Die Begegnung Teil I
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 19.04.2022, 11:24 – geändert Donnerstag 21.04.2022, 14:48
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Es liegt Stille über dem Tal und die Sonne ist noch nicht bis zum Boden vorgedrungen. Auf den Gräsern glänzen Tautropfen. Ringsum erheben sich die hohen Berge bis in Gottes Himmel. Kein Mensch wird je dort sein, wo ihre Chakren den Himmel berühren, dass könnte auch kein Mensch aushalten. Die Energie ist einfach zu hoch – dort, wo sich die Berge mit dem Höchsten verbinden.
Mein Name ist Ämina und in ihm liegt mein ganzes Leben. Es ist der Name meiner Großmutter. Das ich ihn tragen darf, geht mit dem Segen einher, den mir meine Mutter Ama bei meiner Geburt gab. Ich bin wie sie, ich höre die Stimmen der Vergangenen und sehe Bilder aus dem Leben der Lebenden. Schon als ich klein war, kamen die Menschen zu mir und zu Großmutter, die diese Gabe auch besaß und an meine Mutter weiter gab. Meine Ama starb kurz nach meiner Geburt und Großmutter erzählte mir immer wieder von ihrer Schönheit, Wärme und Güte, mit der sie in der Welt gewesen war. All das habe sie in meine Seele gelegt, bevor sie ging.
Ämina ist mein Geschenk an die Welt..., waren ihre letzten Worte.
Ama, die Dienerin des Himmels, so nannte sie liebevoll meine Großmutter, und mit ihren Worten kamen Wärme und ein Leuchten in mein Herz. Und ich sah das Glitzern der Tränen in ihren Augen, wenn sie mir von meiner Mutter erzählte. Mein Vater war noch vor Ama gestorben. Kurz nachdem er mein Leben in sie gab, und als ich gerade begann in ihr zu wachsen, starb er bei einem Unfall in den Bergen. Meine Ama und mein Vater sind nah bei mir, ich kann sie spüren, so wie ich auch meine geliebte Großmutter spüre. Sie verließ mich im letzten Herbst und ging heim in die lichte Welt.
Hier, am Rande des kleinen Dorfes, geborgen und geschützt von den heiligen Bergen, lebe ich in der Hütte meiner Großeltern. Seit ich hier im Tal lebe, wechselt das Jahr zum zweiundzwanzigstem Male. Wie meine Eltern und Großeltern zuvor, lebe ich mit meinen Ziegen und von dem, was unser Land hergibt. Die Menschen, die zu mir um Rat kommen, bringen Wolle, Felle und die Dinge zum Leben mit, die ich selbst nicht habe. Mein Leben ist gefüllt, schlicht und schön.
Wie meine Eltern und Großeltern, steige ich einmal in der Woche hinauf in die Berge. Was ich selbst nicht benötige, teile ich dort mit den Männern, die für uns alle in Meditation und Stille versinken und beten. Ihr Glaube ist stark, denn sie sind viele. Es ist diese Kraft, die uns Menschen verbindet. Aber bei den Mönchen ist nicht alles im Licht. Es gibt sie, die Tage, an denen ich mich von ihrer Energie zurück ziehe. Sie senkt sich wie ein dunkles Tuch hinab ins Tal. Oft spüre ich schon den Beginn der Wandlung, lange bevor das Dunkel unser Tal einhüllt. Dann kommen alle aus dem Dort zu mir. Es ist wohl mehr eine innere Ahnung als ein Wissen, die sie zu mir führt. Weil meine Hütte zu klein ist für uns alle, sitzen wir mit den Ziegen im Stall. Jeder trägt ein Talglicht und wenn alle da sind, dann befestigen wir unsere Lichter in der Mitte des Stalles auf dem großen Stein. Schon seit jeher gibt es diesen Stein hier im Tal. Meine Großeltern haben den Ziegenstall vor langer Zeit um ihn herum gebaut. Im Tal gab es immer sehende Frauen, lange vor meiner Großmutter und Ama, die diese Gabe an mich verschenkten. Sie ist es, die Gabe des Sehen, die mich warnt und für uns alle sorgen lässt.
Auch wenn unser Dorf eingebettet zwischen den hohen Bergen liegt, liegt auch das Tal schon hoch über den Ebenen, auf denen die kleinen Pferde in Herden leben. Ich bin nie dort gewesen, aber die Menschen erzählen mir von den Ebenen. Wenn ich mich dann in sie versenke, dann sehe ich die Herden und die Menschen, die dort mit ihnen leben. Heute werde ich wieder hinauf steigen. Ich habe Ziegenkäse eingepackt und gekochte Wurzeln, Beeren und von den Fladen, die Lhaina mir brachte. Sie sorgt sich um ihre kleine Tochter, die so schmal bleibt und oft erkrankt. Ich verbinde mich mit ihren Ahninnen und bitte eine davon, zu gehen. Sie tut dem Kind nicht gut. Diesmal konnte ich die Botschaft der Ahnin deutlich verstehen und ihre Bitte an die Mutter des Mädchens weiter geben. Wenn diese die Bitte erfüllt, dann wird ihre Tochter heilen.
