Wahre Traumküchen ...
Von
tastifix
Montag 06.09.2021, 06:21
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tastifix
Montag 06.09.2021, 06:21
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Schon seit etwa einem Jahr rede ich davon und sehe meine Traumküche bereits im Haus stehen. Nach zwölf Monaten des Grübelns ist es endlich soweit. Nur, so schwierig habe ich es mir nicht vorgestellt und so verrückt auch nicht.
In der Nachbarstadt gibt es ein großes Küchengeschäft, das fast keine Hausfrauenwünsche offen lässt. Allerdings stelle ich fest, dass einige meiner Mitstreiterinnen wohl durch die tollen Farbvorschläge, die blinkenden Fronten und erst die Griffe (ooh!) total geblendet sind und weitaus Wichtigeres glatt übersehen. Was die Stile angeht, beweisen die Küchenhersteller enorme Fantasie, vor allem bei den Landhausküchen. Ich habe nichts gegen ´Landhaus` - im Gegenteil schwärme ich dafür. Aber die Ausführung, vor der stehend ich mir fassungslos die Augen reibe, ist so kitschig, wie ich es bei einer Küche noch nie gesehen habe. Deshalb beschreibe ich sie jetzt mal:
´Ecru` als Frontfarbe - nicht schlecht. Aber dann: Die Dunstabzugshaube versteckt sich hinter einem extrem ausladenden Schornstein ähnlichen Umbau. Selbst der trägt noch ein verschnörkeltes taubenblaues Dekor, das mich sehr an meine ersten Nähversuche um den Nadelkissenstoffbuchrand herum erinnert. Schnell konzentriere ich mich auf andere Details und hoffe, dass sie sich in ein etwas schlichteres Outfit hüllen. Aber das muss ich vergessen! Die Schränke und Regale wollen offensichtlich dem Dunstabzugshaubenturm nicht nachstehen und haben sich ihr Festkleid angezogen, tragen auch Taubenblau und sind gleichfalls seitlich mit Schnörkeln versehen.
Dies reicht aber anscheinend noch nicht aus, um einer Heile-Welt-Küche gerecht zu werden. Darum haben sich die Hersteller äußerst liebevoll um die offenen Regale mit den wahrlich praktischen, extrem schmalen sowie sehr tiefen Fächern gekümmert und ihnen gedrechselte Mini-Säulen gegönnt. Bei diesem Anblick spricht meine Mimik deutliche Bände und der Verkäufer grinst breit. Ich fühle mich so erschlagen von all dem, dass ich mich nicht mehr bremse:
„Das ist ja ein entsetzlicher Kitsch! Zudem können diese Küche nur Putzteufel kaufen oder welche, die ebensolche beschäftigen!“
Wir lachen.
Den Ideenreichtum der Küchendesigner habe ich ja mehr als ausgiebig bestaunt. Jedoch meine ich, dass eine Küche vor allem praktisch zu sein hat. Deshalb tröste ich mich nun mit den vielen kleinen oder auch größeren Finessen, die der Hausfrau ihr Leid erträglicher oder ihr Hobby noch erfreulicher erscheinen lassen sollen.
Eigentlich betrachtet man etwas von oben nach unten. Bei Küchen prüfe ich zuerst, in welcher Höhe der Kühlschrank eingebaut ist. Desgleichen begutachte ich den Tiefkühlschrank und die Mikrowelle. Fällt der Befund zu meiner Zufriedenheit aus, nehme ich anschließend die jeweilige Dunstabzugshaube aufs Korn. Dunstabzugshauben mit Glasplatten finde ich irgendwie fehl am Platze, denn von unten steigt Dampf hoch und spritzt auch ab und zu etwas Fett. So überdenke ich lieber nicht länger den Arbeitseinsatz, der nötig ist, um eine solche Glasplatte sauber zu halten.
