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Wahre Nächstenliebe: Die Post hatte meiner gedacht

Von tastifix Donnerstag 02.09.2021, 11:56 – geändert Donnerstag 02.09.2021, 13:06

Am Heiligabend blieben wir vormittags alle daheim, denn die letzten Vorbereitungen fürs Fest standen an. Niemand und nichts störte uns. Gegen Mittag räumte ich in freudiger Erwartung zahlreicher Weihnachtsgrüße den Briefkasten leer und hielt einen taubenblauen Zettel in der Hand:
„Briefsendung/Zahlungsanweisung!“
Abzuholen aber nicht an jenem Tag, sondern erst am nächsten Werktag.
„Wenigstens erst mal zu schellen ... Darauf kommen die wohl Heiligabend nicht!?“
Ich bin sauer.

Am Montag nach den Feiertagen marschierte ich zur Postfiliale des benachbarten Stadtteils.
„Wir waren alle zuhause und dann dies hier ...“
„Ja, wahrscheinlich hatte derjenige kein Geld bei sich“, meinte die Postangestellte.
´Hääh!??`
Sie durchforstete sämtliche Fächer. Nichts. Am Dienstag erschien ich dort zum zweiten Male auf der Bildfläche. Wieder nichts. Jetzt wurde ich wütend:
„Hören Sie mal: Ich sehe nicht ein, dass ich jeden Tag umsonst hierher komme!“
Die Angestellte hatte sowohl ein Einsehen als auch Mitleid und notierte auf meinem besagten Zettel vier Telefonnummern der Versandzentrale.
„Rufen Sie doch zuvor dort an!“

Daheim klebte ich den restlichen Tag am Hörer, ließ es 16x bimmeln - ohne jeden Erfolg. Nein halt: Unter einer der Nummern meldete sich tatsächlich jemand, nur war es leider eine Privatadresse.
„Tut mir leid. Sie sind falsch verbunden!“
Ein paar Minuten später probierte es meine Tochter ebenfalls mit derselben Ziffernfolge. Es hätte ja mal sein können, dass ich mich vertippt hatte. Dieselbe Stimme, nun bereits leicht pikiert. Ich konstatierte:
„Die Nummer ist eindeutig falsch!“

Am Mittwoch sparte ich mir den Gang zur Post.
„Gestern ist nichts da gewesen, also warte ich mal besser bis Donnerstag.“
Donnerstagmorgen war es in der Postfiliale entsetzlich voll. Also wieder ab nach hause. Wegen der Zahlungsanweisung machte ich mir mittlerweile schwere Gedanken und träumte gar nachts davon.
„Hab ich irgendeine Rechnung vergessen, aber welche nur?“
Und sah mich schon vor Gericht. Das einstimmige Urteil:
„Im Zweifel gegen die Angeklagte! (Highboard ade!)“
Ich wälzte mich im Bett hin und her und bekam Schweißausbrüche.

Der Silvesterabend bescherte mir einen mit Kartoffelsalat verkorksten Magen. Die augenscheinlich ausstehende Rechnung und das erbarmungslose Gerichtsurteil waren für einige erbarmungsvolle Stunden vergessen. Am Neujahrstag zwang ich mit eiserner Disziplin erfolgreich das bedrückende Gefühl nieder, wohl für die längste Zeit meines Lebens als ein anständiger Mensch durch die Welt gelaufen zu sein und genoss stattdessen den friedlichen Tag. Doch es sollte sich rächen.

Am nachfolgenden Samstag kurvten der Papa meiner Kinder und ich gen Post. Auch ihm war ein blauer Zettel ins Haus geflattert, allerdings einer ohne Zahlungsanweisung. Unterwegs schikanierte mich mein Gedächtnis mit zunehmenden Gewissensbissen:
´Was mach ich bloß, falls doch ... ?`
In meiner panischen Vorstellung war ich bereits total pleite. Aber der Schock darob war heilsam, brachte die Wende. Ich muckte auf und hielt meinen grauen Zellen eine gehörige Standpauke:
„Solltest Ihr nicht aufhören, mich dermaßen unverfroren zu ärgern, werde ich Euch in den nächsten Tagen mit einer solchen Unmenge englischer Vokabeln traktieren, bis Ihr Euch schlotternd vor Anstrengung fragen werdet:
´Wer sind wir denn eigentlich und wenn ja, wie viele?`
Urplötzlich herrschte Ruhe.

Aufatmend übergab ich der Postangestellten die ´Briefsendung/Zahlungsanweisung`. Gespannt wartete ich, ob und was passieren würde. Es tat sich tatsächlich etwas. Mit einem charmanten Lächeln reichte sie mir ein Päckchen. Als ich den Absender las, blieb mir die Spuke weg. Mit einer mehr als idiotischen Miene schaute ich die Frau an. In der Hand hielt ich eine der üblichen vierteljährlichen Büchersendungen des Buchclubs ....

Auf dem Heimweg durch die herrlich klare Winterluft regenerierte sich mein vernünftiges Denkvermögen. Ich sagte mir:
„Soo nicht!“
Daheim entwarf ich einen ziemlich ironischen Brief an den Postboten:
„Sehr geehrter Herr Briefträger!
Zu Ihren Gunsten gehe ich freundlich davon aus, dass Sie es wegen des Vorweihnachtshektik nur vergessen haben, auf Ihr wertes Eintreffen aufmerksam zu machen. Für den Fall, dass zum nächsten Weihnachtsfest wiederum ein Besuch Ihrerseits anstehen sollte, würde ich es als ausnehmend zuvorkommend ansehen, wenn Sie sich durch ein weihnachtlich rücksichtsvolles, nur leichtes Drücken der Klingel, die Sie direkt neben dem Eingang in Höhe des Türgriffs finden, ankündigen würden. Bedenken Sie bitte: Es ist der Geburtstag des Christkindes und kleine Kinder sind schreckhaft!!

Ich verbleibe mit wahrlich äußerst zugeneigten Grüßen
Ihre G.S.“

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