Die Mittagssonne hat die Nebel aufgelöst und schon lange alle Tautropfen von den Gräsern und Pflanzen getrunken. Der Aufstieg ist auch diesmal beschwerlich, denn der Korb, den ich auf dem Rücken trage, ist schwer. Ich mache eine kleine Rast. Aus dem Berg ist eine Steinzunge gewachsen, die frei über dem Tal zu schweben scheint. Hier ruhe ich immer aus. Auf dieser Höhe hat Gras und Moos noch genügend Halt auf dem Stein, und ich lasse mich gerne auf diesem weichen Teppich nieder. Weiter höher wird es karger werden. Ich liebe diesen stillen Platz, über dem sich im Fels weit oben ein Adlerhorst befindet. Die Rufe der Jungen hallen durch das Tal.
Alles ist Energie. Die Sonne, die Tiere, ihre Stimmen, die Stille und auch ich. Selbst meine Gedanken sind Energie. Und die Bilder und Schemen aus einer lang vergessenen Zeit sind Energie. Nie bin ich allein. Wesen, lichtvoll und oft auch dunkel, sind bei mir, aber nichts ängstigte mich je. Ich kann sie fühlen und oft auch sehen und hören.
Als ich oben am Kloster ankomme, bin ich dankbar, meinen Korb vom Rücken nehmen zu können. Der Mönch, der mir den Korb am Tor abnimmt, schaut mich erstaunt an und bedankt sich. Ich warte vor dem Tor, denn Frauen ist das Betreten des Klosters verboten. Es ist nicht immer der gleiche Mönch, der mir den Korb abnimmt, und dieser kannte mich noch nicht. Ich kann sein Staunen gut verstehen. Mein Vater kam aus einem anderen Land. Ich trage Haare wie er sie hatte. Sie sind hell und meine Augen haben die Farbe des Sommerhimmels, so beschrieb sie meine Großmutter. Ich habe mein Tuch um meinen Hals gelegt, damit der Wind die Anstrengung des Aufstiegs fort tragen kann. Wie sehr mein Haar im Sonnenlicht glänzen kann, habe ich oft im Wassertrog meiner Ziegen gesehen. Ja, und dieses Leuchten hat auch mich immer wieder staunend gemacht. Die Menschen hier haben dunkle Haare und auch eine andere Augenform und Augenfarbe. Während ich auf meinen Korb warte, sitze ich am Rand des Felsen, der hier ein kleines Plateau bildet. Hier wächst kein Moos und nur wenige dünne Pflanzen haben sich in den schmalen Zwischenräumen verwurzelt. Um so mehr bin ich in ihre blauen Blüten verliebt. Sie verzaubern mich, weil sie aus dem Kargen solch Schönheit entwickeln.
Gottes Welt ist wunderschön – mit allem, was in ihr ist.
Ich sitze auf einem Tuch und schaue über die Welt. Versunken in meinen Empfindungen und Gedanken, erschrecke ich mich leicht, als ich mich an meiner Schulter berührt fühle. Ich hebe meinen Blick und schaue in zwei gütige Augen, die zu einem jungen Mönch gehören, den ich nicht kenne. Er reicht mir seine Hand, damit ich leichter aufstehen kann. Mein leerer Korb steht neben ihm.
Als unsere Hände sich berühren, hört der Wind auf. Um uns ist tiefe Stille und es scheint mir, als ob wir gemeinsam durch die Zeit reisen. Ich sehe seine Ahnen hinter ihm, um dann weiter in die Reise seiner Seele zu schauen. Manches zeigt sich sehr deutlich, anderes nur als Schemen. Ich betrachte alle Bilder aufmerksam und staunend, während sich zwischen uns ein magisches Feld öffnet. In ihm fühle ich das Aufgehen der Sonne, das Nährende des Regens. Geburt und Tod und Wiederkehr. Das Sehen erfasst mein ganzes Sein und als sich unsere Blicke begegnen, erkennen wir einander und er lässt meine Hand los. Alles ist sichtbar und fühlbar – nichts ist verborgen. Dieses Erkennen sehe ich auch in den Augen des Mönches. So stehen wir und immer noch halten wir einander im Blick. Plötzlich dreht er sich um und läuft zurück. Das Tor schließt sich hinter ihm.
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Fortführung des Textes leider im Teil II
---- hier muss ich den II. Teil einstellen, weil der ursprüngliche Text nicht mehr genommen wird.
habe eine Systeminfo bekommen. Heute morgen war wohl die Textlänge ok.