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Der Dirigent lächelt

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 31.08.2021, 13:00

Manchmal schreibe ich mir einfach die Wehmut weg.
Gerade ist manchmal.
Im Fernsehen läuft der Messias.
Der Raum ist voll von Musik.
Und mit der Musik sind da Erinnerungen.
Und Gedanken.
Darum schreibe ich jetzt.
Mit der Musik immer noch im Hintergrund.

Wehmut ist süß.
Barockmusik ist langweilig, sagte mein Sohn.
Für eine Weile schien mir da was in meiner Erziehung schief gelaufen.
Seit ich ihn zur Chaconne von Bach verdonnerte, ist alles wieder okay.

Wie alt ist der Messias eigentlich.
Es ergreift mich, dass ich ihn jetzt höre.
Da waren Menschen nicht anders.
Die gleichen Sehnsüchte.
Die gleichen Niederlagen,
Nix anders.
Nur dass Händel keine sms verschickte.
Mit Bildern seiner opulenten Mahle,

A Hund war er scho – würde der Bayer an sich sagen.
Ich weiß nicht so recht, wie ich es mir vorstellen soll.
Da saß Händel irgendwo in Engeland.
Und schrieb Note für Note.
Für die Cellisten, die Oboisten, die Bläser.
Die Sänger und Sängerinnen.
Für die Geiger.

Einer der Geiger hier ist rothaarig und sieht sehr englisch aus.
Es wird in englischer Sprache gesungen.
Das ist komisch.
Weil Englisch ist die Sprache der Popmusik und italienisch die der anderen.

Hat er das Zusammenspiel dieser vielen einzelnen Partituren schon in sich gehört, als er schrieb
War da nie ein falscher Ton, den er so nicht bedacht hatte,
Den er grinsend korrigierte, als es beim Spielen falsch quietschte.
Es klingt so feierlich.
Und manchmal einfach nur schön.
Und dann lächelt der Dirigent.
Er lächelt öfter.

Ich war mal bei Justus Frantz und seinem Orchester der Nationen.
Alle Musiker kommen aus den unterschiedlichsten Ländern.
Gerade hatte der Krieg in der Ukraine begonnen.
Der Russe, der Ukrainer spielten ein Solo.
Harmonisch.
Der Krieg ist heute noch on.

Dieses Orchester spielte so schön, dass ich an Gott glaubte.
Wirklich.
Das war unvergleichlich und der Dirigent drehte sich zum Publikum um und fragte, ob wir das auch gehört hätten, wie schön das war.
Ich habe es gehört

Wenn der Dirigent lächelt, dann ist was göttlich.

Warum nun Wehmut?
Weil all das, was ich bis hierher schrieb in Sekunden ablief und zur Entdramatisierung dienen soll.
Ich will euch schließlich nicht vorwehmuten.

Es ist immer das Leben, kleine große Momente des Lebens, die mit Musik verbunden vorbei flitzen.
Schöne Momente sind es meist.
Und die machen viel mehr traurig als hässliche Momente.
Warum?
Und warum je älter, desto mehr weh?

Weil die Vergänglichkeit bewusster, das Nie Wieder elementarer, das endgültige Aus näher...vielleicht.

Meine Erinnerung jetzt sind uralt.
Mein Vater und ich.
Kirchenchor und Orgelmusik.
Schon mit vier saß ich neben ihm an der Orgel.
Und mit 15 bekam ich sein grinsend Blinzeln, wenn er in sein Orgelspiel
einen Walzer mogelte.
So viel hätte ich ihm heute zu sagen.
So sehr wünschte ich mir, dass er von der Musikalität seiner Nachfahren wüsste.
So weht tut es, wenn ich mir sein Gesicht vorstelle, sein kleines Lächeln.
Es gab ihn.
Und dann ist er einfach nie mehr da.

Ich werde auch irgendwann nie mehr da sein.
Das passt mir gar nicht.
Was solls.
Alles, was da abläuft beim wehmütigen Musikhören ist ein gewesenes Ist.
Das hat zu genügen!
Basta!















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