Die Liste
Von
Reineke1794
Donnerstag 24.03.2022, 06:25
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Reineke1794
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23 Namen sind es, die am Abend des 24. März 2022 auf der Liste für diesen Tag stehen. Dreiundzwanzig Namen, dreiundzwanzig Schicksale, dreiundzwanzig Menschen, die den Namen auf der Liste zugeordnet werden können. Menschen, die ihr eigenes Leben gelebt haben mit Freuden und Trauer, Erlebnissen kleinen und großen, die Schmerzen erfahren und Erfolge erlebt haben, Wünsche hatten und Hoffnungen, Ziele verfolgten und vielleicht ihre großen und kleinen Geheimnisse wahrten.
Zu jedem Namen gäbe es eine Lebensgeschichte zu erzählen, die es wert wäre, bekannt gemacht zu werden, doch greife ich nur einen Namen aus der Liste, weil ich über diese Person am meisten weiß.
Kyra L., 27 Jahre jung, in Nibolske geboren, einem kleinen Ort nordöstlich von Mariupol gelegen, keine 20 Kilometer vom Zentrum der Hafenstadt entfernt. Als sonniges Kind beschreiben sie ihre Eltern, das so glücklich auf dem Lande aufgewachsen ist. Besonders mit Tieren hat sie es gehabt, berichtet ihre Mutter stolz, die nach wie vor noch in Nibolske mit ihrem Mann lebt. Fotos kramt sie hervor, die Kyra als kleines Mädchen zeigen, barfuß mit einem Stöckchen in der Hand, das einige Gänse vor sich her treibt. Kyra mit einem Kätzchen auf dem Arm, ein anderes Bild. Wie sie mit flacher Hand einem Pferd Zucker reicht, ein weiteres Foto. Kyra mit dem Hund des Nachbarn und dann auch noch mit ihren beiden Kaninchen, die sie fürsorglich gepflegt hat, wie die alte Frau mit belegter Stimme berichtet, sich immer wieder mal eine Träne aus dem Gesicht wischend.
Mit 15 habe sie sich aufgemacht in die Stadt. Eine Lehre als Frisörin habe sie begonnen, erfahre ich. Die ersten beiden Jahre sei sie abends immer noch nach Hause gekommen, doch dann wollte sie ihren eigenen Haushalt gründen.
„Mit 25 wurde sie Mutter. Das kleine Söhnchen mit dem Namen Yan hat sie allein aufgezogen. In ihrem Beruf war sie sehr tüchtig“, berichtet die alte Frau. „Viele Kurse und Weiterbildungsveranstaltungen hat sie besucht. Ein Ziel hat sie nie aufgegeben, sie wollte Maskenbildnerin werden beim Theater oder Film. Erst im letzten November hat sie die Prüfung mit Auszeichnung bestanden und war überglücklich, vielleicht noch in diesem Jahr, ja, noch in diesem, mit der neuen Tätigkeit in ihrem Traumberuf zu beginnen. Auch hinsichtlich der Liebe hatte sich eine sehr erfreuliche Wendung ergeben. Kyra hat einen liebenswerten Partner gefunden. Nicht gerade ein Traummann vom Äußeren her, jedoch sehr zuverlässig, fleißig, zupackend und aufmerksam. Besonders hervorzuheben ist, wie er sich um den kleinen Yan kümmerte. Als dieser neulich Fieber hatte, wäre Wladimir beinahe ausgerastet. Doch, doch, Wladimir ist ein riesiges Glück für unsere Kyra. Seit 14 Tagen hat sie ihn jetzt allerdings nicht gesehen, da er eingezogen worden ist. Wo, das durfte er nicht verraten“, erklärt die Mutter von Kyra.
„Ja, ja, heute genau vor einem Monat begann dieser unsägliche Krieg“, äußert die alte Dame mit leiser Stimme, so als würde sie mit sich selbst sprechen. „Erst diese Drohungen mit den Manövern rundherum, unsere Ängste und Hoffnungen und Ängste und dann wieder Hoffnungen und wieder Ängste. Und dann dieser Tag, als der Präsident von Russland ein Papier unterzeichnet hat, das für uns der Anfang vom Ende gewesen ist. Unserer Regierung hat er vorgeworfen korrupt zu sein, in der Ostukraine einen Genozid zu begehen, allesamt Nazis zu sein und auch noch drogenabhängig, sich der Nato anschließen zu wollen, obwohl die Ukraine doch gar kein selbständiger Staat ist und zu Russland gehöre usw. usw. usw. Und dabei geht es diesem Menschen im Kreml, diesem Lügner, diesem Unmenschen, der Schuld hat am Tod meiner kleinen Kyra hat, doch nur um den Machterhalt und die Macht überhaupt“, meint die alte Frau unter Tränen.
„Heute vor einem Monat haben sie angefangen zu schießen mit Granaten und Raketen und mit Flugzeugen Bomben zu werfen. Was hat denn meine kleine Kyra diesem Putin getan? Der kennt sie doch gar nicht, mein kleines Mädchen und trotzdem hat er befohlen, diese furchtbaren Dinge zu tun. Mein Gott, ich verstehe das doch alles nicht mehr,“ erklärt die alte Frau völlig verzeifelt, als ich mich von ihr verabschiede.
Kyra ist auf die Liste gekommen, weil eine Nachbarin anhand der Bluse der Toten aus dem 6. Stock in dem riesigen Wohnblock in der Shevchenka St die junge Frau hatte identifizieren können. Kyra hatte ihr am Vorabend diese schwarzweiße Bluse mit den Quadraten und Dreiecken als Muster noch voller Stolz gezeigt, hatte sie doch vor, sich heute in den Filmstudios zu erkundigen, ob und wann sie vermutlich mit ihrer Arbeit beginnen könne.
„Nein, gemerkt haben kann sie nichts mehr“, meinte die Nachbarin von Kyra. Nach ihrer Kenntnis hatte Kyra wohl noch wie üblich ihren morgentlichen Kaffee aus der großen Tasse getrunken, als das Geschoss direkt die Scheibe am Balkon durchschlagen hat und mit einer heftigen Explosion die gesamte Wohnung zerstörte und auch gleich die Wohnung darunter und die darüber. Den kleinen Yan hatte die Nachbarin kurz vorher abgeholt, weil die Mama ja einen Termin hatte. „Das war sein Glück. - Sein Glück?“ fragte die Nachbarin und Tränen treten ihr in die Augen, die ihr dann sogleich über die Wangen laufen.
Am selben Tag führte Putin im Kreml ein Gespräch mit einem Staatsgast. Ein langer Tisch trennte die Gesprächspartner. Es wird gemunkelt, dass Putin fürchte, an covid 19 zu erkranken, wenn er nicht auf den nötigen Abstand achte. Wer möchte denn auch ohne Not mit Fieber, Halsschmerzen und ähnlichen Beschwerden im Bett liegen, wenn der Frühling sich ankündigt, wenn die Sonne an Kraft gewinnt, wenn das erste Grün die Menschen erfreut, die Farben zurückkehren, die bunten Krokusse, die Osterglocken, die Primeln und in wenigen Wochen die Kirschblüte so viel Freude verspricht?
Die Liste mit den 23 Namen vom 24.03.2022 wurde am Abend von einem Bediensteten der Stadtverwaltung in dem Ordner „Kriegsopfer der Stadt Mariupol“ abgelegt. Völlig korrekt vor der Liste vom 23.03.22 und davor jener vom 22.03.22 und davor wiederum vor der Liste vom 21.03.22.
Der kalendarische Frühling hatte übrigens bereits am Sonntag, dem 20. März begonnen.