Der gute Vorsatz
Von
Reineke1794
02.01.2022, 11:35
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Reineke1794
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Warum?
Diese Frage stellte sich Richard zu recht, bin ich einerseits so glücklich und andererseits so beunruhigt. Bereits seit 15 Minuten lief er mit seinen neuen Laufschuhen, der schicken, regenabweisenden Funktionsjacke und der langen Hose mit drei Balken an den Seiten, durch den morgentlichen Park. Auf dem Weg dorthin, den er natürlich joggend zurückgelegt hatte, verspürte er ein Gefühl der Überlegenheit, als er an Menschen vorüberlief, die so müde wirkten, so unfroh, so unsportlich, um es mal direkt auszudrücken.
Natürlich hatte es ihn einige Überwindung gekostet, an diesem Morgen in die Laufschuhe zu schlüpfen, seine neue Sportsachen anzuziehen, denn es nieselte an diesem 1. Januar, dem ersten Tag des neuen Jahren. Die Temperaturen waren allerdings sehr angenehm für einen Anfänger, zeigte das Thermometer doch 9 Grad und 11 waren immerhin zu erwarten. Auf dem Weg zum Park hatte er einigen Haufen von Rückständen der Knallerei in der vergangenen Nacht ausweichen müssen. Sogar einige Sektflaschen standen noch auf dem Bürgersteig an der Ecke Regenstraße/Hufeisenweg. Überbleibsel, oder besser Startrampen von Raketen, die den Himmel in der Nacht mit bunten Lichtern für Sekunden erhellt hatten. Richard focht dies alles nicht an, verstärkte vielmehr sein Gefühl der Überlegenheit, denn er war es, der den Widrigkeiten des Wetters trotzte bei diesem Nieselregen, der feuchten Luft, die er in seine Lungen sog und dann mit einem sichtbaren Hauch wieder ausstieß. Nun, die Waden schmerzten ein wenig, war diese Art von Bewegung ja für Richard noch sehr ungewohnt. Bald merkte er auch, dass er das Gefühl hatte, die eingesogene Luft genüge ihm nicht völlig. Somit drosselte Richard das Tempo ein wenig.
„Beim Laufen sollen sich ja Glückshormone einstellen – Wie hießen sie noch einmal“, überlegte Richard. „Ja, ich kenne sie sogar beim Namen“ vervollständigte er seine Überlegungen, während er mechanisch einen Fuß vor den anderen setzte. „Dopamin, Serotonin, Endorphine, Oxitocin und P, ja mit P fing das 5. Glückshormon an, ja mit Ph, verdammt, wie war noch mal der Name?“, versuchte Richard seinem Gehirn zu entlocken. „Ach, ist auch egal. Bei mir scheinen sich diese blöden Hormone noch versteckt zu halten. Nicht Glück empfinde ich, sondern, dass die linke Wade jetzt auch noch zu krampfen beginnt. Mist verdammter, ich werde doch nicht schlapp machen?“ war Richards Frage, als er an den Wendepunkt im Park gelangte. „Wade schmerzend, Luft knapp, was soll's, ich bin auf dem Weg, meine Willenskraft zu beweisen“, fuhr es Richard durch den Kopf. „Sabine wird staunen, dass er seine gestern Abend geäußerte Absicht tatsächlich umgesetzt hat“, überlegte Richard. „Nur gelacht hat sie und ihn an seine guten Vorsätze im letzten Jahr erinnert und an jene im Jahr davor undsoweiterundsoweiterundsoweiter. Ja, auch Holger und meine Kollegen werden sogar ein wenig neidisch sein, wenn ich ihnen am Montag von meinem Entschluss berichte, den ich am 1. Januar nun tatsächlich umgesetzt habe. - Mann, wann kommen sie nun endlich, diese sogenannten körpereigenen Drogen? Wo bleiben sie denn, die wunderbaren, endogenen Drogen, über die er immer wieder gelesen hatte?“, fragte sich Richard.
„Oh Frau Mangel und ihr Mann machen einen Morgenspaziergang. Donnerwetter, das hätte ich den beiden gar nicht zugetraut. Na ja, krampfende Wade hin oder her, Luftknappheit ja oder nein, an den beiden werde ich jetzt aber so was von kraftvoll vorbeilaufen, dass sie sich bestimmt nach mir umdrehen werden“, überlegte Richard. „Guten Morgen und alles Gute für das neue Jahr!“ brüllte Richard, der Neu-Jogger, den beiden entgegen, als er nahe genug war und dann zog er, ein wenig mehr Tempo aufnehmend, an ihnen vorüber. „Ab der Schwarzkiefer dort hinten, werde ich meine Geschwindigkeit wieder herunterschrauben“, nahm sich Richard vor, als er merkte, wie er um mehr Luft zu ringen begann.
Noch etwas überlegte Richard. „Wenn ich an der Pappelallee nach links laufe, dann kann ich eine Menge abkürzen, bin ich in sieben, spätestens in acht Minuten daheim und alle Anstrengung hat ein Ende. Duschen werde ich dann gleich und Sabine wird eh schon mit dem Frühstück warten. Sabine, ja das hat sie sicher von mir nicht mehr erwartet. Doch, ich bin sehr zufrieden mit mir, habe ich es doch in diesem Jahr geschafft. Sind wohl doch diese verdammten Glücksgefühle, diese Hormone. Mit Ph fing das 5. an. Vielleicht ist es genau dieses, das mich im Augenblick so zufrieden macht“, fuhr es Richard durch den Kopf.
Beinahe hätte ich es vergessen, eingangs sprach ich davon, dass Richard einerseits so glücklich war und andererseits so beunruhigt. Der Anlass für die Beunruhigung ist schnell berichtet oder soll ich sagen, das Warum ist schnell beschrieben?
Es war der Moment, als Sabine die Vorhänge im Schlafzimmer zurückgezogen hat und ihn ermahnte, nun endlich aufzustehen. Immerhin sei es schon 9 Uhr durch und sie möchte sich nun gerne an den Frühstückstisch setzen. „Stell dir vor,“ flötete Sabine dann mit einem leichten Lächeln im Gesicht: „Herr Mangel ist doch tatsächlich vorhin ab Haus vorbeigejoggt. Ganz neue Laufschuhe hatte er an, eine schicke Funktionsjacke und natürlich eine neue Jogginghose mit jeweils drei Streifen an der Seite.“
Richard schloss die Augen, drehte sich im Bett herum und bat Sabine, die Vorhänge wieder zu schließen, denn er fühle sich überhaupt nicht wohl. So geschah es dann auch. Sabine aber ging an den gedeckten Frühstückstisch, goss sich einen Kaffee ein, schaute aus dem Fenster und freute sich, dass an diesem 1. Januar sogar mal wieder die Sonne schien.