Damenwahl
Von
Reineke1794
Freitag 18.06.2021, 10:36
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Reineke1794
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Schon vor einem halben Jahrhundert war es schwer, in München eine Wohnung zu finden. Für junge Leute wurde die Suche dadurch etwas erleichtert, indem es immer mehr Heime gab, die eine Unterkunft anboten. Lehrlingsheime gab es, Studentenheime, Heime für männliche, weibliche, katholische, evangelische junge Menschen usw. usw. Eine Bedingung mussten fast alle dieser jungen Wohnungssuchenden erfüllen: Sie mussten relativ anspruchslos sein. Immerhin, in der Innenstadt von München hatte ich ein Zimmer. Nicht mein Zimmer, sondern ein Vierbettzimmer. Großes Fenster, zwei Etagenbetten, vier Spinde, vier Stühle, ein Tisch und ein Waschbecken. Duschen und Toiletten auf dem Flur der Etage. Das Haus, in dem ich wohnte, war gut geführt. Auf gutes Benehmen, Rücksichtnahme und die strengen Hausregeln wurde Wert gelegt. Das Essen war ordentlich. Zweimal im Jahr gab es einen Ball. Im Februar einen Faschingsball und im Herbst den Herbstball. Von letzterem möchte ich erzählen.
Der Speisesaal, zum Ballsaal umfunktioniert, war kaum wiederzuerkennen. Herbstlaub und Lampions schmückten die Wände. Die Tische zu jeweils Achtertischen zusammengeschoben, waren hübsch dekoriert und wir alle in bester Laune. In der Mitte des Saales die Tanzfläche. Drei Mädchen, ebenfalls aus einem Mädchenheim, saßen mit an unserem Tisch. Musik lieferten ein Bandgerät und ein Plattenspieler, die ein Mitbewohner des Hauses bediente. Gelegentlich gab es Einlagen seitens eines andern jungen Mannes aus unserem Haus, der auf dem alten Klavier, das stets im Speisesaal stand, mal einen Boogie darbot, die Melodie eines Songs von Elvis Presley oder einen heftigen Rock hämmerte.
Aufgefallen ist sie jedem im Saal. Eine wunderschöne Figur hatte sie, blonde Haare, etwas Schmuck darin, ein schwarzes, eng angliegendes Kleid mit einem langen Schlitz an der Seite trug sie, hatte eine hellrote Schärpe um die Taille gebunden und hochhackige Schuhe an. Von unserem Tisch aus gesehen, saß sie allerdings relativ weit entfernt, so dass es schwierig sein dürfte, noch vor einem anderen Bewerber um einen Tanz mit ihr zu bitten, war meine erste strategische Überlegung. Mich in der Tanzpause in der Nähe ihres Tisches so ganz zufällig herumzutreiben, meine zweite, doch hatte ich dazu wiederum keine rechte Lust, denn sie saß ja nun mal nicht völlig allein an ihrem Achtertisch. Wenn ich mir vorstellte, wie ich auf halben Wege plötzlich kein Ziel mehr hatte, weil sie dann schon vergeben war, dämpfte dies zusätzlich die Motivation für einen Wettlauf. Hinzu kam die Überlegung, dass ich im Falle des Falles gar nicht so recht wusste, worüber ich mit ihr plaudern könnte. Manche Mädchen bekommen ja beim Tanzen den Mund nicht auf und ich selbst bin schließlich auch keine Stimmungskanone, also jemand, der immer gleich vor lauter lustigen Einfällen nur so sprüht, war eine weitere Überlegung meinerseits. Somit blieb ich während dies Abends eher in meinem Revier, tanzte mal mit einem Mädchen am Tisch oder einem, das nicht so weit entfernt saß. Gelegentlich begegnete ich ihr auf der Tanzfläche, wenn ich selbst mit einer Partnerin das Tanzbein schwang. Völlig überraschend lächelte sie