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Die Begegnung Teil II

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 19.04.2022, 18:47 – geändert Mittwoch 11.05.2022, 12:02

Fortsetzung:

Es ist Abend und schon lange ist das Tal in der Umarmung der Dunkelheit verschwunden. Ich liebe diese Stille und sitze vor dem Stall der Ziegen auf meiner Bank, als sich von den Bergen eine Stimme zu mir senkt. Ich höre sie deutlich in mir und ich weiß, es ist die Stimme des jungen Mönchs. Diese Stimme kommt aus seiner Stille und ich höre sie in meiner Seele. Er erzählt mir aus seinem Leben, davon, wie er zu den Mönchen kam und er nennt mir seinen Namen; Sangpo. Er erzählt mir von seinem Erkennen, und dass er schon lange in seinem Herzen von mir weiß.
Von diesem Tag an ist Sangpo immer am Tor, wenn ich mit meinem Korb komme. Er bringt den Korb ins Kloster und setzt sich dann zu mir an den Rand des Felsen. Dort sitzen wir still und blicken über die Welt. Ohne Worte zu benutzen wissen wir, dass wir uns wieder begegnet sind, wie schon viele Male zuvor. Und es kam der Tag, als wir dort Seite an Seite saßen, wo Sangpo mit seiner Hand nach meiner griff.
Wir sitzen, schauen über die Welt und er hält meine Hand.
Diese reine Berührung unserer Hände enthält alle Innigkeit und Liebe, die wir füreinander in unseren Seelen tragen. Dennoch kann er nicht zu dieser Berührung seinen Blick in meine Augen versenken, denn dann wäre nichts mehr, wie es für ihn ist. Ich weiß um seinen inneren Kampf. Würde er meine Hand berühren und gleichzeitig in meine Augen schauen, würde er das Kloster verlassen. So viele Leben schon waren wir einander begegnet, ohne als Mann und Frau miteinander zu sein. Es gab sie immer, die Wahl, die Entscheidung zu treffen, und wir wissen beide in der Tiefe unserer Seele, dass es immer um diese eine Liebe ging.

Viele Monde waren vergangen, als Sangpo wieder mit mir zusammen vor dem Kloster ist. Inzwischen ist es so kalt, dass wir beide eingehüllt in Ziegenfellen nebeneinander stehen. Es ist zu kalt, um uns auf den Felsen zu setzen. Unter uns sind die Nebel, die das Tal verbergen, über uns der klare Himmel und um uns die hohen Berge.
Er erzählt mir von seiner Entscheidung im Kloster zu bleiben, und ich kannte seine Worte, bevor er sie spricht. Er schaut mich nicht an, sondern spricht in das Tal, in den Himmel und zu den Bergen, und ich, ich fühle seinen inneren Kampf. An diesem Tag hält Sangpo lange meine Hand und er geht mit mir den Weg abwärts. Lange schon war das Kloster nicht mehr zu sehen, als er mich küsst. Als er seinen Blick in meine Augen gibt, während er meine Hand hält, haben wir beide eine Ahnung, von der Liebe, die uns verbindet. Eine Liebe, die uns durch die Zeit und all die Leben begleitet hatte und darauf wartet, gelebt zu sein. Dann ging er zurück.

Abschied

Es war der letzte gemeinsame Tag, die letzte gemeinsame Zeit, das letzte Treffen. Lange noch saß ich dort oben und schaute auf den Weg, der zum Kloster führte. Sangpo war nicht mehr zu sehen. Ich blieb sitzen, obwohl die Dunkelheit mich mahnte, saß ich auf der Felsenzunge, dem kalten Moos – umhüllt von der hereinbrechenden Nacht.
Ich kann nicht davon berichten, was genau geschah, dass ich nicht mehr zurück fand. Außer, das ich wohl abglitt, vom glitschigem Felsen und in die Tiefe stürzte. Genau erinnern kann ich mich aber daran, wie ich Abschied nahm vom Tal, meinen Ziegen – die mich ganz sicher sahen, denn sie umringten meine Lichtgestalt, die so hell war, dass in ihrem Licht der Stall von innen leuchtete.
Ich besuchte alle Bewohner des Dorfes um Abschied zu nehmen, und stand lange am Lager von Lhainas kleiner Tochter, die erwachte und mich lächelnd anschaute. Sie hatte zugenommen und war gesund. Ihr legte ich meine Hand auf ihr Herz und lies mein Licht und meine sehende Gabe zu ihr fließen. Als ob sie wusste, was ich tat, schloss sie die Augen und lächelte still
Einige Tage später, mein Körper war gefunden worden, beweint und betrauert, verließ ich das Tal und erhob mich ein letztes Mal, um nun auch von Sangpo Abschied zu nehmen. Das es keinen Abschied für immer gibt, dass wusste ich schon zu Lebenszeiten.

Dieses Mal „betrat“ ich das Kloster. Es gab keine Hindernisse, Verbote oder Mauern mehr. Als ich den kleinen Raum betrat, in dem Sangpo mit anderen Mönchen im Gespräch war, hörten alle Worte auf. Sie hoben erstaunt die Köpfe und schauten sich fragend an, als suchten sie die letzten Sätze zu finden. Sehen konnten sie mich nicht. Es war still. Für einen Moment.
In dieser Stille stand Sangpo auf und ging nach draußen, bis vor das Tor. Er setzte sich auf seinen Platz und ich mich neben ihn, auf meinen. Seine Hand suchte nach mir, strich über den leeren Stein, wo ich immer neben ihm gesessen hatte. Als ich meine Hand auf sein Herz legte, begann er zu weinen. Er nannte meinen Namen und ich erzählte ihm, dass wir einander erkennen werden, wenn es an der Zeit ist.
Lange noch saßen wir beisammen und schauten über die Welt.
Als ich mich von ihm löste, begleitete mich seine sanfte Stimme, die mir von all dem erzählte, was er mir nie erzählt hatte. Von seinen Gefühlen, seinem inneren Kampf, seiner Hoffnung und seiner Verzweiflung. Ich hörte alles und entfernte mich langsam, im Wissen, dass wir uns zu einer anderen Zeit wiedersehen.
„Ämina....Ämina.…“, leiser und leiser wurde seine Stimme, mit der er mich liebevoll rief, bis sie verging.

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