Der Weg
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Feierabend-Mitglied
Donnerstag 28.07.2022, 10:07 – geändert Donnerstag 28.07.2022, 12:05
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… in jungen Jahren war ich sehr krank. Tröstend fand ich in so mancher Kirche einen Platz zum ausruhen – nachdenken. Da ich nicht wusste, wie dieses Lebensereignis für mich enden wird, ich allein mit meinen kleinen Kindern lebte, war dieser Ort für mich nicht selten der einzige Trost.
Und eines Nachts träumt ich diesen Traum: Mir träumte, ich sei auf einem Kreuzweg.
Es ist in langer Weg voller Menschen. Ich gehe unter ihnen und trage ein Kreuz auf meinem Rücken. Vor mir und hinter mir sind Menschen auf dem Weg und tragen ein jeder sein Kreuz. Alle tragen ein Kreuz.
Mein Kreuz ist so schwer.
Der Weg vor mir erstreckt sich bis zum Horizont und wenn ich zurückschaue ist es das gleiche. Mein Kreuz ist so schwer. Ich bin nur noch mit seinem Gewicht beschäftigt und komme kaum vorwärts. Nun erst bemerke ich, dass es den anderen Menschen ebenso ergeht wie mir. Langsam, langsam, Schritt für Schritt bewegt sich der Menschenzug – endlos. Mein Kreuz ist so schwer. Da sehe ich einmal aufmerksam vor mich hin.
„Oh mein Gott!“ Vor mir sehe ich ein kleines Kind, sein Kreuz ist noch größer als meines. Das Kind ist so zart und mein Herz bricht fast vor Mitgefühl. Ich halte das Kreuz des Kindes mit ganzer Kraft, so gut ich kann. Nun erst sehe ich mich deutlicher um. Rings um mich sind so viele Kinder mit Kreuzen und dort, wenige Schritte vor mir ein alter Mann, ein Greis. Er kommt nicht mehr vorwärts. Mein Mitgefühl ist übergroß, ich hebe sein Kreuz und er atmet auf. So helfe ich die Kreuze heben. Für Augenblicke, für Momente. Jetzt bemerke ich auf einmal ganz erstaunt, wie ich die Last meines eigenen Kreuzes vergaß und nicht mehr spüre. Engel halten mein Kreuz und ich sehe auch warum.
Links und rechts von unserem Weg ist eine Leere. In ihr sind auch Menschen. Viele. Sie erscheinen mir völlig gleichgültig, erscheinen, als wären sie ohne Erbarmen. Sie tanzen und reden und gestikulieren mit ihren Händen. Irgendwie sind sie ohne Unterbrechung mit irgendetwas beschäftigt. Nur kurz staune ich über ihr Treiben, dann auf einmal erkenne ich mit Entsetzen, was sie tun. Sie legen ihre Kreuze ab. Sie legen sie auf die Menschen im Menschenzug, auch auf die Kinder. Ich fühle mich erstarrt, wie gelähmt. Fassungslos!
Wir bewegen uns langsam – die Kreuze sind so schwer. Manchmal trägt ein Mensch so viele Kreuze, dass er unter ihnen zusammenbricht. Dann kommen Engel und heben ihn sicher empor. Ein Mensch aus der Leere erhält dessen Platz und auch die Kreuze. Nun ist er unter uns im Menschenzug und auch ihm wird geholfen ein Kreuz zu tragen. Am Wegesrand entdecke ich Engel. Sie reichen den Erschöpften flüssigen Honig. Der muss wohl direkt aus dem Himmelreich kommen, denn sein Genuss gibt den Trinkenden neue Kraft.
Während ich mich langsam vorwärts bewege, beobachte ich alles sehr bewusst und aufmerksam. Ich trage und helfe tragen und bin im Menschenzug unterwegs. Nur auf dem Kreuzweg bewegen sich die Menschen vorwärts, wenn auch langsam.
Schritt für Schritt. Die Menschen jenseits des Weges, bewegen sich unaufhörlich, tanzen, springen hin und her, sind fast atemlos ob ihrer Anstrengungen, aber sie bleiben an ihrem Platz. Ich fühle ein Bedauern in mir, während ich sie betrachte, ein Bedauern und auch Mitgefühl.
Vor mir liegt mein Weg, ich bin Eine von vielen und in der Ferne sehe ich das Licht.
In diesem Traum fand ich in der schweren Zeit meinen Anker. Heute in der Rückschau, hat mich dieser Traum gestärkt und mir Zuversicht geschenkt.
Die Kinder sind erwachsen und ich habe das große Glück vom Leben geschenkt bekommen, auch Enkel herzen zu können.
Das ich seither ein Traumbuch führe, ist wunderbar. Ich erinnere mich immer an meine Träume und schreibe sie auf. Wenn ich mich in diese Träume versenke, sie in Musestunden lese, dann erscheint es mir, als habe ich während ich schlief ein zweites Leben erlebt.
Text und Bild Mali25