im Renaissance- Theater. Da wir gerne und somit relativ häufig gerade in diesem Schauspielhaus gewesen sind, kann ich mich natürlich nicht daran erinnern, was wir gesehen haben. Hat uns ein Stück sehr angesprochen, dann sind wir in der Regel noch in einem Lokal in der Nähe eingekehrt, um über das Gesehene zu reflektieren. War das nicht der Fall, sind wir meist direkt nach Hause gefahren, um den Abend dort ausklingen zu lassen.

Im ersten Moment wollte ich recherchieren, was es gegeben hat, damals, doch dann verwerfe ich den Gedanken. Was soll mir das bringen, frage ich mich. Spontan fällt mir ein, dass die Mark noch nicht einmal 1 ½ Jahre vorher vom Euro abgelöst worden war, dass der Fall der Mauer noch keine 13 Jahre her war und ein Krieg im Irak mit dem Einmarsch Großbritanniens und der USA begonnen hatte, damals im Juni 2003. Und jetzt? Wir haben einen nahen Krieg, einen in Europa, was wohl kaum mehr jemand gedacht hatte. Geschichte und Gegenwart verschwimmen unter anderen Vorzeichen. Der Euro verliert an Wert wegen der sich aufbauenden Inflation und die jungen Menschen bis zu 30 Jahren haben den Fall der Mauer schon gar nicht mehr miterlebt. - Ich fasse es nicht.

Nein, ich will mich nicht erinnern im Detail. Das Stück Papier werde ich in eine Schublade legen im Schreibtisch, vielleicht dorthin, wo der entwertete Personalausweis liegt, die alten Pässe mit den Stempeln und Einreisevisen in ferne Länder, die mittlerweile ungültige Geldkarte und die paar seltenen Knöpfe eines Anzuges, dessen Größe auch nicht mehr so richtig stimmig ist, den ich übrigens noch mit Mark und Pfennigen bezahlt hatte. Eigentlich kann der jetzt weg.

Die neue Hose hätte dann spielend Platz in meinem Bereich des Schrankes und natürlich noch viel mehr dort, wo die Türen auch zukünftig kaum mehr bewegt werden dürften. - Doch, was soll sie dort, so alleine, die neue Hose?

Gut, ich könnte dann einige weitere Kleidungsstücke mit umhängen, dann wäre die Enge auf der Stange völlig vorbei. Aber irgendwie verloren würden sie da baumeln diese Kleidungstücke. Und außerdem: Ich will sie ja gar nicht immer sehen, diese große Leere, wenn ich die zweite Schiebetür bewege.

Die Entscheidung fällt: Die neue Hose bleibt in „meinem Bereich“, basta!




Reineke 1794 im Juni 2022

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