Der Geschmack von Amerika
Von
Reineke1794
Donnerstag 09.12.2021, 11:17
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Reineke1794
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Natürlich habe auch ich die Serie mit dem Titel gesehen „Ein Hauch von Amerika“, hat sie mich doch angeregt, mich an diesen Ausschnitt meiner Kindheit zu erinnern. Eine ganze Reihe von Vergessenem tauchte wieder auf aus jener Zeit mit den Amis, wie wir die Besatzer in der amerikanischen Zone verkürzt bezeichnet haben. Meine Erinnerung betrifft eine Zeitspanne, in der es kein Fraternisierungsverbot mehr gab, eine Zeit also, in der das German Froilleinwonder schon weitgehend ein fester Begriff geworden war. Es war auch die Zeit, als es die Berufsbezeichnungen „Magd“ und „Knecht“ noch gab und über solch eine Magd will ich heute berichten.
Elena, so ihr Name, war noch eine relativ junge Frau, die gleich nach ihrem Schulabschluss bei dem Bauern als sogenannte Magd eine Stellung angenommen hatte. Dies war allerdings bereits ein paar Jahre bevor meine Mutter mit meinem Bruder und mir bei eben diesem Bauern nach wochenlanger Flucht untergekommen waren. In der bayrischen Kleinstadt war es mit dem Einmarsch der Amerikaner nach und nach immer lebendiger geworden, gab es Tanzveranstaltungen, Bars und auch auf den Straßen viel mehr Verkehr neben den üblichen Ochsen- und bestenfalls Pferdegespannen. Jeeps fuhren durch die Straßen, Lastwagen, olivgrün gestrichen mit großen weißen Sternen beiderseits der Türen zur Fahrerkabine. Gelegentlich rumpelte auch ein Panzer über das Kopfsteinpflaster, doch soll dies nicht Gegenstand meiner Erinnerungen sein. Diese richten sich vielmehr auf Süßigkeiten, die mir bis heute geschmacklich in bester Erinnerung geblieben sind.
Elena, die junge Frau auf dem Bauernhof, hatte sich nämlich in einen Ami verliebt. Nun, Begriffe wie Verliebtheit oder Gspusi, wie in Bayern ein Verliebter, eine Verliebte genannt werden, hatten für mich zu jener Zeit noch keine besonderen Inhalte, wurden vielmehr über Beobachtungen meinerseits so nach und nach mit jenen gefüllt. So ergab es sich, dass mir eines Tages aufgefallen war, dass Elena und der „Geliebte“ - ich meine natürlich den Ami - häufiger auf dem weitläufigen Grundstück des Bauern eine Art Gartenhaus aufsuchten, in dem vor allem Stangen für den Anbau von Tomaten, Bohnen oder Gurken aufbewahrt worden sind. Das Interesse der Beiden weckte natürlich auch meines für das Häuschen und so ergab es sich, dass ich das Gspusi Elena und den Gspusi Ami dort besuchte. Anfangs schäkerten sie mit mir, gab es einiges zu lachen, doch dann bedeuteten sie mir, dass sie was Wichtiges zu besprechen hätten. Zum Dank für mein Verständnis überreichte mir der Ami ein verpacktes Stück Schokolade, vergleichbar einem Snicker und dies auch hinsichtlich des Geschmacks. In meiner Erinnerung schmeckte dieses Stück Schokolade noch besser als ein Snicker, wie man ihn kennt. Allein aufgrund dieser Erfahrung behielt ich das Gartenhaus zukünftig im Auge und tauchte selbstverständlich immer dann dort auf, wenn Elena und der Ami etwas zu besprechen hatten, was ich aber nicht mit anhören sollte und somit für mein Einsehen belohnt werden konnte.
Über den Fortgang dieser Geschichte kann ich leider nicht berichten, da wir Monate später eine Wohnung gefunden haben und deshalb weggezogen sind. Der Geschmack dieser wunderbar zarten Schokolade, gefüllt mit Erdnussanteilen, Karamell und wer weiß, was noch allem, ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Nie wieder ist er mir in dieser Form begegnet. Von Elena habe ich später auch nichts mehr gehört. Erinnert habe ich mich an sie jetzt aber, als ich die Serie über den Hauch von Amerika im Fernsehen gesehen habe. Na ja, ist alles auch schon eine ganze Weile her, das mit den Amis, den Jeeps, den Deutschen Froilleins, dem Gartenhaus und diesen wichtigen Gesprächen.