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"Durch die schweren Zeiten" (U. Lindenberg)

Von Feierabend-Mitglied Mittwoch 01.11.2023, 18:36 – geändert Donnerstag 02.11.2023, 08:16

Gedanken - Erinnerungen

Eigentlich war er nur mein Halbbruder. Dadurch, dass wir altersmäßig 12 Jahre auseinander waren, ich die große Schwester, er der kleine Bruder, fühlte ich mich immer irgendwie ein bisschen verantwortlich für ihn.
In meiner Herkunftsfamilie hatte ich den Part der Vernünftigen, die alles auf die Reihe bekommt, mein Bruder die Rolle des "schwarzen Schafes". Die hat er leider nie ablegen können.

Er war ein lieber, intelligenter Mensch, ich liebte ihn sehr. Als er später in den Drogensumpf abrutschte, geriet ich an meine physischen und psychischen Grenzen, als ich versuchte, ihn da heraus zu holen. Es war ein sehr schmerzhafter und leidvoller Prozess, bis ich verstand, dass ich gegen die Sucht machtlos bin.
Er durchlebte mehrere Therapien, Abbrüche, Neuanfänge, verschiedene Wohnorte. Das Band aber zwischen uns bestand, wurde nie zerschnitten. Unzählige Besuche in verschiedenen Einrichtungen, Krankenhäusern reihten sich aneinander.......
Die letzten 20 Jahre seines Lebens verliefen verhältnismäßig ruhig, er kam etwas zur Ruhe, lebte mit seinem Hund etwas dörflich im Münsterland mit professioneller Unterstützung ein zurück gezogenes Leben. Mindestens zweimal im Jahr besuchte ich ihn, zu seinem Geburtstag und zu Weihnachten. Weil es irgendwie ein trauriges Leben war, brauchte ich danach einige Tage, um wieder in mein seelisches Gleichgewicht zu kommen.

Vor sechs Jahren stürzte unsere demenziell veränderte Mutter schwer und lag verwirrt im Krankenhaus. Da sie ständig aufstehen wollte, sie es aber aufgrund eines Beckenbruches nicht sollte, sie nicht fixiert war und die Krankenschwestern und Pfleger sehr beschäftigt, verbrachte ich viel Zeit im Krankenhaus, um sie zu unterstützen.
Zur gleichen Zeit wurde mein Bruder ins Krankenhaus eingewiesen, am Telefon sagte er mir, dass einige Untersuchungen fällig wären. Ich versprach ihm, ihn so schnell wie möglich zu besuchen, es aber im Moment nicht ginge, da ich unsere Mutter nicht so unbetreut im Krankenhaus lassen könne. Das war für ihn in Ordnung, bat mich, wenn ich komme, ihm eine CD von Udo Lindenberg mitzubringen, es gab da einen Song, den er besonders mochte : "Durch die schweren Zeiten". Nach ein, zwei Tagen rief mich der Betreuer meines Bruders an, bat mich, ins Krankenhaus zu kommen, wenn ich ihn noch lebend sehen wolle.
Am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weg ins Münsterland, etwa zweieinhalb Stunden Fahrzeit, dann war ich da. Als ich in der Klinik nach der Zimmernummer fragte, wurde ich in einen Raum geleitet, dort befanden sich auch schon der Betreuer und ein Freund meines Bruders......er war fünf Minuten zuvor für immer gegangen.....
Ich hätte ihm so gerne die Hand gehalten......

Nachtrag: Das fand ich schön.....Auf seiner Beisetzung sang der Arzt, der meinen Bruder viele Jahre behandelt hatte, den Song "Durch die schweren Zeiten" von Udo Lindenberg und spielte auf seiner Gitarre dazu........

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