mir dabei zu. Zunächst war ich überzeugt, dass dieses Lächeln jemandem in meinem Umfeld gegolten habe, doch wiederholte sich diese Beobachtung einige Male, so dass keine Zweifel mehr bestanden. Selbstverständlich schmeichelte mir dies und somit begann ich ganz ernsthaft Überlegungen anzustellen, wie ich zu einem Tanz mit diesem tollen Mädchen kommen könnte. Noch war ich mit meiner Planung beschäftigt, verfluchte ich den Umstand, nicht zu den tollsten Tänzern des Saales zu gehören, als völlig überraschend zur Damenwahl aufgerufen wurde. Gerade erst an meinen Platz zurückgekehrt, passierte das Unglaubliche. Dieses so elegant gekleidete, bildhübsche, schlanke Mädchen mit den großen Augen, den schön geschwungenen Lippen, diesem
reizenden Lächeln, steuerte - ja da bestand kein Zweifel mehr - auf unseren Tisch zu und
fragte mich – mich?, ob ich mit ihr tanzen wolle. Ich vermochte dies zunächst gar nicht zu fassen. Vermutlich wie in Trance einerseits, jedoch sehr stolz andererseits, bin ich mit ihr zur Tanzfläche marschiert, um dort den Takt für die ersten Schritte des Foxtrotts aufzunehmen, der gerade vom Band lief.
Noch überlegte ich verzweifelt, worüber ich mit ihr sprechen könnte, denn etwas Witziges oder zumindest Launiges wollte ich zu Beginn einer möglichen Unterhaltung schon bieten. Nicht ich war es aber dann, der die Unterhaltung einleitete, sondern sie. Noch heute hallt dieser Satz in meinen Ohren, wenn ich nur daran denke, ja spüre ich in der Erinnerung beinahe augenblicklich, dass es mich wie ein Schlag auf den Hinterkopf traf, als sie diese fürchterliche Frage an mich richtete: „W i e geht es deinem B r u d e r ? “ - „Was?, Wie? Warum?Was meinst du?“, so oder so ähnlich meine Reaktion.
Im Nu entspann sich eine lebhafte Unterhaltung, die später bei einem weiteren Tanz noch fortgesetzt wurde. Es stellte sich heraus, dass sie aus derselben Kleinstadt zwischen Passau und München kommt, mit meinem etwas jüngeren Bruder eingeschult worden war und nun seit zwei Jahren in einem Mädchenheim in München wohnt. Bei dem Versuch, mich an sie zu erinnern, kamen wir dann auch auf den einen Punkt zu sprechen, der sich in meine Erinnerung vor vielen Jahren eingebrannt hatte. Am ersten Schultag meines jüngeren Bruders hatten meine Mutter und ich diesen vor dem Schulgebäude abgeholt. Im linken Arm hielt der Bengel seine Schultüte und den rechten Arm hatte er um die Taille seiner kleinen Begleiterin gelegt. Diese aber, meine augenblickliche Tanzpartnerin, hatte ihren Arm keck über seiner Schulter neben seinem Hals hängen, als seien sie lang vertraute, beste Freunde. Wie gesagt, es war der erste Schultag meines Bruders. - Ich musste dann von ihm erzählen. Alles wollte sie über ihn wissen, stellte eine Frage nach der anderen, so dass ich das Gefühl hatte, gar nicht mehr anwesend zu sein.
Als ich zu meinem Tisch zurückkehrte, wurde ich angeflachst: „Na, war's schön? Gab's viele Fehltritte? Und, sag mal, wie ist sie? Kennst du die etwa?
Ich habe dann wohl auch recht passende Antworten gegeben, denn eines wollte ich unbedingt vermeiden, sollte auf jeden Fall verborgen bleiben, meine unbeschreibliche Enttäuschung in diesem Moment, bei diesem Ball, über das große Missverständnis, meine Fehleinschätzung, mein kurzzeitiger Groll auf meinen Bruder und überhaupt. - Ist doch wirklich wahr!