Rechtschreibreform für Schildbürger (2)
Von
tastifix
Dienstag 23.08.2022, 18:22 – geändert Mittwoch 24.08.2022, 10:38
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tastifix
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Die Wolke der Grübelei umhüllte erneut die Stirnen. Allerdings rechneten sie damit, dass sie die neue Herausforderung recht fix meistern würden, zumal sie durch die letzten Informationen noch dazugelernt hatten. Derjenige sollte Schultheiß werden, der ´Rechtschreibreform` nach den jetzigen Regeln richtig niederschrieb. Es entstanden die abenteuerlichsten Varianten.
„Reechtschraibreform!“, notierte der Erste.
Der Zweite wollte nicht nachstehen:
„Rechchtschreibrreform!“
Sah auch nicht schlecht aus, war aber genauso falsch.
„So kommen wir nicht voran! Wir müssen anders herausfinden, wer würdig für diesen Posten ist!“, stellte der Schultheiß fest. „Wir verschieben die Wahl und beobachten in den nächsten Wochen, wer besonders gut mit den Neuerungen klar kommt.“
Es war ein für ihn typisch weiser Entschluss. Jedoch geriet es zur Katastrophe. Ständig gestresster formulierten die Bürger ihre Briefe. Die Vereinfachung erwies sich als berühmt-berüchtigtes Damokles-Schwert, das als ständige Image-Bedrohung zunehmend gefährlicher über ihnen schwebte. Wo gehörte ein ´PP` hin und wo nicht, ein ´Ph` oder etwa nur `F`? ´Dass` nach dem Komma mit 1xs, 2xs oder eventuell gar 3x s?? Es brach ihnen der Schweiß aus vor Sorge, vielleicht dafür doch nicht weise genug zu sein.
Bald wagte es fast keienr mehr, etwas zu Papier zu bringen. Und wenn, dann stand dort ein Krautsalat aus alter und neuer Rechtschreibung. Offizielle Briefe ähnelten Nachrichten von einem fremden Stern. Familien verzweifelten fast: Sie konnten die neuesten Klatschnachrichten ihrer Angehörigen nicht enträtseln. Es blieb nicht bei verdoppelten oder fehlenden Buchstaben, auch die Wortendungen waren falsch. Um ihre Ratlosigkeit zu vertuschen, griffen die Bürger Schildas zu folgendem Trick: Sie reihten die phantasievollen Buchstabenfolgen nach freiem Gutdünken aneinander. Wichtiges teilten sie sich mündlich mit. Der Schriftverkehr versiegte mehr und mehr. Das alltägliche Leben geriet beinahe außer Kontrolle. Bevor aber das Chaos Schilda endgültig den Untergang brachte, bestätigte der Schultheiß mit einer resoluten Ansprache seinen Ruf, ziemlich klug zu sein:
„Liebe Mitbürger! Die Reform hat unsere Klugheit fast zunichte gemacht. Der letzte Brief lag vor zwei Wochen auf meinem Schreibtisch. Zu meiner Schande gestehe ich, dass ich ihn nicht enträtseln konnte. Könnt Ihr mir dabei helfen, wenn ich ihn jetzt vorlese?“
Es erwies sich als ein furchtbares Buchstabengewimmel ohne Punkt und Komma. Wenn die Bürger es schafften, jenes Kauderwelsch zu entschlüsseln, wäre ihr Ruf gerettet. Zum Glück kamen sie recht bald auf die einzig richtige Idee, bildeten Wörter und glichen diese der alten Rechtschreibung an. Stolz gestanden sie sich zu, ihr einstiges Wissen nicht verloren zu haben. Aus den Wörtern entstand einer der Sätze, wie sie sie gekannt hatten, bevor die Rechtschreibreform ihr Leben durcheinander gewirbelt hatte.
´Ich hasse die neuen Regeln und wünsche mir nichts sehnlicher zurück als die alte Schreibweise!`
Wer aber hatte noch den Mut besessen, diese schriftliche Mitteilung zu starten? Doch darin waren sie sich schnell einig: Es konnte nur der Schulmeister gewesen sein und so wählten sie ihn zum Schultheiß von Schilda. Sofort verbannte er die neue Rechtschreibung ins Kämmerchen der Erinnerung und führte die alte wieder ein.Von dem Tag an häuften sich die Briefe wieder. Schildas Ruf war gerettet, kluge Bürger zu haben.
Ihr Pfarrer übrigens hatte sich von der Diskussion fern gehalten, weil es ihm zu unwichtig war und stattdessen es vorgezogen, mit seinem obersten Chef büer die Bibel zu diskutieren.
Wie es sich ja nun bewiesen hatte, war er da der Klügste gewesen.