Auch mokiere ich mich über die überdimensionale Breite dieser rasant aussehenden Hauben. Vielleicht haben sich deren Hersteller ja mit der Liga der Allgemeinmediziner verbündet, die sich schon auf die vielen Patienten mit den dann ebenfalls überdimensionalen, vielleicht sogar farblich abgestimmt zur jeweiligen Küche leuchtenden Beulen freuen, die sich jene an den gefährlich scharfen Ecken ihrer geliebten hoch modernen Dampfvernichtungsmaschine in schöner Regelmäßigkeit holen.
Eindeutig verkleinern die Hauben also die doch als riesig beschriebene Arbeitsplattenarbeitsfläche darunter fast um ein Drittel. Die eignet sich dann kaum mehr dazu, sich auszutoben. Darum haben sich die um das Seelenheil der Hausfrauen so rührend besorgten Hersteller etwas ausgedacht, das jene betrübten Köchinnen und Bäckerinnen über diesen herben Verlust hinweg täuschen soll. Klappt aber nicht! Oder was haltet Ihr, liebe Hausfrauen, von einer dann selbstverständlich überüberdimensionalen Kugelvase, in der künstliche Blumen stehen, die überdies farblich so gar nicht zur schicken Küche passen, direkt neben dem Kochfeld platziert?
Aber es wird ja noch mehr geboten, was mich den Kopf schütteln lässt. eine solche Küche bietet ja noch mehr, was mich den Kopf schütteln lässt. Es fehlt ja jetzt Arbeitsfläche. Weil sich der Hunger der Verwandtschaft und des Freundeskreises mitnichten dementsprechend verringert hat, wird nun Ersatz angeboten. Ich ziehe an einem der blitzenden Griffe und gehe davon aus, es wird sich eine Schublade öffnen. Sehr richtig, aber ich staune! Mir zeigt sich eine zugegebenermaßen wunderbar glatte Fläche von 40cm im Quadrat. Wie mir erklärt wird, ist dies eine Zusatzarbeitsplatte.
„Na ja, immerhin!“, lobe ich, zum Glück nur ziemlich zurückhaltend, denn dann folgt der Hammer.
Misstrauisch verlasse ich mich nämlich nicht auf den schönen Schein, sondern gehe der Sache auf den Grund. Der Grund=Boden ist in diesem Falle ungut nahe. Denn ich mache die Probe aufs Exempel und stelle meine Handtasche auf jene Fläche. Die Platte begrüßt die Tasche durch höfliches Sichabwärtsneigen.
„Da hat jemand ´nen Knall gehabt!“, murmele ich und richte mein Augenmerk lieber fix auf die Schränke.
Sie gibt es in ganz niedrig, in niedrig, in mittel- und auch in Deckenhoch. Leider sehen mir bei jeder zweiten Ausgabe Milchglasscheiben entgegen. Diese bieten den Vorteil, dass, erwischt man statt des Griffes aus Versehen die Scheibe, nur die Kriminalpolizei eine weitreichende Arbeitserleichterung in Form zahlreicher Fingerabdrücke entdecken würde.
Genauso erwartet mich innen eine Überraschung. Also: Ich kenne es aus meiner eigenen, ganz normalen Küche so, dass hinter den Türen passend normale Einlegebretter eingesetzt sind. Aber das scheint heutzutage verpönt zu sein. Weil alles elegant aussehen soll, sehen mir, noch, weil bis dato unbenutzt, strahlende Klarglasscheiben entgegen. Ich konstatiere: Der Hausfrau stehen heutzutage eine Fülle raffinierter und raffiniertester Hilfsmittel zur Verfügung. Damit sie aber das Putzen nicht verlernt und eventuell deswegen noch hochmütig wird, haben die Hersteller(=Männer) diese Übermutsbremsen erfunden.
Nachwort:
Zum Glück sind solche verrückten Küchenausgaben eher seltener. Die meisten sind dagegen toll konzipiert!!