Der badende Poseidon
Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 13.10.2021, 14:17
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Es war schon recht spät. Die Lichter am gegenüberliegenden Ufer gingen in der bestimmten Reihenfolge schon an. Auf den Straßen und Plätzen kehrte die Ruhe ein. Für eine Weile hörte das Leben auf zu pulsieren.
Der laue Abend erfrischte mich und vertrieb die ganze Müdigkeit. Ich verspürte noch keine Lust den Heimweg anzutreten. Nach der Hitze des Tages war ich erst richtig frisch und munter. Ich setzte mich auf die Bank der sonst sehr belebten Uferpromenade und genoß den Abend. Nur wenige verliebte Pärchen kuschelten in dieser romantischen Umgebung und tauschten diskret Zärtlichkeiten aus. Auch einige Senioren ruhten sich aus auf den bunt gestrichenen Holzbänken. Von Wasser her wehte eine zarte Brise mit salzigen Geruch. Die samtige Dämmerung breitete sich aus. Alles um mich war wie verzaubert, unwirklich. Ich stand auf, ging ein paar Schritte näher zum Wasser, setzte mich auf einen Stein und schaute verträumt in die Weite. Am Horizont konnte ich keine Schiffe mehr erkennen. Die momentane sentimentale Gesinnung erfasste mein Inneres.
Nur die neugierige, hell glänzende Frau Luna umschiffte würdevoll die friedlichen Wolken. Ja, Vollmond, schon immer mein guter Freund. So konnte ich manche Feier bis zum frühen Morgen gut überstehen.
Mit der Rückkehr brauche ich mich nicht zu beeilen. Am Schlafen war ohnehin nicht zu denken.
Plötzlich entdeckte ich eine leuchtende Spur im Wasser. Ich schaute gebannt und fasziniert. In diesem Moment kamen mir Odysseus-Reisen in den Sinn.
Und jetzt war mir auch so, als hätte ich den Poseidon beim Baden beobachtet. Ich konnte nicht direkt schauen. Das Licht kam immer näher und kräftiger in meine Richtung von und durch die Wellen getragen. Zum Schluss so grell, dass ich meine Augen zukneifen musste.
Der leuchtende Streifen übte auf mich eine magische Wirkung aus.
Plötzlich streifte ein Lichtstrahl mein Auge. Ich spürte einen Schmerz und kniff automatisch beide Augen fest zu. Einen Moment lang konnte ich gar nicht sehen. Irgendwas hat mich total geblendet. Ich drehte mich um, weg von dem Licht und wagte nicht die Augen zu öffnen.
Nur, wo sind seine Rosse geblieben? - dachte ich noch ein wenig benommen.
Ich brauchte eine Weile, bis ich zur Realität fand. Leider war schon sein prächtiges Gespann wie ein Blitz zwischen den Plejaden verschwunden, sausend und nicht mehr zu erkennen. Vielleicht Richtung der Milchstraße?
Anstrengend schaute ich mir die Sterne an. Es war beim Vollmond nichts zu entdecken. Nicht mal der Große Wagen.
In diesem magischen Moment spürte ich gewaltige kosmische Kräfte. Ich, der Mensch - klein, unbedeutend, wie eine Ameise.
Und die Natur. Gewalten, die uns inspirieren oder vernichten. Naturereignisse, die uns zu staunen bringen oder auch beängstigen.
Wer kann schon die Götter begreifen?